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Umerziehungslager für Uiguren Chinesisch-Pflicht und Loblieder auf die Kommunistische Partei

Legende: Audio Martin Aldrovandi: NGOs sprechen von Indoktrinierung der Insassen. abspielen. Laufzeit 02:34 Minuten.
02:34 min, aus SRF 4 News aktuell vom 13.08.2018.
  • Eine Million Uiguren sollen in China in sogenannten Umerziehungslagern in der Region Xinjiang interniert sein.
  • Dazu tagt derzeit ein UNO-Ausschuss.
  • China weist die Vorwürfe zurück und verweist auf die Terrorbekämpfung.
  • Die mehrheitlich muslimische Minderheit klagt seit Jahren über Unterdrückung im eigenen Land.

Über diese Umerziehungslager gebe es zahlreiche vertrauenswürdige Berichte, teilte das UNO-Komitee für die Beseitigung der Rassendiskriminierung in Genf mit. Ausschuss-Mitglied Gay McDougall zitierte Schätzungen, nach denen sich weitere zwei Millionen Uiguren und Angehörige anderer muslimischer Minderheiten in «politischen Umerziehungslagern» befänden.

SRF News: Was weiss man über diese Lager?

Martin Aldrovandi: Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch spricht von einer Indoktrinierung der Insassen. Diese werden zum Beispiel dazu gezwungen, ein Loblied auf die kommunistische Partei zu singen und müssen Chinesisch lernen. Das Ziel ist es, bei den Uiguren den Islam durch eine kommunistische Ideologie zu ersetzen. China selbst äusserte sich kaum dazu und unabhängige Überprüfungen sind sehr schwierig.

Warum wird die uigurische Minderheit als Bedrohung wahrgenommen?

Einerseits fürchtet man sich vor Gruppen, welche die Unabhängigkeit von China anstreben. Wenn es um die territoriale Souveränität geht, dann geht China immer hart vor. Das sieht man auch bei Tibet. Und andererseits geht es offiziell auch um die Bekämpfung von Islamismus und Terror.

Gab es denn Terroranschläge von Uiguren?

Es gab in der Vergangenheit – zum Beispiel 2009 – Anschläge mit Toten. In der Uiguren-Region gab es auch sehr viele Unruhen. Zudem gibt es immer noch Spannungen zwischen den muslimischen Uiguren und den dort ansässigen Han-Chinesen. Der Vorwurf der Uiguren und vieler Nichtregierungsorganisationen ist aber, dass China die Uiguren unter Generalverdacht stelle.

Wie äussert sich der Generalverdacht?

Laut Berichten gibt es eine komplette Überwachung dank DNA- und biometrischer Daten. Zudem soll es zu Hausdurchsuchungen, Folter und zum Verschwinden von Menschen gekommen sein. Da äussert sich China kaum dazu. Die chinesische Regierung betont im Gegenteil die wirtschaftliche Bedeutung der Region. Die Staatsmedien sprechen davon, dass die Massnahmen nötig seien, um eine friedliche Entwicklung sicher zu stellen.

Die Uiguren

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Die Uiguren
Legende:Die autonome Region Xinjiangein ist laut UNO zu einem «massiven Internierungslager» geworden.
  • Die Uiguren sind ein den Türken eng verwandtes muslimisches Volk, das mit den Chinesen weder ethnische noch kulturelle Verbindungen hat.
  • Die Kommunistische Partei Chinas geht seit jeher mit massiven Repressalien gegen die uigurische Unabhängigkeitsbewegung vor – aus Furcht vor möglichem Terror, welcher aus Chinas Sicht von uigurischer Seite ausgehe.
  • Seit 2016 sollen sich Unterdrückung und Überwachung gravierend verschärft haben. So sollen mehrere hundert Arbeitslager gebaut worden sein.
  • Menschenrechtsorganisationen gehen von routinemässigen Menschenrechtsverletzungen aus. Beklagt werden Folter, Misshandlungen und Indoktrination.
  • China weist die Vorwürfe des UNO-Ausschusses, dass sich über eine Million Uiguren in Umerziehungslagern befänden, als falsch zurück.

