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Illegale polnische Kredite in Schweizer Franken
Aus Rendez-vous vom 03.10.2019.
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Urteil der Luxemburger Richter «Das Urteil ist günstig für die polnischen Kreditnehmer»

Für Hunderttausende Polen wurde der Traum vom Eigenheim zum Albtraum. Sie haben – noch vor der Finanzkrise – Hypotheken in Franken abgeschlossen. Seither hat die finanzielle Last viele von ihnen ruiniert, denn ihr Lohn wird in Zloty bezahlt, sie müssen die Zinsen aber in Franken zahlen. Und der ist im Wert gestiegen. Ein polnischer Richter verlangte nun vom Europäischen Gerichtshof Klärung: Sind diese Hypothekarverträge rechtens? Das sind sie nicht. Eine gute Nachricht für die Kreditnehmer, sagt Jan Opielka.

Jan Opielka

Jan Opielka

Publizist in Polen

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Opielka arbeitet als Publizist für deutsche und polnische Printmedien sowie als Übersetzer.

SRF News: Was hat der Europäische Gerichtshof entschieden?

Jan Opielka: Wenn bestimmte Klauseln in polnischen Franken-Kreditverträgen nicht rechtens sind, können entweder die gesamten Verträge für ungültig erklärt, oder die entsprechenden Teile, die den Wechselkurs des polnischen Zloty zum Franken betreffen, können gestrichen werden. Das Urteil aus Luxemburg ist günstig für die polnischen Kreditnehmer.

Baustelle in Polen
Legende: Jede vierte Hypothek in Polen wurde in Franken abgeschlossen. Da dieser erstarkt ist und viele die Zinsen nicht mehr zahlen können, haben über 10'000 Kreditnehmer geklagt. Keystone

Sind die Franken-Kreditnehmer ihr Problem damit los?

Nein, aber sie haben eine erste wichtige Hürde genommen. Denn nun haben polnische Gerichte eine Vorgabe vom Europäischen Gerichtshof bekommen, an der sie sich orientieren können. Es ist anzunehmen, dass die meisten Kredite, die heute als Franken-Kredite laufen, in Zloty-Kredite umgewandelt werden. Die Kreditnehmer werden zu günstigeren Verträgen kommen. Doch jeder einzelne Kreditnehmer, der sich von seiner Bank ungerecht behandelt fühlt, muss nun vor ein polnisches Gericht gehen und sein Recht erstreiten.

Wollen die Kreditnehmer erreichen, dass sie auf ihre Hypotheken den ursprünglichen Franken-Zloty-Wechselkurs erhalten?

Ja, darauf wird es hinauslaufen. Denn die meisten müssen die Kredite, die sie aufgenommen haben, in Franken abbezahlen, und die meisten Verträge sind vor 10-15 Jahren abgeschlossen worden, als dies noch günstig war.

Für die Menschen, die heute ihre Kredite in Franken bezahlen müssen, wird es künftig günstiger.

Experten gehen davon aus, dass die meisten Kläger darauf drängen, ihre Kredite umzuwandeln, damit sie in der polnischen Währung bezahlt werden können. Die meisten Kredite könnten also zum Zloty-Franken-Tageskurs, der galt, als der Vertrag abgeschlossen wurde, umgewandelt werden. Und der war in den meisten Fällen deutlich günstiger als der heutige Wechselkurs.

Kommt dieser Entscheid für die betroffenen Schuldner noch rechtzeitig?

Viele waren schon bei der Kreditaufnahme an der Grenze ihrer Zahlungsfähigkeit und wurden dann mit immer höheren Zinszahlungen konfrontiert. Für sie kommt das Urteil zu spät. Allerdings gibt es heute praktisch keine grösseren Probleme bei der Rückzahlung von Franken-Kreditverträgen, auch nicht bei jenen mit relativ hohen Zahlungen. Doch es wird für Menschen, die ihre Kredite in Franken bezahlen müssen, künftig günstiger, und das sind eine ganze Menge: Es gibt etwa 450'000 Verträge.

Müssen die Banken nun auf einen Teil ihrer Einnahmen verzichten?

Laut Experten können sie das tragen. Allerdings erwarten sie erhebliche Kosten. Die Ratingagentur Moody's schätzt die Kosten auf etwa 20 Milliarden Zloty; das sind rund fünf Milliarden Schweizer Franken.

Es ist nicht zu erwarten, dass dadurch das polnische Bankenwesen komplett aus den Fugen gerät.

Da jeder einzelne Kreditnehmer sein Recht nun erst noch vor einem polnischen Gericht erstreiten muss, werden sich die Kosten, die den Banken entstehen, über die nächsten Jahre erstrecken. Es ist aber nicht zu erwarten, dass dadurch das polnische Bankenwesen komplett aus den Fugen gerät.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Nick Schaefer  (Nick Schaefer)
    Am Skandal sind mindestens zwei gierige Parteien beteiligt:
    1. Der gierige Kreditnehmer, der sehr wohl wissen konnte und auch wissen musste, dass es sich bei den "günstigen" Krediten nicht um Wunder handelte, sondern um Fremdwährungsrisiko.
    2. Die gierige Bank, welche diese Kredite anbot, gerade auch an Leute, welche das Fremdwährungsrisiko nicht verstanden, oder v.a. nicht hören wollten.
    Nur eine dieser Parteien hat eine fiduziarische Treuepflicht: Die Bank: Sie muss den Schaden tragen.
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    1. Antwort von Toni Waldberg  (Anton)
      Es nimmt mich Wunder wieso nichts oder warum nicht von dem Risiko im Kreditvertrag steht, in sich schon unglaublich wenns so wäre. Wenn doch vom Risiko gewarnt wird im Vertrag, dann ist es unverständlich wieso dieser Urteil vom Europäischen Gerichthof. Beides kann nicht stimmen. Übrigens ist ein höherer Ertrag mit erhöhten Risiko verbunden, hier umgekehrt der tiefere Zins ist nicht umsonst gewesen...
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  • Kommentar von Lena Kälin  (flower)
    Aus dem Artikel geht nicht hervor, warum um alles in der Welt die polnischen Banken Hypothekenverträge in CHF statt Zloty anbieten? Das wäre ja in etwa so wie wenn unsere Banken welche in schwedischen Kronen anbieten würden. Kann mich jemand aufklären?
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    1. Antwort von bruno michel  (prototyp)
      Es könnte um die viel tieferen Zinsen gehen, die CHF Kredite ermöglicht haben. Wenn also den Leuten der günstigere Wechselkurs von damals
      bei der Rückzahlung ermöglicht wird sollte der Zins dafür nachträglich neu berechnet werden. Schade, dass der Artikel nicht auf solche wesentlichen Fragen eingeht.
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    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Weil die Zinsen bei CHF Hypotheken tiefer sind?
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