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Ungarn vertreibt Soros-Uni «Kritische Geister sind im Ungarn Orbans unerwünscht»

Legende: Audio Ungarns akademische Welt spürt Orbans Machthunger abspielen. Laufzeit 06:09 Minuten.
06:09 min, aus Echo der Zeit vom 04.12.2018.

Seit Monaten hing der Entscheid in der Luft, jetzt ist es endgültig: Die vom US-Milliardär George Soros gegründete Zentraleuropäische Universität (CEU) verlegt ihre in den USA akkreditierten Studienprogramme aus Budapest nach Wien. Verantwortlich dafür ist die rechtsnationale ungarische Regierung von Premier Viktor Orban.

Dieser weigert sich, ein vorliegendes Abkommen mit den USA zu unterzeichnen, das der CEU weiterhin einen rechtlichen Rahmen garantiert hätte. Mit dem Abzug der CEU gehe der «Brain drain» weiter, sagt NZZ-Korrespondentin Meret Baumann. Doch der Regierung Orban sei es noch so recht, wenn die kritischen Geister das Land verliessen.

Meret Baumann

Meret Baumann

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Baumann, Link öffnet in einem neuen Fenster ist seit 2013 Österreich- und Osteuropa-Korrespondentin der NZZ. Die studierte Juristin lebt in Wien.

SRF News: Meret Baumann, wie gross ist der Verlust der CEU für die akademische Welt in Ungarn tatsächlich?

Meret Baumann: Bei der CEU handelt es sich um eine Postgraduate-Uni für Sozial- und Geisteswissenschaften, die seit 25 Jahren in Budapest existiert. Gerade in den Fächern Politikwissenschaften und internationale Beziehungen hat sie einen sehr guten Ruf. Sie zählt in diesen Bereichen zu den hundert besten Unis der Welt. Sehr begehrt sind vor allem jene Studiengänge, für die man ein in den USA anerkanntes Diplom erhält. In den vergangenen Jahren haben deshalb auch Hunderte ausländische Studenten an der CEU in Budapest studiert.

Seit 2010 haben bis zu 500'000 Ungarn das Land verlassen.

Könnte das auch zur Folge haben, dass es im Land zu einer Art «Brain drain» kommt oder ist das dann doch übertrieben?

In den ost- und mitteleuropäischen Staaten gibt es schon lange einen «Brain drain». Besonders Ungarn und Polen sind von der Abwanderung gut ausgebildeter junger Menschen stark betroffen. Mittlerweile herrscht in den Ländern ein Fachkräftemangel, der als grösste Gefahr für das wirtschaftliche Wachstum gilt. Allein in Ungarn sollen seit 2010 bis zu 500'000 Bürger das Land verlassen haben. Sie gingen aus den verschiedensten Gründen, vor allem aber wegen der tiefen Löhne in Ungarn. Vor diesem Hintergrund erscheint es sehr kurzsichtig, eine international anerkannte Hochschule wie die CEU zum Wegzug zu zwingen.

Soros mit Brille.
Legende: Der ungarischstämmige US-Milliardär George Soros soll an allem Übel in der Welt Schuld sein – so die Propaganda der ungarischen Regierung. Reuters

Die ungarische Regierung kämpft noch auf anderen Ebenen gegen die Wissenschaft und den Intellektualismus im Land. Premier Orban will die Akademie der Wissenschaften enger an die Kandare nehmen. Was genau hat er vor?

Zwei Drittel ihres Budgets sollen der wichtigsten wissenschaftlichen Institution des Landes ab nächstem Jahr nicht mehr direkt zugewiesen werden, sondern dem Ministerium für Innovation und Technologie.

Die Forschung soll verstaatlicht werden – als Rache für Kritik von Wissenschaftern an der Regierung Orban.

Kritiker sehen darin einen Versuch, die Autonomie der Akademie der Wissenschaften zu beschneiden und sie so besser kontrollieren zu können. Die Forschung soll also quasi verstaatlicht werden. Es scheint, dies sei ein Racheakt für Kritik von Wissenschaftlern an der Regierung Orban.

Orban.
Legende: Regierungschef Orban hält nichts auf kritische Intellektuelle. Reuters

Gibt es da öffentlichen Widerstand?

Als im April 2017 die Reform des Hochschulgesetzes beschlossen wurde, das die CEU jetzt zum Abzug zwingt, gingen zehntausende Protestierende auf die Strasse. Inzwischen ist es aber ruhig geworden, nur noch ein paar Hundert Studenten demonstrierten am Wochenende gegen die Regierung. Allerdings solidarisieren sich Wissenschafter und Universitäten auf der ganzen Welt und insbesondere in den USA und in Europa mit der CEU. Sogar in Orbans konservativen Parteienfamilie im EU-Parlament gab es Kritik an seinem Vorgehen.

Gebildete, kritische Geister sind für Orban eine Gefahr und in seinem Ungarn nicht erwünscht.

Warum ist Orban so absolut destruktiv unterwegs, wenn es um die wissenschaftliche Welt in Ungarn geht?

Wissenschafter sind Freigeister, die Orban nicht kontrollieren kann. Es kommt vor, dass sie von der Regierung verbreitete Falschnachrichten oder Verschwörungstheorien entlarven oder kritisieren. So ist etwa die seit zwei Jahren laufende Kampagne der Regierung gegen George Soros – ihrer Ansicht nach ist er die Wurzel allen Übels in Ungarn und auf der ganzen Welt – von schockierender Einfältigkeit. Entsprechend können auch konservative Intellektuelle wenig mit der Kampagne anfangen, und sie sagen das auch öffentlich. Deshalb sind gebildete, kritische Geister für Orban grundsätzlich eine Gefahr – und in seinem Ungarn nicht erwünscht.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.

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