Ein 72-jähriger Juwelier aus dem Piemont steht im Mittelpunkt einer hitzigen Debatte über Selbstverteidigung, Selbstjustiz und die Grenzen des Rechtsstaats – von der Regierungschefin bis zum Staatspräsidenten beschäftigt er derzeit die gesamte politische Elite des Landes.
Ein Überfall und seine tödlichen Folgen
Im Jahr 2021 wurde Mario Roggeros Bijouterie in der piemontesischen Provinz am helllichten Tag überfallen. Drei Räuber drangen in das Geschäft ein – einer bewaffnet mit einer Spielzeugpistole, ein anderer mit einem Messer. Sie bedrohten den Juwelier, seine Frau und seine Tochter und forderten Geld. Als die Täter mit ihrer Beute aus dem Laden flüchteten, griff Roggero zu seiner echten Pistole, verfolgte sie auf die Strasse und erschoss zwei der Räuber. Den dritten verletzte er schwer.
Diese Woche fällte Italiens höchstes Strafgericht sein Urteil: 14 Jahre und 9 Monate Gefängnis für Roggero. Ausserdem muss er den Angehörigen der getöteten Räuber eine Entschädigung zahlen.
Selbstverteidigung oder Selbstjustiz?
Dieser Fall wühlt auf. Für die rechtspopulistische Lega war die Sache von Anfang an eindeutig: Roggero sei bedroht worden und habe lediglich sich und seine Familie geschützt – ein klassischer Fall legitimer Selbstverteidigung.
Namhafte Juristen und die Gerichte sehen das jedoch grundlegend anders. Der Juwelier habe seine Waffe gezückt und geschossen, als er längst nicht mehr bedroht wurde – die Täter waren bereits auf der Flucht. Tatsächlich traf er sie mit tödlichen Schüssen in den Rücken. Die politische Linke spricht deshalb klar von Selbstjustiz.
Rechte Parteien bauen einen Helden auf
Seit dem Urteil vom Mittwoch ist der Fall Italiens Thema Nummer eins. Die rechten Regierungsparteien forderten Staatspräsident Sergio Mattarella umgehend auf, den Juwelier zu begnadigen. Der Präsident liess jedoch kühl ausrichten, er lasse sich in dieser Frage nicht drängen.
Daraufhin legte Vize-Premierminister und Lega-Chef Matteo Salvini nach: Er besuchte Roggero persönlich im Gefängnis in Mailand und erklärte anschliessend, er wäre glücklich, wenn der Verurteilte bei den nächsten Wahlen für die Lega kandidieren würde. Als gewählter Parlamentarier würde Roggero wahrscheinlich über strafrechtliche Immunität verfügen.
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Bild 1 von 2. Italiens Verkehrsminister Matteo Salvini besuchte am Samstag Mario Roggero im Gefängnis von Bollate bei Mailand. Bildquelle: IMAGO / ZUMA Press.
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Bild 2 von 2. Anhänger und Anhängerinnen der Lega hatten sich vor dem Gefängnis versammelt, und für die Begnadigung des Juweliers protestiert. Bildquelle: IMAGO / Independent Photo Agency Int.
Auch Ex-General Roberto Vannacci, der die Rechtsparteien von noch weiter rechts herausfordert, hat sich des Falls bemächtigt: Er holte den Anwalt des Juweliers bereits in seine Partei.
Es ist offensichtlich: Italiens Rechte sieht in diesem emotional aufgeladenen Urteil erhebliches Wählerpotenzial. Der verurteilte Juwelier wird von Teilen der Politik gezielt als Symbol für Bürgerwehr und den vermeintlich unzureichenden Schutz durch den Staat inszeniert. Vom Fall des Juweliers wird man in Italien weiterhin viel hören.