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Abu Dis: Die Hauptstadt, die keine sein will
Aus Rendez-vous vom 04.03.2020.
abspielen. Laufzeit 06:11 Minuten.
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Trumps Pläne für Palästina «Was masst sich der US-Präsident eigentlich an?»

Geht es nach Donald Trump, soll Abu Dis die neue Hauptstadt eines Palästinenserstaats werden. Deren Bewohner sind empört.

Auf einem Hügel in Abu Dis steht ein dreistöckiges Wohnhaus hinter einem über hundertjährigen Feigenbaum. Atef Arikat, der Dienstchef des Bürgermeisteramtes, führt Erstbesucher immer zuerst aufs Dach dieses Hauses. Von hier aus sieht man Jerusalems Altstadt.

Blick auf Abu Dis
Legende: Ausblick vom Dach: Im Hintergrund ist die al-Aqsa Moschee – für viele muslimische Palästinenser ein unerreichbarer Traum. Thilo Remini

Arikat zeigt auf die al-Aqsa-Moschee. «Früher gingen wir zu Fuss dorthin, oder waren mit dem Bus in zehn Minuten da.» Das ist heute nicht mehr möglich. Eine rund acht Meter hohe Stahlbetonmauer trennt Abu Dis von Jerusalem.

Seit 2004 von Jerusalem abgeschnitten

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2003 begann Israel mit dem Bau der Sperranlage um das Westjordanland. Dies als Reaktion auf palästinensische Selbstmordattentäter, die in den Jahren davor in Israel mit Anschlägen Tod und Schrecken verbreitet hatten. Seit 2004 ist auch Abu Dis, früher ein Stadtteil Jerusalems, von Jerusalem und damit von Israel abgeschnitten.

Ahmed Abu Hilal ist dank des Nahost-Friedensplans von Donald Trump unfreiwillig zum wohl bekanntesten palästinensischen Bürgermeister geworden. Er habe gelacht, als Trump Abu Dis zur Hauptstadt eines künftigen Palästinenserstaates ernannt habe.

Ahmed Abu Hilal
Legende: Trumps Vorschlag sei absurd, findet Bürgermeister Ahmed Abu Hilal. Thilo Remini

«Weiss der US-Präsident überhaupt, wo Abu Dis liegt?», fragt Hilal und holt aus, als ob er es ihm erklären wollte: Abu Dis ist das südöstliche Tor zum Bezirk Jerusalem und Standort der einzigen arabischen Universität Jerusalems.

Trumps Nahost-Friedensplan und «Ostjerusalem»

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Als US-Präsident Trump im Januar seinen Nahost-Friedensplan vorstellte, versprach er den Palästinensern – unter bestimmten Bedingungen – einen eigenen Staat. Die Hauptstadt dieses Staates werde «in Ostjerusalem» sein, sagte er.

Unter Ostjerusalem verstehen die Palästinenser aber seit jeher den Teil der Altstadt, in dem ihre heiligen Stätten liegen, also unter anderem die al-Aqsa-Moschee. Trump hat Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Die Hauptstadt, die er für die Palästinenser vorgesehen hat, heisst Abu Dis.

Mitten durch das Uni-Areal wollten die Israeli 2003 ihre Sperranlage bauen, bis die USA intervenierten. Jetzt steht die Mauer daneben. Trotzdem sei Abu Dis nur noch ein Bruchteil seiner früheren Fläche geblieben, sagt der Bürgermeister. Israel habe das Land annektiert für den Bau der Mauer und für zwei jüdische Siedlungen.

Studenten in der Nähe der Mauer
Legende: Studenten auf dem Campus der al-Quds-Universität. Die Mauer knüpft direkt an das Universitätsareal an. Keystone

Heute können die 30'000 Einwohner von Abu Dis ohne Bewilligung der israelischen Behörden Jerusalem gar nicht betreten. Und wer ausreisen darf, wartet am Checkpoint und fährt einen langen Umweg. «Früher fuhren wir in fünf Minuten ins Zentrum von Jerusalem, heute brauchen wir dafür eine Stunde oder mehr», so Hilal.

