Das ist der Streit: Der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski hatte den Streit Ende Mai ausgelöst, als er auf Bitten der Armee einer Armee-Einheit den Beinamen «Helden der UPA» verlieh. Kiew ehrt das Andenken an die Untergrundkämpfer der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA), weil sie nach dem Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen die Sowjetherrschaft leisteten. Während des Krieges hatten die Bewaffneten aber Massaker an Zehntausenden Polen in der heutigen Westukraine verübt.
So reagiert Polen: In Polen stiess die Ehrung der UPA über die politischen Lager hinweg auf Empörung – gar Verachtung. Der Tenor ist, die Ukraine sei undankbar, man habe sie doch so sehr unterstützt. «Denn das Leiden im Zweiten Weltkrieg ist in Polen nicht ferne Vergangenheit, sondern noch sehr präsent», sagt Osteuropa-Korrespondentin Judith Huber. Laut Huber spielt auch der rechtskonservative Präsident Nawrocki eine befeuernde Rolle im Streit. «Er hat nach dem Schritt von Selenski eine regelrechte antiukrainische Kampagne geritten», sagt Huber. Das sei jedoch nicht neu. «Während des Präsidentenwahlkampfs vor einem Jahr waren ähnliche Töne zu hören. Selenski hat gewissen polnischen Politikern schlicht neue Nahrung für die Bewirtschaftung eines ihrer bevorzugten Themen gegeben», sagt Huber. Nun will Nawrocki, dass Selenski der polnische Orden des Weissen Adlers aberkannt wird.
Das sagt die Ukraine: Die ukrainische Führung ist nicht bereit, die Namensgebung der Militäreinheit rückgängig zu machen. Man ist der Ansicht, der Kampf gegen Russland habe Priorität und alles, was diesen Kampf stärke, sei gut. «Ausserdem sind wir ein souveräner Staat und lassen uns nicht hineinreden», sagt Judith Huber. Viele in der ukrainischen Bevölkerung fänden, die Polen seien undankbar, denn es seien die Ukrainer, die die Russen von den polnischen Grenzen fernhielten. Und andere erinnerten daran, dass es auch im Zweiten Weltkrieg polnische Verbrechen gab – gegenüber der ukrainischen Zivilbevölkerung.
Das sind die Schlichtungsversuche: Selenskis Kanzleichef Kyrylo Budanow hatte in Warschau mit Vertretern von Regierung und Präsidialamt gesprochen, ohne dass ein Ausweg aus dem Streit bekannt wurde. Ministerpräsident Donald Tusk gestand in einem Post auf X eine gewisse Ratlosigkeit ein. Weil diplomatische Kontakte keine Lösung gebracht hätten, sollten der polnische Präsident Karol Nawrocki und der ukrainische Staatschef Wolodimir Selenski direkt miteinander sprechen, schrieb er. «Die Zusammenarbeit liegt im Interesse unserer Staaten und Völker, der Konflikt hingegen im Interesse Moskaus.»
Das sind die Auswirkungen: In der polnischen Stadt Danzig soll am 25. und 26. Juni eine Wiederaufbau-Konferenz für die Ukraine stattfinden, an der die EU, die G7 und andere Geber beteiligt sind. Polen und die Ukraine sind gemeinsam Gastgeber. Polen stecke in einer Zwickmühle, analysierte die Warschauer Zeitung «Rzeczpospolita». Es könne die Verherrlichung der UPA nicht hinnehmen, es dürfe als Verbündeter der Ukraine und Ankerstaat der EU- und Nato-Sicherheit im Osten aber auch den Konflikt nicht eskalieren lassen. «Sollte die Konferenz in Danzig ein Reinfall werden, werden wir deutlich schwächere Verhandlungspositionen haben», schrieb das Blatt.