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«Wir wurden als rote Dämonen beschimpft»
Aus Echo der Zeit vom 06.08.2020.
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Überlebende von Hiroshima «Niemand wusste, was da gerade passiert war»

Vor genau 75 Jahren warfen die USA eine Atombombe über der japanischen Hafenstadt Hiroshima ab – kurz darauf verwüstete eine weitere die Stadt Nagasaki. Emiko Okada ist 83 Jahre alt und hat die Katastrophe in Hiroshima über- und auch erlebt.

Auch heute noch lebt Emiko Okada in Hiroshima und erinnert sich im Gespräch mit SRF zurück an den Sommer 1945. Deutschland hatte kapituliert, der Krieg in Europa war vorbei. In Asien dagegen gingen die Kämpfe weiter. Emiko Okada war damals acht Jahre alt und sagt, sie habe als Kind die Soldaten bewundert: «Ich glaubte, dass wir den Krieg gewinnen würden. Wir lebten sehr bescheiden. Alles, was wir hatten, mussten wir dem Militär abgeben.»

Es war sehr sonnig. Zusammen mit meiner Mutter und den zwei jüngeren Brüdern sass ich beim Frühstück.

Den Morgen des 6. Augusts 1945 wird Emiko Okada nie vergessen. Es ist der Tag, der ihr Leben für immer verändern wird: «Es war sehr sonnig. Zusammen mit meiner Mutter und den zwei jüngeren Brüdern sass ich beim Frühstück. Meine ältere Schwester war schon aus dem Haus.»

Am Himmel sieht Emiko Okada ein Flugzeug – es habe so geglänzt, sagt sie. Es ist ein B-29-Bomber der US-Luftwaffe. An Bord eine Uranbombe, vier Tonnen schwer, mit dem zynischen Spitznamen «Little Boy». Emiko Okada erinnert sich: «Kaum hatte ich das Flugzeug gesehen, kam auch schon ein intensiver Lichtblitz, ich wurde aus dem Haus geschleudert und verlor das Bewusstsein.»

Als das Mädchen wieder zu sich kommt, zeigt sich ihr ein Bild der Zerstörung: «Ich sah meine Mutter voller Glassplitter, sie blutete am ganzen Körper. Ich sah meine Schule in Flammen, überall hörte ich Hilfeschreie, die Menschen, die ich sah, waren fast nackt, überall aufgedunsene Körper. Ich erinnere mich an zwei Pferde, die am Boden lagen und an ein Kind, dessen Augen aus dem Kopf hingen. Niemand wusste, was da gerade passiert war.»

Ich sah meine Schule in Flammen, überall hörte ich Hilfeschreie, die Menschen, die ich sah, waren fast nackt, überall aufgedunsene Körper.

Okadas ältere Schwester ist nicht auffindbar, lange hat die Familie nach ihr gesucht. Sie war zum Zeitpunkt des Einschlags nur wenige hundert Meter vom Hypozentrum entfernt. Heute sagt Emiko Okada, sie hoffe, dass ihre Schwester sofort tot war und nicht lange leiden musste.

Aufnahme des zerstörten Hiroshimas.
Legende: Das zerstörte Hiroshima in einer Aufnahme vom Spital des Roten Kreuzes, etwa anderthalb Kilometer vom Epizentrum der Explosion entfernt. Keystone

Sowohl die japanische Regierung als auch die Besatzungsmacht USA lassen die Überlebenden der Bombe nach dem Krieg weitgehend im Stich. Erst Jahre später werden sie von der japanischen Regierung überhaupt als Opfergruppe anerkannt. Auch für die kostenlose medizinische Versorgung müssen sie lange kämpfen. Und: Sie werden diskriminiert. «Nach dem Krieg hatten wir einen schlechten Ruf. Es hiess, weil wir der Strahlung ausgesetzt waren, seien wir ansteckend – was natürlich nicht stimmte.»

Weil unsere Haut wegen den Verbrennungen rot war, wurden wir als rote Dämonen beschimpft.

Menschen wie Emiko Okada werden «Hibakusha» genannt, Explosionsopfer. Von der Gesellschaft werden die Hibakusha ausgegrenzt. Viele finden keine Ehepartner. Die Befürchtung war, dass sie die Strahlung an die Kinder weitergeben könnten.

Video
Japan gedenkt Hiroshima
Aus Tagesschau vom 06.08.2020.
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Emiko Okada erinnert sich an die schreckliche Zeit nach der Atombombe: «Weil unsere Haut wegen den Verbrennungen rot war, wurden wir als rote Dämonen beschimpft. Ich hatte solche Angst, dass ich mich oft gar nicht aus dem Haus traute.» Emiko Okada sagt, sie habe Glück gehabt und einen Mann gefunden – der sie trotz ihres Status als Hibakusha geheiratet habe.

Leiden – auch nach dem Krieg

Das Leiden ging für die Überlebenden also auch nach dem Krieg weiter. Viele sind in den Wochen, Monaten und sogar Jahren danach noch an den Folgen der Strahlung gestorben. Auch Emiko Okada leidet bis heute an den Spätfolgen: «Vor sieben Jahren wurde ich wegen Magenkrebs operiert, dann noch einmal vor einem Jahr. Fast 90 Prozent der Hibakusha haben Krebs.»

Hibakusha.
Legende: Viele Überlebende von Hiroshima und Nagasaki (sogenannte Hibakusha) haben sich im Kampf gegen Atombomben engagiert, oder tun das heute noch. Keystone

Heute engagiert sich Emiko Okada für die atomare Abrüstung. Dazu besuchte sie mehrere Male die USA, war in Indien und Pakistan. Geduldig erzählt sie immer wieder von ihren schrecklichen Erlebnissen – in der Hoffnung, dass so etwas nie wieder passieren wird.

SRF4 News, 06.08.2020, Echo der Zeit

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Franz Peter Lehmann  (nashorn19)
    Tragisch aber die grässlichen Verbrechen der japanischenArme in Korea und China bedingten eine entsprechende Quittung, insbesondere auch weil sich Japan bis heute nie vorbehaltlos dafür entschuldigt hat.
  • Kommentar von Werner Wüthrich  (ruishi)
    Adolf Hitler hätte wohl noch etwas weniger Hemmungen gehabt, die Atombombe einzusetzen, hätte er sie besessen.
  • Kommentar von Ueli Meier  (meimei)
    Das Unrechtsbewusstsein ist ein kümmerliches Pflänzlein. Für Siegermächte ein ausländisches Unkraut, Verlierer haben zuletzt ihre Macht eingebüsst und nagen lange an der Schmach. Deutschland gehört zu den Ausnahmen. Das Weisse Haus hingegen glaubt an seine Überlegenheit durch Bomben, Raketen und chemische Waffen wie Agent orange und Napalm. Alle im Ausland eingesetzt mit Abermillionen von Opfern. Dass da ‚awareness of wrongdoing’ auf verschlossene Ohren stösst gehört dazu.