Zum Inhalt springen

Header

Audio
Aus Rendez-vous vom 07.07.2021.
abspielen. Laufzeit 05:25 Minuten.
Inhalt

Ungarns Einfluss im Ausland Orban baut Stadion für ungarischsprachigen Klub in Rumänien

Ungarns Regierungschef Viktor Orban sorgt dafür, dass jedes Jahr Dutzende Millionen Franken in ungarischsprachige Gebiete in den Nachbarländern fliessen. Das jüngste Beispiel ist ein Fussballstadion im rumänischen Siebenbürgen.

Laszlo Dioszegi, ein Grossbäcker, hat Sepsi OSK, den erfolgreichsten Fussballklub der ungarischen Minderheit in Rumänien, vor zehn Jahren in der Kleinstadt Sfantu Gheorghe gegründet. Jetzt steht er auf der Baustelle und blickt auf die 8500 roten und weissen Plastiksitze im Oval. Er habe sich nie träumen lassen, dass sein Klub je in der ersten Liga spielen würde. Und er hat auch nicht damit gerechnet, dass er ein neues Stadion für 27 Millionen Franken erhalten würde, finanziert zu 100 Prozent mit ungarischen Steuergeldern.

Intransparente Geldflüsse

Wie viel die ungarische Regierung insgesamt ausgibt zur Unterstützung der 1.2 Millionen ungarischsprachigen Menschen in Rumänien, lässt sich nur erahnen. Die Geldflüsse sind intransparent. Als sicher gilt, dass es mehr als 100 Millionen Franken pro Jahr sind.

Legende: Laszlo Dioszegi, Präsident und Besitzer von Sepsi OSK, dem rumänischen Erstligaklub. SRF/Roman Fillinger

Die Regierung in Budapest sagt dazu, sie müsse ihre Landsleute unterstützen, auch wenn diese in Gebieten leben, die Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg an die Nachbarländer verloren hat. Die rumänische Regierung dagegen befürchtet, Orban umgarne die ungarische Minderheit, um sich über die eigenen Landesgrenzen hinaus Einfluss zu verschaffen. Die massiven Subventionen überstiegen die zulässige Unterstützung, beklagt das rumänische Aussenministerium.

Der Besitzer von Sepsi OSK sieht das anders: Er erkennt keine politischen Interessen im Millionengeschenk aus Ungarn. Ein Fussballclub sei doch nicht interessant für eine Regierung. Zudem habe er das Geld für das neue Stadion ohne jegliche Auflagen erhalten, sagt Dioszegi.

Im historischen Zentrum von Sfantu Gheorghe sitzt Stadtpräsident Arpad Antall unter der Flagge der ungarischen Minderheit. Er sagt, die ungarische Regierung springe nur in die Bresche.

Legende: Arpad Antall, Stadtpräsident von Sfantu Gheorghe, kommen die Investitionen aus Ungarn gerade recht. SRF/Roman Fillinger

Sie finanziere, was der rumänische Staat nicht zustande bringe oder nicht zustande bringen wolle, sei dies ein Fussballstadion oder die einzige rein ungarischsprachige Uni des Landes. Budapest gleiche die Benachteiligungen aus, die die Ungarischsprachigen bis heute erlebten.

Ein «Mittel gegen Abwanderung»?

Die Regierung in Bukarest soll froh sein über das Geld aus Ungarn, findet der Lokalpolitiker. Es verhindere, dass noch mehr Leute aus Siebenbürgen abwanderten und spüle letztlich Steuern in die Kassen des rumänischen Staates. Die Millionenzahlungen in den letzten zehn Jahren haben die Beliebtheit des ungarischen Regierungschefs in fast schon unheimliche Sphären katapultiert.

Von den ungarischsprachigen Rumänen vertrauen über 90 Prozent Orban und seiner Fidesz-Partei. Csaba Asztalos, Vorsitzender des Nationalen Rats für den Kampf gegen Diskriminierung, ist auch ungarischsprachig, aber kein Orban-Fan. Zwar sagt auch er, die Hilfe aus Budapest eröffne der ungarischen Minderheit neue Möglichkeiten. Aber er sagt eben auch, Orbans Strategie habe zu einer grösseren Abkapselung der ungarischen Gemeinschaft in Rumänien geführt. Man könne heute im rumänischen Siebenbürgen leben, als wäre man in Ungarn.

