Es ist Wochenende und Zehntausende Touristinnen und Touristen quetschen sich durch die Strassen des historischen Stadtzentrums von Shanghai. Ohne ein Foto vor der populären Wukang-Villa geht praktisch niemand nach Hause. Shanghai ist unter den Jungen gerade sehr «cool». Man hört Thai, Malaiisch, Japanisch, Koreanisch – und Englisch.
Andrew Martillo aus Australien ist zum ersten Mal in China. «Ich habe China online oft auf Instagram gesehen», sagt der Softwareentwickler. Nun wollte er es sich auch mal in Wirklichkeit anschauen. «Was ich von den verschiedenen Medien gehört habe, ist völlig anders als die Realität hier.»
Eine ähnliche Reiseerfahrung hat Jean-Louis Bresson aus den Niederlanden gemacht.
«Es ist ganz anders als erwartet», sagt er, «ich hatte kein volles Bild und finde es sehr interessant, hier die chinesische Perspektive auf die Welt zu erfahren».
#chinatravel – ein Land im Trend
Im Jahr 2025 verzeichnete China rund 41 Millionen ausländische Einreisen. So viele wie noch nie. Auf Instagram, Youtube und Tiktok teilen sie ihre Erlebnisse unter dem hashtag #chinatravel – worüber dann wiederum oft die chinesischen Staatsmedien dankbar berichten.
China hat in den vergangenen Jahren viele Reisehürden abgebaut. Mehr als 30 Millionen Menschen sind letztes Jahr visumfrei eingereist, denn Reisende aus 75 Ländern benötigen heute kein Visum mehr. Auch das Bezahlen ist einfacher geworden: Die beiden Super-Apps Wechat und Alipay akzeptieren inzwischen ausländische Kreditkarten.
Li Meng arbeitet für die regierungsnahe Shanghaier Akademie für Kultur und Tourismus. Das Institut erforscht und fördert den Tourismus in Shanghai. Auf die Frage, warum China gerade so im Trend liegt, weiss er eine Antwort: «In einer turbulenten Welt, in der zahlreiche Konfliktherde toben, übt Chinas sichere, stabile und offene Haltung eine grosse Anziehungskraft aus», erklärt er.
Wie steht es um die Kritik am Land?
Auf den Strassen von Shanghai sprechen Touristen sehr positiv über ihre Reiseerfahrungen: freundliche Menschen, gutes Essen, superschnelle Züge. Und wie gehen die Leute damit um, dass China weiterhin eine Autokratie ist, und die Kommunistische Partei alleine an der Macht ist? Scheint kaum zu stören.
«Davon spüre ich nichts», sagt Coline Verdet aus Frankreich. «Ich sage nicht, dass es nicht so ist, aber man merkt davon im Alltag nichts.» Sie habe sich vor der Reise auf viel Überwachung eingestellt, habe vor Ort aber das Gegenteil davon erfahren.
Die US-Amerikanerin Louise Atadja macht eine ähnliche Erfahrung. Sie schätze ausserdem, wie sicher sie sich hier fühle im Vergleich zu ihrer Heimat. «Ich kann hier jederzeit einfach auf der Strasse gehen», sagt sie, «ich habe nie das Gefühl, dass ich über meine Schulter schauen muss».
Es ist ein erklärtes Ziel der Regierung Chinas, den Tourismus zu fördern. Das hat wirtschaftliche und propagandistische Gründe. Li Meng erwartet, dass der Trend sich 2026 fortsetzt, und dieses Jahr erstmals über zehn Millionen Touristinnen und Touristen Shanghai besuchen.