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Legende: Audio Die Gründe für den Untergang der «Estonia» wurden im Detail nie geklärt abspielen. Laufzeit 05:22 Minuten.
Aus SRF 4 News aktuell vom 19.07.2019.
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Untergang der «Estonia» 1994 «Bei dem Unfall kamen viele unglückliche Umstände zusammen»

Fast 25 Jahre nach dem Untergang der Ostsee-Fähre «Estonia» mit 852 Todesopfern entscheidet ein französisches Gericht über Schadenersatz-Forderungen von rund 1000 Überlebenden und Opfer-Angehörigen.

SRF-Nordeuropa-Mitarbeiter Bruno Kaufmann war 1994 kurz vor der Katastrophe selber mit der «Estonia» unterwegs. Seither hat er das Unglück journalistisch begleitet.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Skandinavien-Korrespondent

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Bruno Kaufmann berichtet seit 1990 regelmässig für SRF über den Norden Europas, von Grönland bis Litauen. Zudem wirkt er als globaler Demokratiekorrespondent beim Internationalen Dienst der SRG, swissinfo.ch/directdemocracy, Link öffnet in einem neuen Fenster.

SRF News: Warum kommt die Entscheidung zum Schadenersatz erst ein Vierteljahrhundert nach der Katastrophe?

Bruno Kaufmann: Weil sich bislang alle Beteiligten und möglichen Verantwortlichen dagegen gewehrt hatten, dass ein unabhängiges Gericht die Schuldfrage prüft. Zudem hatte die verantwortliche Reederei Estline gewisse Schadenersatzforderungen von Überlebenden und Angehörigen von Todesopfern nach dem Unglück erfüllt.

Wieso wird der Schadenersatz-Prozess jetzt vor einem französischen Gericht behandelt?

Die Prüfungsstelle Veritas – sie hatte die Seetüchtigkeit des späteren Unglückschiffs bestätigt – hat ihren Hauptsitz im Pariser Vorort Nanterre. Dort findet jetzt auch der Prozess statt.

Die Werft soll eine Fehlkonstruktion gebaut, die Prüfungsstelle ein untaugliches Schiff zertifiziert haben.

Angeklagt ist neben der französischen Prüfungsstelle auch die deutsche Werft, welche die Fähre gebaut hat. Was wird ihnen konkret vorgeworfen?

Der Meyer Werft im norddeutschen Papenburg wird vorgeworfen, das Schiff mit einem Konstruktionsfehler gebaut zu haben. Auch hätte die «Estonia» nicht auf solch langen Routen auf hoher See fahren dürfen. Der Prüfungsstelle wiederum wird zu Last gelegt, ein eigentlich untaugliches Schiff zertifiziert zu haben.

Ein Bergungsschiff hebt die Klappe aus dem Meer.
Legende: Am 19. November 1994 wurde die Bugklappe vom Ostsee-Grund geborgen. Sie war am 28. September bei hohem Wellengang abgerissen worden. Keystone Archiv

Wieso konnte nie genau geklärt werden, wie es zum Unglück kam?

Bei dem tragischen Unfall kamen viele unglückliche Umstände zusammen, die schliesslich zur Katastrophe führten. Der Fall ist sehr komplex: Eine schwedische Reederei betrieb die Fähre mit einer estnischen Besatzung, am Unglücksort in den internationalen Gewässern der Ostsee waren in der Nacht finnische Rettungskräfte im Einsatz. Alle Beteiligten haben in irgendeiner Weise versagt. Deshalb hatten alle beteiligten Länder ein Interesse daran, den Fall zu begraben.

