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Übung im hohen Norden 30'000 Soldaten im Eis: Die Nato übt den Ernstfall in der Arktis

Soldaten aus 14 verbündeten Nato-Ländern trainieren unter harten arktischen Bedingungen in Norwegens grösster Militärübung des Jahres.

Die militärischen Aktivitäten Russlands in der Arktis sind ein zentraler Grund für verstärkte Nato-Übungen wie «Cold Response»: 30’000 Soldatinnen und Soldaten aus 14 Mitgliedstaaten nehmen diesen Frühling unter der Führung Norwegens daran teil – zu Land, Wasser und in der Luft.

Die Übung ist Teil des erhöhten Fokus der Nato auf die Arktis, etwa mit dem Hauptquartier JFC Norfolk (USA) oder der neuen Luftwaffen-Kommandozentrale im norwegischen Bodø, sowie der erst im Februar gestarteten Überwachungsmission «Arctic Sentry» – als Reaktion auf Trumps Grönland-Ansprüche. Zudem erhöhen die Mitgliedländer ihre Präsenz vor Ort, zuletzt stationierte etwa Grossbritannien zusätzliche 2000 Soldaten in Norwegen.

Was geschieht derzeit in der Arktis? Warum ist die Region geopolitisch von so grosser Bedeutung? Und ist der Westen auf die neuen Herausforderungen vorbereitet? Eine Reportage aus dem Norden Norwegens.

Bardufoss: Operieren in Schnee und Kälte

Sein Tarnanzug ist weiss wie der Schnee, selbst die Waffen sind weiss eingefärbt. Und nun taucht Sig vollständig ab. Er robbt in das Quinzhee – eine Art Iglu zum Schutz vor Kälte und Wind – und verschwindet in der arktischen Schneelandschaft. Sig heisst eigentlich anders, seinen richtigen Namen darf er nicht preisgeben.

«Wir müssen im Verborgenen agieren», erklärt Teamleiter Johann. Denn als Aufklärer würde seine Truppe im Kriegsfall auf feindlichem Gebiet operieren, um Informationen zu beschaffen. Der ausgehöhlte Schneehaufen dient dabei auch als Versteck vor dem Feind.

Die Aufklärer der norwegischen Armee sind wohl jene Soldaten innerhalb der Nato sein, die die viel zitierten «harschen arktischen Bedingungen» am besten kennen. Wie sie und andere Nato-Einheiten diesen begegnen, demonstrieren sie in der Nähe des Militärstützpunktes Bardufoss im Norden Norwegens.

Nördlich des Polarkreises, wo die Nächte im Winter nicht enden und die Temperatur auch mal unter minus zwanzig Grad fällt, sind Material, Körper und Psyche den Extremen ausgesetzt. Johann und Sig trainieren das Operieren in der Arktis seit Jahren. Für sie ist klar, dass ihre Region im Kriegsfall von strategischer Bedeutung ist.

Doch es braucht Verstärkung im hohen Norden. Russland rüstet auf. Und die Nato setzt die Arktis – die nach dem Kalten Krieg an Bedeutung verloren hat war – wieder weit oben auf ihre Prioritätenliste. Die Polemik um Grönland hat diesen Fokus noch verstärkt.

Gefährliche Nähe zu Russlands Atomwaffen-Arsenal

«Die Situation in der Arktis ist gefährlicher geworden», sagt Andreas Østhagen vom Fridtjof-Nansen-Institut in Oslo. Er leitet die Forschungsabteilung, die sich mit der geopolitischen Situation im hohen Norden beschäftigt.

Seine Einschätzungen sind derzeit gefragt, so dass er nur wenige Medienanfragen annimmt. Entwarnen kann er nur bedingt. Die militärischen Aktivitäten Russlands in der Arktis hätten zugenommen. «Nicht in dem Sinne, dass es morgen zu einem Krieg kommt – daran hat auch Russland kein Interesse», so der Experte.