  • Die chinesischen Behörden würden die Rechte aller Bürger in Xinjiang gleichermassen garantieren. Man gehe gegen Extremisten und Terroristen vor, aber nicht gegen eine bestimmte ethnische Gruppe.

Martin Aldrovandi

Martin Aldrovandi

Nordostasien-Korrespondent, SRF

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Martin Aldrovandi ist seit 2016 Korrespondent für Radio SRF in Nordostasien mit Sitz in Schanghai. Zuvor hatte er mehrere Jahre lang als freier Journalist aus dem chinesischsprachigen Raum berichtet.

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63 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Diese Art der Behandlung von Minderheiten ist eine gefährliche Strategie. Es wäre weit besser, anderen Volksgruppen Anreize zu bieten, damit es ihnen besser geht. Damit wäre auch die Gefahr von religiösen Konflikten geringer. Denn in allen Gebieten der Erde und Epochen der Menschheit hat es sich gezeigt, dass Menschen, denen es relativ gut geht und die sich entfalten können, Religion keine grosse Rolle spielt. Den Menschen etwas bieten statt sie zu unterdrücken.
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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Dass man die Landessprache lernen muss, ist erstmal keine Indoktrinierung. Die Lieder sind eine andere Geschichte und sicher fragwürdig. Es gibt aber durch ganz China verteilt Uighuren, die frei leben können und ihrem Glauben folgen, Herr Aldrovandi kennt sicher auch einige in Shanghai. Sofern es Erziehungslager gibt, so sind dort Islamistische Extremisten einsässig. Da darf man nicht eine ganze Volksgruppe verurteilen, und das tun chinesische Medien auch nie.
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    1. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      In Guantanamo (einsitzen) heisst auf chinesisch also Umerziehungslager und Lieder singen.
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    2. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Vielleicht hat Ihr Chef noch ein anderes Propaganda-Modell für Sie auf Lager. Das Konzept da von Ihnen holpert nun wirklich ein wenig zu offensichtlich. Man merkt schon zu deutlich aus welcher Küche es kommen mag.
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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Wenn China mit den Uiguren so umgeht, muss sich die chinesische Regierung nicht wundern wenn extremistische Strömungen immer mehr Zulauf haben. Sprich sie schafft die Extremisten ohne es zu wollen selbst. China hat nur eine Zukunft wenn alle Völker im Land gleich beteiligt werden.
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    1. Antwort von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
      Es gibt im Verhältnis weniger Uighuren in China als Kosovaren und Syrer in der Schweiz. Nach Ihrer Logik würden Minarett- und Burkaverbot also rechtfertigen, wenn Kosovaren und Syrer zu Extremisten werden? Wir verbieten denen ja auch Teile ihrer Kultur. Ich kenne übrigens nicht wenige Uighuren in Peking, die von den Extremisten gar nichts halten.
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    2. Antwort von Hans Haller (panasawan)
      Herr Harald Buchmann liegt es vielleicht daran, das Uighuren sehr gerne sich in ein Umerziehungslager stecken lassen in China? Man spricht da von 1 Mio. gemessen an 1 Mia natürlich nicht so viele, aber doch recht viel. - NB: einer oder zwei Leidende sind tragisch, 1 Mio dann nur noch Statistik.
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    3. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      An Herr Buchmann: Die Zahl der Uiguren ist irrelevant. Fakt ist sie sind eine einheimische Bevölkerung, sie waren wohl sogar vor den Chinesen da, und wird unterdrückt, so was darf nicht sein. Wer Gewalt säht wird Gewalt ernten. Sie können nicht in der Neuzeit eingewanderte Völker mit seit alters her einheimischen Bevölkerungen vergleichen. In China gibt es übrigens über 8 Millionen Uiguren, ich glaube kaum dass es so viele Kosovaren und Syrer in der Schweiz gibt.
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