Zum Inhalt springen

Header

Audio
Mit dem Abzug der USA wird der Weg frei für die Taliban
Aus SRF 4 News aktuell vom 26.07.2021.
abspielen. Laufzeit 08:45 Minuten.
Inhalt

Truppenabzug aus Afghanistan «Die Taliban werden wieder an die Macht kommen»

Die US-Truppen ziehen sich aus Afghanistan zurück, während die radikal-islamistischen Taliban ihre Angriffe auf die afghanischen Regierungstruppen intensivieren. Wie es nach dem vollständigen Abzug der US-Armee weitergeht, ist völlig unklar. ARD-Korrespondentin Silke Diettrich schätzt die Lage im Land als sehr fragil ein.

Silke Diettrich

Silke Diettrich

ARD-Korrespondentin

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Diettrich ist seit 2017 Südasien-Korrespondentin für die ARD in der indischen Hauptstadt Neu-Delhi.

SRF News: Die US-Truppen ziehen sich aus Afghanistan zurück – trotzdem fliegen sie immer noch Angriffe auf vorrückende Taliban. Wie geht das zusammen?

Silke Diettrich: Die USA haben in den letzten Tagen ihre Luftangriffe auf Taliban-Kämpfer verstärkt – offenbar ist Not am Mann. Man wolle dies vorläufig auch weiterhin tun, hiess es. Was punkto Luftunterstützung für die afghanische Armee aber nach dem vollständigen Abzug der US-Truppen passiert – dieser sollte bis spätestens am 11. September abgeschlossen sein – haben die USA noch nicht gesagt.

Video
Aus dem Archiv: Die afghanischen Taliban rücken vor
Aus 10 vor 10 vom 07.07.2021.
abspielen

Mit dem Vorrücken der Taliban kommt die demokratische Regierung von Präsident Aschraf Ghani zunehmend unter Druck. Wie geht sie damit um?

Ghani macht einen sehr blassen Eindruck. Er hat kaum noch Verbündete in der Regierung. Andererseits spricht diese seit Wochen von einer Grossoffensive, die gegen die Taliban gestartet werden soll. Bislang hat man davon allerdings noch nichts gesehen. Die Regierung versucht es jetzt mit einer nächtlichen Ausgangssperre, die fast im ganzen Land gelten soll. Ausserdem verhandelt sie weiter mit Taliban-Vertretern, bisher ohne Erfolg.

USA fliegen Afghanen aus

Box aufklappen Box zuklappen

US-Präsident Joe Biden hat für Afghaninnen und Afghanen, die bislang mit den USA zusammengearbeitet haben und das Land jetzt verlassen wollen, bis zu 100 Millionen Dollar aus einem Notfallfonds bewilligt. Nach Einschätzung von Fachleuten droht den afghanischen Helfern nach dem Abzug der Truppen die Rache der radikalislamischen Taliban. «Wie viele Afghanen in die USA ausgeflogen werden und wohin sie schliesslich gebracht werden, ist unklar», sagt Silke Diettrich. Sicher aber sei, dass es sich um mehrere Tausend oder sogar Zehntausend Menschen handle. Sie würden jetzt mit Chartermaschinen zunächst auf eine Flugwaffenbasis in den USA ausgeflogen, die für sie leergeräumt wurde. Nicht nur die USA, auch andere Länder wie Deutschland oder die Niederlande haben Afghanen, mit denen sie zusammengearbeitet hatten, Visa ausgestellt, um ihnen die Möglichkeit zu geben, Afghanistan zu verlassen.

Wie stark sind die Taliban denn aktuell?

Sie behaupten, 85 Prozent des Landes zu kontrollieren, doch Beobachter halten das für übertrieben. Sicher ist aber, dass sie immer mehr Gebiete kontrollieren und dass es inzwischen weit mehr als die Hälfte des Landes ist. Allerdings haben sie es noch nicht geschafft, auch die Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle zu bringen. Die Taliban sind also vor allem flächenmässig im Vorteil.

Die Taliban gehen strategisch durchdacht vor.
Autor:

Ausserdem halten sie drei Grenzübergänge zu Iran, Pakistan und Tadschikistan. So können sie Zölle und Strassengebühren einnehmen und die Städte immer stärker in die Zange nehmen. Ihr Vorgehen ist strategisch durchdacht.

Steht Afghanistan also wieder am selben Ort wie 2001, bevor die internationalen Truppen einmarschiert sind?

Man ist zwar noch nicht so weit, dass ein Taliban-Regime bereits an der Macht ist und Bürgerkrieg herrscht. Doch die Taliban werden nach dem Abzug der US-Truppen wieder an die Macht kommen. Und damit ist völlig klar, dass Afghanistans Bemühungen, eine Demokratie zu werden, beendet werden.

