Zum Inhalt springen

Header

Video
Konstruktionsfehler beim Bau
Aus Tagesschau vom 02.11.2019.
abspielen
Inhalt

Verspätet und zu teuer Fiasko um französischen Atomreaktor

Flamanville 3 hätte das Glanzstück der französischen Atomindustrie werden sollen. Doch der Reaktor kämpft mit Problemen. Trotzdem will die französische Regierung sechs weitere solcher Meiler bauen.

Frankreich ist ein Atomland. Fast drei Viertel des Stromverbrauchs stammen aus der Kernenergie, die in insgesamt 19 Nuklearanlagen mit 58 Reaktoren entsteht. Die ersten beiden Atommeiler von Flamanville auf der normannischen Halbinsel Cotentin sind seit 2007 am Netz.

Bei Nummer 3 aber, dem neuen Druckwasserreaktor-Typ EPR, steckt der Wurm drin. Erst verzögerte sich der Baustart, dann wurden undichte Schweissnähte an den Dampfleitungen des Kühlwassersystems entdeckt. Um sie auszubessern, muss wahrscheinlich eine meterdicke Betonschicht abgetragen werden.

Offensichtlich mangelt es an qualifizierten Schweissern in diesem Land.
Autor: Yves MarignacUnabhängiger Experte für Nuklearenergie

Dazu explodierten die Kosten, statt der geplanten 3 Milliarden Euro belaufen sie sich inzwischen auf über 12 Milliarden. Am Montag bezeichnete Wirtschaftsminister Bruno Le Maire Flamanville 3 ungewöhnlich deutlich als Schlappe: «Konstruktionsfehler an den Schweissnähten, an Druckleitungen des Reaktors, mangelnde Koordination zwischen den Zulieferern während des Baus – das ist inakzeptabel.»

Ein «Industrielle Katastrophe»

Als eine Verkettung multipler Fehler, gepaart mit einer realitätsfernen Planung und ungenügender Qualitätskontrolle bezeichnet es der unabhängige Experte für Nuklearenergie, Yves Marignac: «Es ist eine industrielle Katastrophe. Statt savoir-faire stellt Frankreich damit Inkompetenz und Unvermögen zur Schau.»

Reaktor von Innen.
Legende: Der Reaktor Flamanville 3 kämpft mit Problemen. Verspätungen beim Bau und zu hohe Kosten sorgen für Kopfzerbrechen. Reuters

Über die Jahre sei viel technisches Know-How verloren gegangen. «Offensichtlich mangelt es an qualifizierten Schweissern in diesem Land.» Das Trauerspiel um den neuen Reaktor zeige, dass die französische Nuklearindustrie ausserstande sei, ein so grosses Projekt durchzuziehen.

Stromkonzern EDF am Pranger

Verantwortlich für Pleiten, Pech und Pannen an Flamanville 3 ist der staatliche Stromkonzern Electricité de France EDF. Generaldirektor Jean-Bernard Lévy gelobte öffentlich Besserung und will den von der Regierung verlangten Aktionsplan gegen die Missstände innerhalb eines Monats vorlegen.

Obwohl niemand garantieren kann, dass die Reparaturen gelingen und nicht noch andere Probleme auftauchen, plant die Regierung den Bau von 6 weiteren solcher Reaktoren. Laut Yves Marignac bleibe ihr auch gar nichts anderes übrig: «Um zu überleben hat die französische Atomindustrie dermassen auf den neuen EPR gesetzt, dass es keine andere Möglichkeit als die Flucht nach vorn gibt. Darum müssen weitere gebaut werden.»

Die absurde Argumentation im Stil von «Wir haben heute versagt, darum haben wir morgen Erfolg» könne allerdings ins Auge gehen.

Atomreaktor von oben.
Legende: Die Regierung plant sechs weitere Reaktoren im Stil des Flamanville 3. Reuters

An der längst überfälligen Schliessung des ältesten AKW Fessenheim im Elsass soll das Fiasko in Flamanville aber nichts ändern. Paris versichert, die beiden 1977 in Betrieb genommenen Atommeiler bis Ende Juni 2020 stillzulegen.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

33 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Klaus KREUTER  (SWISSKK)
    Lausig ausgeführte Schweissnähte haben nichts mit Kernkraft zu tun. Weltweit gibt es mittlerweile mehrere Neubauten von KKW der neuesten Generation und in Kanada entsteht ein völlig neues Konzept eines Kernkraftwerkes das ungeahnte Möglichkeiten bietet. Wer sich aus der Entwicklung auskoppelt muss später teuer zu kaufen. Forscher in Potsdam haben nicht umsonst Patente auf neue Konzepte erhalten. Nur Ignoranten sehen das nicht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hubert Kirrmann  (Hubert Kirrmann)
    Die Ursache der Misere von Flamanville III betrifft auch die Schweiz. Sie ist Symptom des Verlustes an industriellen und manuellen Fähigkeiten. Jungen meiden technische Berufe, die Qualität der Ausbildung nimmt ab, die Disziplin in den Werkstätten sinkt. Wie viele Schweizer wollen noch auf Baustellen arbeiten? Es ist auch ein Problem der Liberalisierung, wenn bestehende Strukturen (EdF) zerschlagen werden, die billigste Firma aus dem Osten zum Zuge kommt und die Vorschriften abstruser werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von jean-claude albert heusser  (jeani)
    Die "Grande Nation" und ihr Atomstromwahn, ganz einfach unfassbar und total daneben!
    Fortschritt und Weitsicht sieht anderst aus!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen