In Kiew tobt ein Machtkampf. Seit Präsident Wolodimir Selenski den jungen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow entlassen hat, kommt es zu Protesten. Fedorow liegt im Streit mit Armeechef Oleksandr Syrskyj. Diesen Konflikt hat Selenski letzte Woche zugunsten des Armeechefs entschieden. Doch Ruhe kehrt damit nicht ein. SRF-Korrespondent David Nauer über das Kräftemessen in der Militärführung.
Wie hat Selenski auf die Demonstrationen für den entlassenen Verteidigungsminister reagiert?
Er hat signalisiert, dass er einlenken wird. Selenski hat wohl verstanden, dass die Entlassung von Verteidigungsminister Fedorow ein grosser Fehler war. Nun versucht er, diesen Fehler auszubügeln. So soll die ganze Militärführung der Ukraine umgebaut werden. Offenbar erwägt Selenski, den umstrittenen Militärchef Syrskyj zu entlassen. Das ist eine zentrale Forderung der Demonstrierenden. Denn der Verteidigungsminister musste gehen, weil er ständig Konflikte mit Syrskyj hatte. Nun verlangen viele in der Ukraine, dass auch Syrskyi abtreten muss.
Welche Rolle spielt die Kriegsführung in der Auseinandersetzung?
Das ist der Kern des Streits. Der entlassene Verteidigungsminister setzte ganz auf Hochtechnologie. Sein Plan sah vor, dass die Ukraine massiv in Drohnen investiert und damit die russische Wirtschaft im Hinterland angreift – Ölraffinerien, Fabriken, Lagerhäuser und so weiter. Diese Attacken sollen dazu führen, dass sich Putin den Krieg irgendwann nicht mehr leisten kann und dann bereit für Verhandlungen ist.
Armeechef Syrskyi denkt hier anders, klassischer. Er will die Front halten – natürlich mit Drohnen, aber auch mit Infanterie, Sturmtruppen und so weiter. Syrskyi gilt als genialer Stratege. Zu Beginn des Krieges hat er etwa sehr erfolgreich Kiew verteidigt. Er gilt aber auch als rücksichtslos und nimmt hohe Verluste in Kauf, wenn er glaubt, dass es sich militärisch lohnt. Deswegen ist er in Teilen der Bevölkerung sehr unbeliebt.
Kann sich die Ukraine diesen Machtkampf zwischen Armeechef und Verteidigungsminister leisten?
Das kann sie nicht. Das hat auch Selenski gesagt, als er Fedorow herausgeschmissen hat. Aber der ehemalige Verteidigungsminister ist beliebt und Militärchef Syrskyi sehr umstritten. Deswegen gibt es diese Proteste – und deswegen steckt die Ukraine nun in einer tiefen innenpolitischen Krise. Wenn Selenski diese Krise nicht bald löst, kann das fatale Folgen für das Land haben. Denn Ukrainer, die sich miteinander streiten, sind ein Geschenk für die russischen Angreifer. Und der Krieg geht brutal weiter.
Zeigt der Streit auch, dass die Demokratie in der Ukraine lebendig ist?
Das ist, wenn man so will, die einzig positive Seite dieser Geschichte für die Ukraine. Selenski ist kein Diktator, der einfach machen kann, was er will. Er muss Rücksicht auf die Stimmung in der Bevölkerung nehmen, sich absprechen und Kompromisse finden. Und die Ukrainer haben auch keine Angst davor, ihre Meinung zu sagen. Aus der Armee gab es heftige Kritik an der Absetzung des Verteidigungsministers, was sehr ungewöhnlich war. Bei allen Problemen ist die Ukraine eine Demokratie – ganz im Gegensatz zu Russland. Wer dort den Präsidenten oder den Krieg kritisiert, muss mit einer langen Haftstrafe rechnen.