Die demokratische Verfassung wird es in Afghanistan bald nicht mehr geben.
Autor:

Die demokratische Verfassung mit Menschenrechten wie gleichen Rechten für Mann und Frau wird in Afghanistan wohl schon bald nicht mehr gelten.

Was bedeutet das für die Afghaninnen und Afghanen, die das Land nicht verlassen können?

Viele fühlen sich im Stich gelassen. Vor allem in Norden des Landes gibt es viele neue Flüchtlingslager um die Provinzstädte herum. Die Lage dort ist elend. Die Menschen leben in billigen Zelten von der Hand in den Mund.

Viele Afghanen wollen das Land verlassen. Bloss: wohin?
Autor:

Unter jenen Menschen, die etwas gebildeter sind und ein bisschen Geld haben, herrscht ebenfalls grosse Aufregung. Ich war kürzlich in Kabul, wo eine starke Anspannung spürbar ist. Viele Leute haben mir von ihren Plänen erzählt, das Land verlassen zu wollen. Die grosse Frage ist bloss: wohin? Manche dürften es in den Nachbarstaaten versuchen, andere werden sich in Richtung Türkei aufmachen und probieren, weiter nach Europa zu gelangen.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

SRF 4 News, 26.07.2021, 06:20 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

37 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Armes Afghanistan
    Ein Land mehr, welches durch die USA » befreit worden ist ! »
    Wann ist genug ?
    1. Antwort von Thomas Leu  (tleu)
      @ Peter König: Mindestens ein Teil der afghanischen Frauen, konnte, dank der USA und ihrer Verbündeten, ein paar Jahre eine kleine Vorstellung von Gleichberechtigung erahnen.
  • Kommentar von Nina Meister  (NiMe)
    ... und wenn sie dann hier in der Schweiz sind, die Afghaninnen & Afghanen, finden die Schweizer Behörden es weiterhin zumutbar, diese Menschen unter bestimmten Bedingungen aus der Schweiz wegzuweisen! Statt was Amerika tut oder nicht tut und darüber zu urteilen sollte man Menschlichkeit hierzulande anwenden.
    1. Antwort von Mark R. Koller  (Mareko)
      An N. Meister: Zuerst sind die Afghanen für ihr Land und Zustände in ihrem Staat verantwortlich. Die USA und die anderen in der Militärallianz hatten Afghanistan weitgehend vom Terrorismus befreit und eine Demokratie und gewisse Rechtsstaatlichkeit hergestellt, mit Milliarden/Billionen US$ Aufwendungen. Jetzt müssen die Afghanen selbst entscheiden, wie sie in ihrem Land leben wollen. Einfach davonlaufen geht nicht, da sie anderswo bekanntlich nicht integrationsfähig sind.
    2. Antwort von Nina Meister  (NiMe)
      @Mark R. Koller: Haben Sie schon einmal mit einem „Afghanen“ gesprochen? Dann wissen Sie erstens, dass Ihre sogenannte Befreiung von Sowjets oder Amis immer ein zweischneidiges Schwert ist und keine heroische Heldentat aus sagenumwobenen Ländern ... zweitens: die Menschen aus Afghanistan welche ich hier begleitete sind sehr wohl integrationsfähig (Randbemerkung: es gibt unterschiedliche Ethnien in Afghanistan)! Und drittens: Sie würden also unter einer Schreckensherrschaft im Land bleiben...
    3. Antwort von Nina Meister  (NiMe)
      .... die Stellung halten? Sehr löblich! Die Zivilbevölkerung hat hier nur bedingt die Fäden in der Hand und ich wüsste nicht wieso diese für die Taten einer Talibanherrschaft verantwortlich gemacht werden müsste und deshalb „die Afghanen nun selbst entscheiden müssen, wie sie in ihrem Land leben wollen“. Gerade dann, wenn es ihre Supermächte seit Jahrzehnten erfolglos versucht haben soll es nun das gebeutelte Volk richten.
  • Kommentar von Josephk Ernstk  (Joseph ernst)
    Ideale aus dem Islam, Toleranz und Nichteinmischung als Basis für ein friedl. Zusammenleben ! Das sind keine Ideale der Talibans. Deren Gesinnung sind gröbste Verletzungen der Menschenrechte und der Demokratie. Ihr Vorgehen ist gleichzusetzen mit mit den krim.Handlungen der Schlächterbanden des IS. Afghanistan wird bald wieder der Tummelplatz der radikalen islamistischen Terrorbanden sein.