Doch die anderen Arktis-Anrainerstaaten wie Norwegen, Finnland oder die USA seien zunehmend besorgt über das Aufrüsten Russlands und dem damit einhergehenden Risiko einer ungewollten Eskalation.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht dabei die Kola-Halbinsel – unmittelbar nordöstlich der Grenze von Finnland und damit der Nato-Aussengrenze. Sie gilt als eines der grössten Atomwaffenarsenale der Welt.

«Auf der Kola-Halbinsel hatte Russland während des Kalten Krieges viel in seine militärischen Einrichtungen investiert, von U-Booten über Bomber bis hin zu ballistischen Raketen», so Østhagen. Unter dem russischen Präsidenten Putin würden diese nun modernisiert, inzwischen seien dort mehr als die Hälfte der russischen Atomwaffen stationiert.

«Es ist die Region Russlands, von welcher aus man am einfachsten Ziele in den Vereinigten Staaten erreichen kann.» Østhagen nimmt kein Blatt vor den Mund: «Diese Waffen sind nicht für Norwegen bestimmt, sondern fürs Pentagon.» Nordeuropa sei aber indirekt, aufgrund der geografischen Nähe zu Russland von strategischer Bedeutung. Es könnte quasi zum sekundären Kriegsschauplatz werden.

Der sekundäre Konflikt

Das Problem: Sollte es zu einer Eskalation kommen im Konflikt zwischen der Nato und Moskau, würden diese Atomwaffen zu Russlands Lebensversicherung. Dies etwa bei einem möglichen Vorfall an der Grenze zu Polen oder den baltischen Staaten. «Sollte es tatsächlich zu einer kriegerischen Auseinandersetzung kommen, würden die alliierten Staaten – allen voran die USA, Grossbritannien und Frankreich – diese Waffen kontrollieren und ihren Einsatz unterbinden wollen,» sagt Geopolitik-Forscher Østhagen.

«Die Reaktion Russlands darauf bestünde natürlich darin, genau diese strategischen Waffen zu schützen.» Das hiesse auch, dass Russland versuchen könnte, amerikanische, britische oder französische Soldaten fernzuhalten oder die Regionen Nordeuropas gar unter seine Kontrolle zu bringen. Es würde ein Hochschaukeln drohen – und im schlimmsten Fall ein Krieg.

Laut dem Forscher hat eine gewisse Abwärtsspirale bereits eingesetzt. Gleichzeitig müsse die Nato mitziehen, um zu demonstrieren, dass sie fähig wäre, Russland zu stoppen. Dafür müssten auch die nicht-nordischen Mitgliedstaaten fähig und willens sein, im Norden zu operieren.

Die grösste Schwäche der Nato sei denn auch das allgemein mangelnde Bewusstsein über die geopolitische Bedeutung der Polarregion. «Es geht in der Arktis nicht um den Klimawandel oder um einen Wettlauf um Ressourcen. Im Moment geht es darum sicherzustellen, dass Russland die Situation im hohen Norden nicht weiter eskaliert.» Doch ist die Nato stark genug?

Narvik: Ein Szenario wie in der Ukraine

Die Wunden sind nur aufgeschminkt, die Bandagen reine Attrappen. Trotzdem ist das, was an diesem Tag in Narvik geprobt wird, mehr als ein Theater. Geübt wird für den Ernstfall, um die Versorgung einer grossen Zahl verletzter Soldaten und Zivilisten sicherzustellen, wie diese in einem Krieg nötig werden könnte.

Wie in der Ukraine – die Parallele wird von den Verantwortlichen immer wieder gezogen – werden die Verletzten mit der Eisenbahn von der imaginären Front wegtransportiert, durch den hohen Norden Finnlands über Schweden nach Norwegen.

Narvik, die Stadt, die im zweiten Weltkrieg hart umkämpft war, ist einer der Schauplätze der Gross-Übung «Cold Response», mit denen sich Norwegen und die Nato für einen nicht mehr ganz unmöglich scheinenden neuen Krieg vorbereiten. «Unsere Stadt und die Infrastruktur sind für den Frieden gebaut», sagt ein Vertreter der Stadtregierung. «Aber wir müssen die Möglichkeit eines Krieges durchdenken.»

