Wolodimir Selenski macht immer wieder grobe Fehler. Da hat man jeweils das Gefühl, dass die Machtfülle, die der Krieg ihm gebracht hat, dem ukrainischen Präsidenten in den Kopf gestiegen ist. Aber das Volk bringt den Staatschef jeweils zu Besinnung.
Jüngstes Beispiel: die Entlassung von Verteidigungsminister Michajlo Fedorow, einem jungen, energischen Reformer. Fedorow hatte eine Vision vom Krieg, die wenig mit Schützengräben und blutigen Schlachten, aber viel mit Hochtechnologie und KI-gesteuerten Drohnen zu tun hat.
Armeechef wird als rücksichtslos kritisiert
Doch dieser hypermoderne Zugang kam nicht überall gut an. Armeechef Oleksander Syrskyj hielt wenig davon. Er ist ein Mann der alten Schule. Er schickt gerne Sturmtruppen vor, die am Boden kämpfen. Altes, blutiges Kriegshandwerk.
Syrskyj ist ein ukrainischer Held. Er hat die Schlacht um Kiew zu Beginn des Krieges gewonnen, die Russen aus dem Umland der Hauptstadt vertrieben. Er gilt aber auch als rücksichtslos – Soldaten zu opfern, mache ihm nichts aus, wenn er es für zielführend halte, sagen seine Kritiker.
Seit Tagen Proteste gegen Fedorows Entlassung
Fedorow und Syrskyj hatten eine Menge Konflikte und Selenski entschied letzte Woche: der junge Verteidigungsminister muss gehen. Doch der Präsident hat die Rechnung ohne sein Volk gemacht. Seit Tagen haben in Kiew und vielen anderen Städten Tausende für Fedorow demonstriert.
Die Ukrainer und Ukrainerinnen wollen Krieg führen wie der geschasste Verteidigungsminister: smart, hochtechnologisch. Die Erfolge der letzten Wochen – die Ukrainer haben mit Drohnen den russischen Angreifern übel zugesetzt – scheinen zu bestätigen, dass dies der richtige Weg ist.
Und nun der Knall: Selenski lenkt ein, er entlässt Fedorows Gegenspieler Syrskyj. Der Präsident, so scheint es, hat verstanden: er kann in diesem Krieg nicht alleine bestehen, er braucht das Volk dazu. Er muss zuhören, er muss Kompromisse machen.
Volk bestimmt in der Ukraine nach wie vor mit
Die Geschichte zeigt viel darüber, wie die Ukraine, wie ihr Präsident tickt. Selenski mag zuweilen machtrunken sein. Aber die Ukraine ist nicht Russland, wo ein Mann einfach entscheidet, was passiert. Die Ukraine ist ein Land mit vielen Machtpolen. Der Präsident hat viel zu sagen – aber das Volk redet mit. Die tausenden von Freiwilligen, die die Armee unterstützen, die Kommandeure an der Front, die Politiker aus dem Parlament: alle haben etwas zu sagen.
Die Ukraine ist – bei allen Problemen – eben doch eine Demokratie. Ob Syrskyjs Entlassung am Ende militärisch Erfolge bringt, wird die Zukunft zeigen. Aber es ist eine gemeinsame Entscheidung gewesen von vielen, dass das Land künftig anders kämpfen will. Selenski musste einlenken – und das ist ein gutes Zeichen.