Legende: Schraffiert: Ungarn vor dem 1. Weltkrieg / braun: heutige Länder mit ungarischsprachiger Bevölkerung. SRF

Vom ungarischsprachigen Kindergarten geht es an die ungarischsprachige Schule, von dort an die ungarischsprachige Universität. Das TV-Programm kommt aus Budapest. In der Kirche wird auf Ungarisch gebetet, im Stadion die Mannschaft der ungarischen Minderheit angefeuert.

Die Folge: Der Austausch zwischen rumänischsprachiger Mehr- und ungarischsprachiger Minderheit habe abgenommen, so Asztalos. Orbans Strategie könne zu neuen Gräben und mehr Misstrauen führen. Auch, weil sich Rumänien zu wenig um seine grösste Minderheit kümmere.

Rendez-vous, 07.07.2021, 12:30 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

18 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Mir scheint das Vorhaben von Viktor Orban offensichtlich zu sein. Er braucht diese Leute, darum umgarnt er sie. Dass Rumänien sich nicht um diesen Teil der Bevölkerung kümmert, mag geschichtliche Hintergründe haben, ist aber nicht sehr geschickt. Wie viel des "gespendeten" Geldes zum Bau des Stadions wohl aus der EU Kasse kommt?
  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Der Fehler passierte 1918 als man das multiethnische Siebenbürgen als Kriegsbeute den Rumänen gab, weil sie 1916 in den Krieg eintraten. Die Sieger haben damit etwas geschaffen, was noch heute den Kern der Unrast in sich trägt. Ob mans dann so wie Orban bewirtschaften sollte, ist eine andere Frage. Die Ursache liegt in der Siegermentalität von 1918 und in den Verursachern der Katastrophe des ersten Weltkrieges 1914 (Berlin und Wien).
    1. Antwort von Thomas F. Koch  (dopp.ex)
      Wobei damals die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn als Verlierer des 1. WK da standen.

      Allgemein haben viele kleinerer Spannungen und grössere Konflikte, die es heute noch gibt, ihren Ursprung in den Aufteilungen der unterlegenen Länder und deren Kolonien durch die Sieger.
  • Kommentar von Zoltan Doka  (Zoltan Doka)
    Ich kann die Menschen in Sepsiszentgyörgy verstehen. Aber nichts desto trotz ist es die Strategie der FIDESZ zentrale Themenfelder für sich auszuspielen: Trianon, Anti-Semitismus, Abgrenzung zur Demorkatie und Anti-Roma. Sie spielen auf dieser Kalviatur der Politik und haben leider Erfolg damit. Wirklich zentrale Fragen wie Gesundsheits- und Bildungssystem, Klimawandel, ökonomische Disparitär werden so geschickt ins Abseits gestellt.
    1. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Was ist Trianon? Es gibt kein Antisemitismus in Ungarn. Ich war im September in Budapest, dort gibt es ein jüdisches Viertel, ohne Wachpersonal. Allein in Budapest leben ca. 80'000 Juden.
      Es gibt sicher berechtigte Kritik an vielen Dingen, aber man darf nicht die 50 Jahre Kommunismus vergessen.
    2. Antwort von Zoltan Doka  (Zoltan Doka)
      Hallo Frau Helmers. Trianon ist ein Teilvertrag nach dem 1. Weltkrieg. Dabei wurden etwa 2/3 des Ungarischen Königreiches auf Rumänien, Slovakei, Ukraine und Österreich verteilt. Ja es gibt zum Glück eine jüdische Gemeinschaft in Ungarn. Zum Glück. Und ja such die Kommis waren nicht top. Aber Fides übertrifft als Regierung alles bezüglich diesen Themen.
    3. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Frau Helmes es gibt vielleicht keine Antisemitismus in der Bevölkerung, aber Orban Spiel ganz klar diese Karte. Warum würde er sonst dauern von der Jüdischen Weltverschwörung faseln und Soros bekämpfen, den er immer wieder als gierigen Bösen Juden darstellt. Auch auf Wahl Plakaten.
      Orban macht die Politik nicht das Volk.