Ursachensuche nach Zugunglück: Italiens Korruption am Pranger

Die italienische Tageszeitung «La Stampa» veröffentlicht ein Interview mit einem der beiden Bahnhof-Chefs, zwischen deren Stationen sich das Bahnunglück im süditalienischen Apulien zugetragen hat. Der Beamte bekennt sich schuldig. Derweil zeigen Experten auf einen ganz anderen Schuldigen.

Vollständig zerstörter gelber Bahnwagen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Streckentechnik war veraltet. Die beiden Züge prallten mit 100 Stundenkilometer aufeinander. Reuters

Der Bahnhofs-Vorsteher der Stadt Andria anerkennt seine Schuld am schweren Bahnunglück im süditalienischen Apulien vom vergangenen Dienstag. Er persönlich sei es gewesen, der die Komposition auf die Strecke geschickt habe. Auf eine Strecke, auf der notabene bereits ein Zug unterwegs gewesen ist.

«Ich war es, der diesen Zug auf die Fahrt geschickt hat. Ich habe die grüne Tafel hochgehalten», wird der Chefbeamte von der italienischen Tageszeitung «La Stampa» zitiert. Dass er allerdings der alleinige Sündenbock sein soll, dem widerspricht eine gewichtige Stimme.

Raffaele Cantone sagt in einem Video zur italienischen Tageszeitung «Corriere della Sera», dass der menschliche Fehler nur der Auslöser für das Unglück gewesen sei. Für den Chef der Antikorruptionsbehörde liegt auf der Hand: Die endemische Korruption im Land verunmögliche es, die Infrastruktur zu modernisieren.

Sicherungssystem von Dieben abmontiert

Zu viele Projekte versandeten, würden nie fertiggestellt. Die Korruption habe darum mit zu dieser Tragödie geführt. Gleichzeitig publizieren verschiedene Zeitungen dazu entlarvende Beispiele. So sollte etwa die Bahn um den Vesuv längst mit einem Zugssicherungssystem ausgestattet werden.

Es wurde auch viel Geld verbaut, aber das Sicherungssystem gibt es nach wie vor nicht. Unter anderem wurden die bereits verbauten Kupferleitungen von Dieben wieder abmontiert.

Das Signalsystem auf der eingleisigen Strecke bei Bari sei ohnehin eines der gefährlichsten, weil die Kontrolle bei Menschen liege, sagte Verkehrsminister Graziano Delrio am Mittwoch vor dem Parlament in Rom.

Dreitägige Trauer ausgerufen

Inzwischen arbeitet der juristische Apparat auf Hochtouren. Ermittlungen wurden gegen Mitarbeiter der Betreibergesellschaft aufgenommen und ein Pool aus fünf Staatsanwälten ermittelt die Ursachen des Unglücks.

Genauere Informationen zur Unglücksursache dürfte die Auswertung der Unfalldatenschreiber der beiden Züge bringen, die mittlerweile geborgen wurden.

Das Begräbnis der Opfer ist für Samstagvormittag geplant. Die Toten sind alle Italiener. In der Stadt Andria, aus der die meisten Opfer stammten, wurde eine dreitägige Trauer ausgerufen. 24 Personen seien noch im Spital, acht davon in kritischem Zustand, berichteten die Behörden.

Die Tragödie hatte sich bei Bari auf einem eingleisigen Streckenabschnitt zwischen Corato und dem etwa zehn Kilometer entfernten Andria ereignet. Die beiden Züge waren bei einer Geschwindigkeit von 100 Kilometern pro Stunde frontal zusammengeprallt. Dabei starben 23 Menschen. 52 wurden verletzt.