Was masst sich der US-Präsident eigentlich an, für uns einfach eine andere Hauptstadt zu bestimmen?
Autor: HamseBewohner von Abu Dis

Abu Dis ist faktisch von Jerusalem abgeschnitten. Als die Mauer noch nicht gebaut war, hatten die Palästinenser mit dem Bau eines Parlamentsgebäudes begonnen. Das war nach dem Oslo-Friedensprozess, als ein eigener Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt in Reichweite schien. Jetzt steht das Gebäude als Bauruine an der Mauer, gezeichnet von den Spuren gewalttätiger Demonstrationen. Abu Dis ist für die Menschen hier keine Hauptstadt.

Zerstörtes Haus in Abu Dis
Legende: Das unvollendete, palästinensische Parlamentsgebäude (r.). Daneben eine Villa, deren obere Geschosse auf israelischen Befehl wegen der Sicht über die Mauer zerstört wurden. Thilo Remini

«Warum Abu Dis, warum nicht Jerusalem?», fragt der Coiffeur Hamse. «Was masst sich der US-Präsident eigentlich an, für uns einfach eine andere Hauptstadt zu bestimmen?» Ein paar junge Männer laden Fenster auf einen Lieferwagen. Ihr Chef Anwar weist sie an. Die Empörung über Trumps Vorschlag findet der 43-Jährige müssig. «Alle fragen uns, was wir von Abu Dis als Hauptstadt halten, aber niemand versteht, wie wir leiden», sagt er.

Anwar
Legende: Fensterbauer Anwar: «Niemand versteht, wie wir leiden.» Thilo Remini

Die Mauer habe Anwar von seinen Kunden in Jerusalem abgeschnitten. Zwar habe er eine Bewilligung, um nach Jerusalem zu fahren. Aber heute komme niemand mehr nach Abu Dis: Für Israeli ist es verboten, für die Touristen zu aufwendig. Hier sei früher etwas los gewesen – zwei Hotels, viele Werkstätten, Geschäfte. Heute gingen die Leute in andere Stadtteile Jerusalems, sagt er.

Alltag in Abu Dis
Legende: Den Palästinensern verspricht man einen eigenen Staat mit Abu Dis als Hauptstadt. Dort gibt es allerdings noch nicht einmal ein Spital. Thilo Remini

Aber das Schlimmste sei: Die Menschen seien von den Spitälern abgeschnitten. «Die Frau einer meiner Angestellten bekommt bald ein Kind – aber die Bewilligung, um ins Spital nach Jerusalem zu gehen, gilt nur bis 19 Uhr», sagt er. Die Zeit, die es brauche, um von den Israeli eine Bewilligung oder sogar eine Verlängerung dieser zu bekommen, sei ein Stress für alle hier. Über eine Hauptstadt mag Anwar gar nicht reden, solange er hinter einer Mauer lebt. Denn das, findet er, sei kein Leben, geschweige denn ein Staat.

Rendez-vous vom 4.3.2020; gfem

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35 Kommentare

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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Ich kann diese ewige Nein-Sagerei beim besten Willen nicht verstehen. Dann baut ein Spital von all den Fördergeldern. Das muss doch unabhängig von der Hauptstadt-Frage möglich sein. Baut eine neue, schönere, prächtigere Moschee als Sinnbild für einen Neuanfang, für eine schöne Zukunft. Leiden. Jammern. Gibt's für dieses Volk keine Freue auf dieser Welt? Muss es immer nur Allah sein, der den Unterschied macht? Dein Kind kommt auf die Welt, gopf, begrüss es einfach...
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  • Kommentar von Edwin Schaltegger  (Edwin Schaltegger)
    Ich unterstütze die widerrechtliche israelische Siedlungspolitik absolut nicht. Aber jetzt jammern und beschweren sich die Palästinenser über die Mauer. Leider haben sie diese mit ihren Handlungen selbst verschuldet. Vor dem Mauerbau war das israelische Kernland durch mörderischen palästinensische Bomben- und Selbstmordattentate mit vielen zivilen Opfern betroffen, z.B. Busse mit Schulkindern etc.. Ich denke die beste Lösung wäre ein gemeinsames föderalistisches Staatsgebilde.
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  • Kommentar von Bruno Hochuli  (Bruno Hochuli)
    Es könnte zwischen Israel und Palästina schon lange Frieden herrschen, wenn die Palästinenser (Hamas ) Israel anerkennen würden. Da sie aber Israel vernichten möchten wird wohl nie etwas daraus. Sie waren einmal ganz nahe am Frieden schließen, als Rabin ermordet wurde. Es gibt immer irgend jemand der nie Frieden will.
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