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Ultrarechter wird Präsident In Brasilien ist nichts mehr selbstverständlich

Es ist einer dieser Tage, an denen man sich fragt: Was wird irgendwann darüber in den Geschichtsbüchern stehen? Jair Bolsonaro hat mit klarer Mehrheit gewonnen. Und vor seinem Haus feiern Tausende. Es gibt Wodka, Bier und Lula-Puppen zum Aufblasen, sie zeigen den Ex-Präsident in Sträflingskleidung. Findige Verkäufer haben auch aufblasbare Baseballschläger im Angebot, die im Paket zusammen mit der Lula-Puppe verkauft werden, zum Lula durchdreschen. Der Hass gegen Lulas Arbeiterpartei – er ist es, der die Bolsonaro-Anhänger eint.

Man kann vieles über Jair Bolsonaro sagen, aber nicht, dass er sein Fähnchen in den Wind gehalten hätte während der letzten fast drei Jahrzehnte als Abgeordneter. Durchgehend verteidigte er Folter und pries die Militärdiktatur. Seine antidemokratischen, rassistischen, frauenfeindlichen Aussagen sind genügend bekannt.

Welcher Bolsonaro wird regieren?

Doch, wenn man nun am Wahlabend seine Anhänger fragt: Sind sie wirklich der Meinung, dass man die Anhänger der Arbeiterpartei erschiessen sollte? Dass die Militärdiktatur nicht genug getötet habe? Dass es besser wäre, dass ein Sohn stirbt, als dass er schwul wird? Dann winden sie sich. So habe Bolsonaro das doch gar nicht gemeint. Nach mehreren Gesprächen kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Ein Land hat einen Präsidenten gewählt, von dem es hofft, dass er sich nicht so verhalten wird, wie er sich seit Jahrzehnten präsentiert.

Nun stellt sich die Frage: Welcher Bolsonaro wird regieren? Der, der fast drei Jahrzehnte als Abgeordneter im Parlament Folter und Diktatur lobte? Oder wird es der sein, der nun im Wahlkampf auf den letzten Metern sagte, er wolle keine Stimmen von Gewalttätern und er wolle das Volk einen?

Viele atmeten auf, als Bolsonaro bei seiner ersten Ansprache nach der Wahl ein demokratisches Brasilien versprach und auch, dass er die Verfassung respektieren wolle. Dieses Aufatmen zeigt: Nichts ist mehr selbstverständlich in Brasilien, nicht einmal die Grundwerte einer demokratischen Gesellschaft.

Für Jair Bolsonaro sind politische Gegner keine Opposition, sie sind Feinde. Und viele seiner Anhänger nehmen ihn beim Wort. Deshalb ist Brasilien schon jetzt zu einem gefährlichen Pflaster für Minderheiten geworden, bevor Bolsonaro überhaupt nur Präsident geworden ist.
Plötzlich sind Dinge mutig, die vor einem Monat noch normal waren. Wenn zwei Männer Händchen halten. Oder, ein rotes T-Shirt zu tragen. Es gab in den letzten Wochen mindestens 50 Attacken von Bolsonaro-Anhängern gegenüber Minderheiten und Linken.

Die liberale Wochenzeitung «The Economist» warnte davor, dass Bolsonaros Wahlsieg eine Tragödie wäre. Und vor einer möglicherweise unheilvollen Kombination aus politischem Autoritarismus und liberaler Wirtschaft. Sogar Marine Le Pen distanzierte sich von Bolsonaro, viele seiner Aussagen seien «enorm unangenehm».

Die Vorzeichen sind nicht gut

Zwar betont Bolsonaro, er sei für die Pressefreiheit – aber wenn Journalisten gegen ihn recherchieren, so wie diese Woche passiert, geraten sie massiv unter Druck. Die Zeitung «Folha de S. Paulo» ist zum Hassmedium Nummer eins des gewählten Präsidenten aufgerückt, seit sie über einen Fake News-Skandal berichtete: Es ging um die illegale Finanzierung von Falschnachrichten, die zugunsten von Bolsonaro über soziale Netzwerke verschickt wurden.

