Tränen der Freude und der Enttäuschung

Jubel hier, Trauer dort: Bei den Gegnern einer schottischen Autonomie herrscht Freude, bei den Befürwortern Katzenjammer. Lesen Sie, was zwei Vertreter der beiden Seiten zum Abstimmungsergebnis sagen.

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Reaktionen in Schottland

1:03 min, vom 19.9.2014

Zu denen, die sich über das Nein der Schotten freuen, ist Malcolm Pender. «Das ist für mich und zwei Millionen Schotten das beste Ergebnis», sagt der in Glasgow lebende emeritierte Professor für Literaturwissenschaften. Er glaubt an die positiven Impulse der Kampagne – dass die seiner Ansicht nach in allen Teilen Grossbritanniens dringend nötigen Verfassungsänderungen nun wie versprochen Angriff genommen werden.

Gemeinsame Zukunft packen

Zu befürchten sei allerdings, dass nun aufgerissene Gräben im schottischen Volk Bestand haben könnten. «Es besteht kein Zweifel, dass das schottische Volk gespalten ist.» Es sei im Abstimmungskampf zu Gehässigkeiten auf beiden Seiten gekommen. Das sei sehr zu bedauern.

Immerhin hätten alle verantwortlichen Politiker nach Bekanntwerden des Abstimmungsergebnisses darauf hingewiesen, dass man nun zusammenkommen und sich um eine gemeinsame Zukunft kümmern müsse, so Pender.

«Es wurde totale Angst geschürt»

Schwer enttäuscht ist Bruno Baumgärtner. Der Schweizer hat sich vor einigen Jahren in Schottland niedergelassen und sich im Abstimmungskampf für eine Unabhängigkeit eingesetzt. Mit einem Ja habe man eigentlich nicht wirklich rechnen können, wenn man realistisch gewesen sei, sagt er. «Aber so zwei, drei Prozent Unterschied wäre richtig gewesen.»

Er führt das Nein der Schotten vor allem auf die massive Kampagne aus London zurück: Die Umfrage vor zwei Wochen, welche die Unabhängigkeits-Befürworter plötzlich knapp im Vorsprung gesehen habe, «hat totale Hektik in London verursacht». Die Politiker seien daraufhin mit Helikopter und Bahn nach Schottland gereist und hätten die Schotten eingeschüchtert. «Es war eine richtige Drohkulisse», sagt Baumgärtner.

«Dann kam noch die Frau Windsor und sagte, man solle sehr gut über eine Unabhängigkeit nachdenken.» Das heisse im königlichen Sprachgebrauch ja nichts anderes als «seid ihr eigentlich bedeppert, wenn ihr Ja stimmt».

Lieber Fussball als Politik

Doch dem Nein kann auch Baumgärtner unter gewissen Umständen etwas Positives abgewinnen: Wenn Premierminister David Cameron nun tatsächlich die regionale Autonomie und die dortigen Parlamente stärke wie versprochen, «dann haben wir sehr viel erreicht – eigentlich mehr, als mit einer Abspaltung», ist Baumgärtner überzeugt.

Die Bilder nach dem «Nein»