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Trotz weniger Kokapflanzen: In Kolumbien boomt Kokainproduktion
Aus SRF 4 News aktuell vom 07.09.2021.
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Trotz weniger Kokapflanzen Warum in Kolumbien mehr Kokain produziert wird

Noch nie in der Geschichte Kolumbiens, dem jahrzehntelang grössten Exporteur der Welt, wurde so viel Kokain so effizient produziert. Die Daten des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) zeigen 2020 einen Anstieg der Kokainproduktion um acht Prozent (1228 Tonnen) und gleichzeitig einen Rückgang des Anbaus um sieben Prozent (143’000 Hektar).

Weniger Koka, aber mehr Kokain

Aus dem Bericht geht hervor, dass der Anbau von Kokablättern im Jahr 2020 um sieben Prozent, im Jahr 2019 um neun Prozent und im Jahr 2018 um 2.1 Prozent zurückging. «Die Rückgänge der letzten zwei Jahre waren die höchsten in den letzten sechs oder sieben Jahren», prahlte Präsident Ivan Duque bei der Vorstellung des Berichts.

Der UNODC-Bericht enthält jedoch Daten, die nach Ansicht einiger Experten eher ein Versagen als einen Erfolg der staatlichen Strategie zur Beendigung des Drogenhandels darstellen. Denn mit weniger Koka wird mehr Kokain produziert als früher.

Für jede Tonne Kokablätter werden jetzt 2.14 Kilo Kokainbasispaste gewonnen. Im Jahr 2016 wurden dem Bericht zufolge 1.87 Kilogramm entnommen. Die Produktivität der einzelnen Kokapflanze ist angestiegen, sie erhalten besseres Saatgut und Düngemittel. Die Kokabauern können jetzt alle drei Monate ernten und nicht wie früher zweimal im Jahr.

Dass die Kokain-Produktion in Kolumbien jedes Jahr steigt, hat vor allem mit dem Verlust von territorialer Kontrolle zu tun. Der kolumbianische Staat hat in vielen ländlichen Regionen wenig Präsenz.

In Kolumbiens Peripherie gibt es zum Teil weder Schulen noch Strassen oder Spitäler. Das sind hunderte Dörfer auch ohne Militär – und Polizeiposten. Daher kann der Drogenhandel praktisch unkontrolliert florieren.

Der Staat ist in weiten Teilen des Landes nicht präsent

Der Koka-Anbau war jahrzehntelang auch in der Hand der ehemaligen FARC-Rebellen. 2016 mit dem Friedensvertrag haben sich die FARC Rebellen von ihren Feldern zurückgezogen und ein Vakuum hinterlassen. Heute kümmern sich viel mehr Gruppen und somit auch viel mehr «Fachleute» um das Koka-Geschäft: Ehemalige Rebellen, paramilitärische oder einfach kriminelle Banden, die sich von diesem «Koka-Kuchen» ein Stück sichern wollen.

Und das können sie praktisch ungehindert tun, weil der Staat in diesen Regionen nicht präsent ist. Die Regierung will den Drogenhandel zurückdrängen und plant wieder mit Flugzeugen Glyphosat zu sprühen, um illegale Kokafelder zu zerstören.

Subventionen für alternative Möglichkeiten

Kolumbien wollte auch mit einem Substitutionsprogramm die Bauern von Alternativen zur Kokapflanze überzeugen. Das funktioniert bis jetzt allerdings nicht, weil die Bauern mit Gemüse zum Beispiel viel weniger verdienen.

Die Regierung versprach den Bauern Subventionen, wenn sie Kokapflanzen durch Kakao, Bananen oder Kaffee ersetzen. Nur: die zuständige Behörde ist unterfinanziert und kann die Subventionen nicht zahlen.

Die Kokabäuerinnen und -Bauern leben meistens am Existenzminimum und richten sich darum nach dem Markt.  Von einer Hektare Koka kann eine Familie ordentlich leben. Die Hektare Kaffee wirft hingegen viel zu wenig ab. Zudem: die Kokapflanze ist um einiges leichter als andere Pflanzen und somit einfacher zu transportieren. Koka ist zwar illegal, aber für Tausende von kolumbianischen Familien die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

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Archiv: Bereits 2017 boomte die Kokain-Produktion in Kolumbien
Aus SRF News vom 15.03.2017.
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SRF 4 News, 07.09.21, 07: 20 Uhr

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Vischer  (Martin Vischer)
    „Die Regierung will den Drogenhandel zurückdrängen und plant wieder mit Flugzeugen Glyphosat zu sprühen…“.
    Bei solchen Verbrechern erscheint mir die Kokain-Mafia als geradezu menschlich.
  • Kommentar von Stephan Brodbeck  (StephanB)
    SRF vertritt gerne das romantische Märchen der armen Bauern die ihren Kaffee nicht zu einem fairen Preis verkaufen können und deshalb Drogen anpflanzen müssen. Allerdings wird man nie Kaffee oder Bananen zum Preis von Kokain verkaufen können, d.h. der Anreiz für den Koka Anbau wird immer da sein. Dazu kommt dass ein grosser Teil der Koka Pflanzen in organisierten Plantagen im Dschungel angepflanzt werden, und da werden Saisonniers in den Städten rekrutiert welche diese betreiben sollen.
    1. Antwort von Javier López  (Javier López)
      Mit Bannanen und Kaffee komm t man nicht auf einen grünen Zweig. Unternehmerisch denkende Bauern steigen sinnvoll auf Kokain um.
      Ich gratuliere diesen Bauern.
      Sie brauchen keine Sozialhilfe und müssen nicht Richtung USA migrieren. Können von ihrer Arbeit leben.
      So wie bei uns die Pharma mit ihren hochpreisigen Medikamenten und die Rüstungsbetriebe mit ihren Waffenexporten.
      Endlich die gleiche unternehmerische Einstellung wie wir sie bei uns kennen.
    2. Antwort von Javier López  (Javier López)
      Mit Bannanen und Kaffee komm t man nicht auf einen grünen Zweig. Unternehmerisch denkende Bauern steigen sinnvoll auf Kokain um.
      Ich gratuliere diesen Bauern.
      Sie brauchen keine Sozialhilfe und müssen nicht Richtung USA migrieren. Können von ihrer Arbeit leben.
      So wie bei uns die Pharma mit ihren hochpreisigen Medikamenten und die Rüstungsbetriebe mit ihren Waffenexporten.
      Endlich die gleiche unternehmerische Einstellung wie wir sie bei uns kennen.
    3. Antwort von Willy Schuell  (Willy Schuell)
      StephanB: Der finanzielle Anreiz ist nicht das einzige Motiv für den Koka-Anbau, denn die Bauern werden von der Drogenmafia kaum vergoldet. Sie herrscht über riesige Gebiete des Landes und zwingt die armen Campesinos zum Koka-Anbau. Sie haben keine andere Wahl. Die Gesetze der Drogenmafia sind bekanntlich nicht "menschen-recht-konform" ...
  • Kommentar von Willy Schuell  (Willy Schuell)
    Die Anbauflächen haben in den letzten Jahren etwas abgenommen, aber niemand sagt, dass sie - Expräsident Santos sei gedankt - während seiner Regierungszeit massiv (!) zugenommen haben. Unter dem Strich haben wir heute immer noch eine grössere Anbaufläche als vor einigen Jahren. Dass die Politiker der letzten Jahrzehnte den Kokainhandel weitgehend "tolerierten" ist hier ein offenes Geheimnis.