Nur wenige Tage vor der Wahl kündigte Bolsonaro «Säuberungen» an, wie sie Brasilien noch nie gesehen habe und drohte allen linken Politikern mit Gefängnis – sollten sie das Land nicht verlassen. Die Polizei drang in der letzten Woche in mindestens zwanzig Universitäten ein, hängte politische Plakate ab und löste Veranstaltungen auf, in denen es um Themen wie «Demokratie und Faschismus» ging. Bolsonaros Meinung dazu: Universitäten seien keine Orte für Proteste. Will er damit sagen, die Polizeiinterventionen gingen in Ordnung? Die Rede ist von einer Polizei, die – so Bolsonaros Wahlprogramm – sogar bei Tötungen straffrei bleiben soll.

Es ist einer dieser Tage, an denen man sich wünscht, dass alle Vorahnungen täuschen mögen. Dass die Geschichte plötzlich mit einer ungeahnten, positiven Wendung um die Ecke kommt.

Karen Naundorf

Karen Naundorf

SRF-Südamerika-Mitarbeiterin

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Naundorf lebt in Buenos Aires. Sie hat in Berlin Kommunikation studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule absolviert. Ihre Texte erscheinen in verschiedenen Magazinen, sie gestaltet auch Radio- und Fernsehbeiträge bei mehreren deutschsprachigen Sendern.

Legende: Video Brasilien erhofft sich Wandel durch Bolsonaro abspielen. Laufzeit 01:45 Minuten.
Aus Tagesschau vom 29.10.2018.

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70 Kommentare

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  • Kommentar von Bruno Bär (ursinho007)
    Es immer der gleiche Mist. Vor Jahren wurde Lula als der gekommene Messias und Befreier allen Übels gefeiert und heute verteufelt. Heute wird Bolsonaro als der gekommene Messias und Befreier allen Übels gefeiert. Auch er wird in Ungnade beim Volk fallen, weil er genau so wenig Interesse am Volk hat wie Lula. Es geht ihm auch nur um Macht und Geld. Ehrliche Menschen werden nie gewählt. Mit Marina Silva hätte Brasilien tatsächlich gute Aussichten auf einen echten Change gehabt.
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  • Kommentar von Remo Häuselmann (justanopinion)
    Zum Vorneherein: ich verurteile das brasilianische Volk nicht für seine Entscheidung. Weiss nicht wie die Schweizer entscheiden würden, wenn wir die gleichen Zustände wie dort hätten. Aber eine Frage an alle Bolsorano- (und eventuell Maduro-) Unterstützer: Würdet ihr euch echt so verhalten, wie der eine es angekündigt hat und der andere schon praktiziert (Andersdenkende, sexuell alternativ Orientierte verfolgen, der Polizei Tötungen erlauben)? Könnt ihr dies echt unterschreiben? Als Schweizer?
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  • Kommentar von Ueli von Känel (uvk)
    Herr Meili: Natürlich können SRF-Berichte manchmal als etwas reisserisch empfunden werden. Aber ich vertraue dieser Berichterstattung. Weiter: Berichterstatter haben auch das Recht, mit einer gewissen Leidenschaft und Empörung über Unrecht oder problematische Politik zu berichten. Wer aufhört, sich über Unrecht (an Schwächeren) zu empören, hat das Mitgefühl für Mitmenschen verloren. Wenn wir das Mitgefühl für Mitmenschen verlieren, dann sind wir innerlich tot. Wollen wir das?Ich bin fürs Leben!
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    1. Antwort von L. Drack (samSok)
      Auch zu unten stehendem Kommentar (Meili) sowie jenem Zustimmenden: sie erfüllen tatsächlich die Kriterien, von echten Bolsonarofans zu stammen. Einfach nur traurig, was für ein Menschenbild und Niveau da beklatscht wird. Erstaunlich geduldig auch SRF, dies aufzuschalten, ganz im Gegensatz zur jener Behauptung, wie es grad wieder moniert wird!
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