Die Infrastruktur ausserhalb der Städte ist spärlich, die Besiedelung dünn. Verletzte müssen über grosse Distanzen transportiert und dabei warm und stabil gehalten werden können. Für ihre Versorgung ist das Militär auf zivile Akteure angewiesen.

Diese Zusammenarbeit soll erprobt werden, ebenso wie jene zwischen den Nato-Staaten. «Das Klima und die Geografie hier oben sind eine Herausforderung», sagt Vizeadmiral Rune Andersen, Leiter des operativen Hauptquartiers der norwegischen Armee und Verantwortlicher der Übung. Truppen aus 14 Ländern nehmen daran teil.

«Wer hier kämpfen will, muss sich mit diesen Bedingungen vertraut machen – das gilt für die Menschen wie für das Equipment.» Nebst den praktischen Herausforderungen durch Eis und Kälte gehe es auch darum sicher zu stellen, dass die verschiedenen Systeme ineinandergreifen und die Informationen zwischen den Einheiten fliessen.

Die Arktis gilt hier längst nicht mehr als die «schwache Flanke» der Nato. Die Situation habe sich in den letzten drei bis fünf Jahren stark verändert. Dies sowohl in der Organisation, aber auch gerade durch die signifikant gestiegene Zahl der Truppen nicht-arktischer Mitgliedsländer, so Andersen.

Die Übung «Cold Response» gebe es schon seit vielen Jahren, nun aber sei sie grösser – und vor allem realitätsnaher geworden: «Noch vor 15 Jahren waren die Szenarien hypothetisch, nun üben wir hier unsere realen Verteidigungspläne.»

Gleich nach ihrer Ankunft am Güterbahnhof von Narvik werden die fiktiven Patientinnen und Patienten triagiert und in die umliegenden Spitäler verteilt. Auch der Wagen eines Bestattungsunternehmens, schwarz mit einem weissen Kreuz auf dem Dach, steht bereit.

Minus 36 Grad

Zurück bei den Aufklärern im Wald bei Bardufoss. Johan und Sig binden ihre Ausrüstung auf dem Pulk zusammen. Mit dem Materialschlitten kann schweres Material leicht über den Schnee gezogen werden.

Der Nachteil wendet sich zum Vorteil, der Schnee wird vom Feind zum Freund. Das gilt auch bei Durst. «Dank des Schnees kann man überall Wasser haben», sagt Sig. «Wir schmelzen ihn über einer Flamme – oder zur Not auch mal auf dem Körper.»

In der Nähe des Militärstützpunktes trainieren auch deutsche, spanische oder amerikanische Truppen – teilweise schon seit Jahresbeginn, als es besonders kalt war. Minus 36 Grad, das sind sich die wenigsten gewohnt. «Alles, was kalt wird, wird nie wieder warm», sagt etwa ein Major der deutschen Bundeswehr. Mensch und Material müssten warmgehalten werden. Schon ab minus zehn Grad würden die Nasenflügel beim Atmen ankleben.

Alles, was kalt wird, wird nie wieder warm.
Autor: Tom Major, Deutsche Bundeswehr

«So blöd es klingt, man kann nicht einmal die Socken wechseln – man braucht Routinen für alles», erzählt ein Spanier. «Das ist etwas, was wir nur hier üben können», findet ein Amerikaner. Johan und Sig haben das Überleben in der Natur über Jahre trainiert. Es sei klar, dass dies Soldaten aus südlicheren Ländern nicht so rasch erlernen können – daran ändere auch «Cold Response» wenig.

Aber das sei auch nicht nötig, findet Johan. «Rausgehen, sich in der Kälte bewegen und eine Waffe bedienen – das ist zwar banal, aber auch das Wichtigste. Wenn man das als Soldat in der Arktis kann, ist man schon weit gekommen.»

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 Soldaten betrachten einen abfliegenden Helikopter.

Felicie Notter (Nordeuropa-Korresondentin), Dominique Marcel Iten (Redaktion), Fabian Schwander (Frontend-Entwicklung), Ida Künzle (Design)

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