Grösste Schiffskatastrophe der Nachkriegszeit

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Am 28. September 1994 sank die Ostsee-Fähre «Estonia» vor der finnischen Insel Utö. Sie war unterwegs von Tallinn in Estland in die schwedische Hauptstadt Stockholm. Beim schwersten Schiffsunglück in der europäischen Nachkriegsgeschichte kamen 852 Menschen ums Leben, 137 Personen überlebten das Unglück. Nur 94 Leichen konnten geborgen werden – die meisten Toten ruhen wohl in rund 80 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund der Ostsee. Wieso das Schiff mitten in der Nacht während eines Sturms mit bis zu sechs Meter hohen Wellen vom Meer verschluckt wurde, wurde in den Details nie restlos geklärt.

Was weiss man heute über den Ablauf der Ereignisse, die am 28. September 1994 zum Sinken der «Estonia» geführt haben?

Die Fähre verliess am Abend des 27. Septembers bei starken Winden den Hafen von Tallinn und ging auf halbem Weg nach Stockholm unter. Gesichert ist auch, dass die aufklappbare Bugklappe, durch die Autos und Lastwagen be- und entladen wurden, wohl durch den starken Seegang abgerissen wurde. Daraufhin drang Wasser in die Autodecks ein. Wegen eines fehlerhaften Kollisionsschotts konnte das Vollaufen des Schiffes nicht gestoppt werden und es sank innert weniger Minuten.

Kann mit dem Urteil aus Frankreich jetzt ein Art Schlussstrich unter die Katastrophe gezogen werden?

Nein, wohl kaum. Die Angeklagten haben bereits angekündigt, sie würden das Urteil weiterziehen, falls das Gericht die Schadenersatzforderungen gutheissen sollte. Und sollte das Gericht die Forderungen ablehnen, bleibt die grosse Wunde offen. Man muss sehen: Zehn Prozent aller Schweden kannte damals jemanden, der auf der «Estonia» starb und auf dem Grund der Ostsee blieb.

Das Gespräch führte Roger Aebli.

Untaugliche Verschwörungstheorien

Von den kursierenden Verschwörungstheorien zum Untergang der «Estonia» ist nicht viel zu halten. Ihnen zufolge sollen Regierungen hinter dem Unglück stecken, die Waffen- oder Drogenexporte vertuschen wollten. Solche Theorien tauchen typischerweise in Fällen auf, in denen die wirklichen Umstände nicht vollständig geklärt werden können. (kaufb)

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Nach meinem Verständnis - ich bin nicht Jurist - geht das Ganze nun schon enorm lange. Und je länger diese Verhandlungen dauern, desto weniger "nützt" ein Schadenersatz den Hinterbliebenen.
    Und so wie es aussieht, wurde eine unabhängige Untersuchung von verschiedenen Seiten behindert; das nützt dann schon gar niemandem etwas, höchstens den Verantwortlichen, die evtl. eine Mitverantwortung für das Unglück tragen und sich gegen eine Untersuchung "sperzen". Wir werden sehen. Oder ist es anders?
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  • Kommentar von marc rist  (mcrist)
    Unter dem Vorwand der Bewahrung der Totenruhe unterbinden Schweden, Finnland und Estland systematisch Tauchgänge zum Wrack. Diese Tatsache allein spricht bereits für sich.
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    1. Antwort von Stefan Huwiler  (huwist)
      Ist auch richtig, dass diese Tauchgänge unterbunden sind.
      Das Schiff ist gesunken weil das Bugtor abgerissen ist und das Schiff deshalb innert kürzester Zeit vollgelaufen ist. Die Schuldfrage kann man auch mit diesem Tor klären (sofern das nach 25 Jahren überhaupt noch Sinn macht) - dafür muss man nicht die Toten besichtigen.
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    2. Antwort von Peter Stämpfli  (Peter Stämpfli)
      Das Bugtor ist abgerissen, das aber ist nicht die alleinige Ursache. Hinter der Bugklappe ist ein Wasserdichtes Tor, welches offenbar nicht geschlossen oder nicht dicht war. Die Meyer-Werft hat nachweisen können, dass kein Konstruktionsfehler vorlag. War es ein Wartungsfehler? Das kann nur am Schiff selber beurteilt werden, die Behörden haben das aber verhindert.
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