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Israels traumatisierte Soldaten
Aus Echo der Zeit vom 20.04.2021.
abspielen. Laufzeit 06:17 Minuten.
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Traumatisierte Veteranen Israel trauert nach Selbstverbrennung eines jungen Soldaten

Ein 26-jähriger Veteran hat sich in Brand gesteckt. Er litt unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und suchte Hilfe.

Die Nachricht vom jungen ehemaligen Soldaten, der sich aus Verzweiflung selbst zu verbrennen versucht hat, geht Ariel Bernstein nahe. «Er und ich leisteten unseren Dienst im gleichen Krieg», sagt der 27-Jährige. Die beiden fast gleichaltrigen Veteranen kämpften – in unterschiedlichen Einheiten – im Gaza-Krieg von 2014. Gekannt haben sie sich nicht. Aber Ariel Bernstein kann nachfühlen, was den unglücklichen Veteranen zu seiner Verzweiflungstat getrieben hat.

«Dass er einen solchen Tiefpunkt erreicht hat, ist nicht überraschend, nur traurig,» sagt Bernstein. Wie der verzweifelte Veteran, der sich selbst in Brand gesteckt hat, leidet auch er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ariel Bernstein war 19 Jahre alt, als er seinen obligatorischen Militärdienst leisten musste. Er war ein Kritiker der Politik seiner Regierung in den besetzten Palästinensergebieten. Trotzdem wollte er unbedingt zu einer der besten Kampfbrigaden.

Soldat in Ausrüstung
Legende: Ariel Bernstein als Kommandant bei einer Infanterie-Brigade der israelischen Armee. zvg

«Unsere Vorbilder in der Mittelschule waren die Soldaten, die in den Spezialeinheiten dienten. Also in Kampfeinheiten, in die nur die Besten aufgenommen wurden», sagt er.

Ariel Bernstein kam zu einer Infanterie-Brigade, die im Sommer 2014 in die Stadt Beit Hanoun geschickt wurde, um gegen Terroristen zu kämpfen. Die israelische Luftwaffe bombardierte die Stadt schwer. Erst mit der Zeit realisierte der junge Kommandant, dass sich dort nicht nur Terroristen, sondern auch Zivilisten aufhielten.

Etwas stimmt nicht, wenn wir nach einem Krieg feiern.
Autor: Ariel BernsteinEhemaliger israelischer Soldat

Darüber schrieb er später ein Gedicht. Es heisst «Die Verbrennung». Darin beschreibt er, wie die überlebenden Soldaten sich zunächst über die Zerstörung freuen: «Wir sangen vor Freude, als die Häuser explodierten.» Als die Sonne aufgeht, wird das Ausmass der Zerstörung deutlich, und Bernstein beschreibt seinen Schock: «Mein einziger Wunsch war, dass die Sonne wieder untergeht, damit die Dunkelheit und die Angst in mein Herz zurückkehren.»

Nach dem Krieg erinnert er sich, wie die Menschen ihn und seine Truppe feierten, und wie ihn das befremdete. «Ich hatte Freunde verloren. Dann erfuhr ich, wie viele Palästinenser in den Quartieren, die wir in die Luft gejagt hatten, umgekommen waren – und ich dachte: Etwas stimmt nicht, wenn wir nach einem Krieg so feiern.»

Als Student bekam er Panikattacken

Fast noch mehr als der Krieg in Gaza machte ihm später sein Dienst im besetzten Westjordanland zu schaffen. «Mitten in der Nacht stürmten wir Häuser, schreckten Familien auf und verhafteten sogar Kinder: Das schadete meiner Seele», sagt Bernstein, der seinen dreijährigen Militärdienst 2015 beendete. Danach ging er an die Universität. Dort begannen seine Panikattacken.

Ein Militärpsychologe diagnostizierte bei ihm ein posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS). Der junge Soldat, der sich vor ein paar Tagen mit der gleichen Diagnose selbst in Brand steckte, hatte sich beim israelischen Verteidigungsministerium jahrelang vergeblich um eine finanzielle Entschädigung für sein Leiden bemüht.

Ariel Bernstein
Legende: Ariel Bernstein arbeitet heute bei der Veteranen-Organisation «Breaking the Silence». zvg

Frustration über die Bürokratie war mit ein Grund, warum sich der junge Mann verbrennen wollte. Ariel Bernstein versucht gar nicht erst, beim Verteidigungsministerium eine Invalidenrente zu erkämpfen. Er arbeitet neben seinem Studium bei der Veteranenorganisation «Breaking the Silence»: Diese kritisiert die israelische Besatzung in den Palästinensergebieten. Der 27-Jährige dokumentiert für sie die Erlebnisse anderer Kriegsveteranen.

Genaue Zahlen über traumatisierte israelische Soldatinnen und Soldaten gibt es nicht, aber die Selbstverbrennung des Veteranen war kein Einzelfall. Premierminister Benjamin Netanjahu hat nun Reformen versprochen, um traumatisierten Veteranen unkomplizierter zu helfen. Darauf warten diese schon lange.

Soldat sitzt neben Militärfahrzeugen am Boden und ruht sich aus.
Legende: Ein israelischer Soldat im Gaza-Krieg im August 2014. Keystone (Archivbild)

Echo der Zeit, 20.04.2021

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Hochuli  (Bruno Hochuli)
    Krieg gibt es eigentlich nur, weil die Menschen nicht fähig sind offen und ehrlich miteinander zu sprechen, ohne über den Tisch zu ziehen. Leider ist der Machtgedanke und die Gier über alles Herrschen zu können zu gross. Seit tausenden von Jahren ist der Mensch nicht schlauer geworden, aber gemeiner.
  • Kommentar von Charles Morgenthaler  (ChM)
    Es gibt also doch israelische Soldaten, die das Vorgehen ihrer Regierung in Frage stellen. z.B. das sprengen von Wohnhäusern auf Palästinensergebiet. Ein Lichtblick in der Finsternis.
  • Kommentar von Telemach Hatziisaak  (THI)
    Krieg ist ein Zustand, bei dem Menschen, die sich nicht kennen, aufeinander schiessen, auf Befehl von Menschen, die sich kennen, aber nicht aufeinander schiessen. George Bernard Shaw.