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Schreibtischtäter oder Massenmörder? Der Eichmann-Prozess
Aus Zeitblende vom 03.04.2021.
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Vor 60 Jahren Schreibtischtäter oder Massenmörder? Der Eichmann-Prozess

Adolf Eichmann wurde 1961 der Prozess gemacht. Erstmals stand eine Schlüsselfigur des Holocausts vor einem israelischen Gericht.

April 1961: in Jerusalem wird der Prozess gegen Adolf Eichmann eröffnet. Gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer, Leiter des sogenannten «Judenreferats» und später Deportationsspezialist im Reichssicherheitshauptamt des NS-Regimes. In dieser Funktion war Eichmann verantwortlich für den Transport von Millionen von Jüdinnen und Juden in die Vernichtungslager der Nazis.

Aufgespürt wurde Eichmann durch den israelischen Geheimdienst in Argentinien, wo er nach dem Krieg unter falscher Identität gelebt hat. In einer minutiös geplanten Entführungsaktion war er im Mai 1960 nach Israel gebracht worden.

Mit mir stehen sechs Millionen Ankläger.
Autor: Gideon HausnerGeneralstaatsanwalt

Mit Adolf Eichmann stand damit erstmals eine Schlüsselfigur des Holocausts vor einem israelischen Gericht. Der Prozess sorgte für grosses Aufsehen, die Gerichtsverfahren wurden weltweit ausgestrahlt.

Adolf Eichmann im Gerichtssaal.
Legende: Der Nazi-Kriegsverbrecher angeklagt im jüdischen Staat: Adolf Eichmann im Gerichtssaal in Jerusalem. Keystone

Angeklagt wurde Adolf Eichmann wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, gegen die Menschlichkeit und wegen Kriegsverbrechen. Generalstaatsanwalt Gideon Hausner eröffnete seine Anklage am 11. April 1961 mit den Worten: «Wenn ich hier vor Ihnen stehe, Richter Israels, um die Anklage von Adolf Eichmann zu leiten, stehe ich nicht allein. Mit mir stehen sechs Millionen Ankläger.» Ihr Blut schreie, aber ihre Stimme sei nicht zu hören. «Deshalb werde ich ihr Sprecher sein und in ihrem Namen die schreckliche Anklage entfalten».

Und da sitzt plötzlich ein Mensch, so wie jeder andere, ganz normal.
Autor: Avner LessPolizeihauptmann, leitender Ermittler

Doch dieser unscheinbare Mann mit einem nervösen Zucken um den Mund, umgeben von sorgfältig gestapelten Dokumenten und aufgereihten Stiften, passte nicht recht zu den ungeheuren Verbrechen, die ihm zur Last gelegt wurden. Polizeihauptmann Avner Less, der leitende Ermittler, beschrieb das Dilemma: «Nach all diesen monströsen Sachen, die er begangen hatte, erwartet man unwillkürlich ein Monster. Und da sitzt plötzlich ein Mensch, wie jeder andere, ganz normal.»

In den acht Monaten vor Gericht stellte Eichmann sich konsequent als pflichtbewussten Bürokraten dar, der in einem verbrecherischen Staat zu gehorchen hatte. Beflissen, fast unterwürfig redete er seine Bedeutung klein. Er sei nur ein Werkzeug höherer Kräfte gewesen, habe Befehle ausführen müssen. «Wo keine Verantwortung, da ist auch keine Schuld», sagte Eichmann am Prozess.

Adolf Eichmann hinter einem Stapel Bücher.
Legende: Sieht so das personifizierte Böse aus? Während des Prozesses inszenierte sich Eichmann als pflichtbewussten Befehlsempfänger. Keystone

Für die Anklage aber war klar: Eichmann war mehr als ein Befehlsempfänger, er handelte in vollem Wissen und aus tiefer Überzeugung. Dass er die Menschen mit seinen Zügen in den Tod schickte, wusste Eichmann aus eigener Anschauung von den Vernichtungsorten. Und als Protokollführer der Wannsee-Konferenz wusste er im Detail über die sogenannte «Endlösung der Judenfrage» Bescheid.

Fanatischer als die NS-Führung

Die zahlreichen Dokumente, über 1600 Akten, die am Prozess von der Anklage vorgelegt wurden, zeigten: Wenn es der «reibungslose Ablauf» seiner Deportationen erforderte, dann forcierte Eichmann Massenerschiessungen oder ordnete die sofortige Tötung von Menschen an, die neu in den Vernichtungslagern ankamen.

Eichmann in SS-Uniform.
Legende: Schlüsselfigur des Holocaust: Eichmann in SS-Uniform. Getty Images

Spätestens ab 1943 sei er sogar fanatischer gewesen als die NS-Führung, sagt Mitankläger Gabriel Bach in den Aufzeichnungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. Er wusste, dass der Krieg verloren war, aber «seinen Krieg» wollte er gewinnen. Selbst als die Generäle an der Ostfront inständig gebeten hätten, man soll ihnen so viele Züge wie möglich mit Verstärkung oder Munition zur Verfügung stellen, da habe Eichmann «mit List und Tücke dafür gesorgt, dass er für seine Todeszüge Priorität bekam», erzählt Bach, der die Anklage des Staates Israel vertrat.

Die Banalität des Bösen

Mehr als 100 Zeuginnen und Zeugen sagten am Prozess in Jerusalem aus, erzählten ihre traumatischen Geschichten von der Deportation und von den Vernichtungslagern. Adolf Eichmann hörte zu, scheinbar unberührt, als hätten diese Geschichten nichts mit seinen Anweisungen zu tun.

Diese Beobachtung brachte die jüdische Philosophin Hannah Arendt zu ihrer berühmten These von der Banalität des Bösen. Sie war als Gerichtsreporterin am Prozess für die Zeitschrift «The New Yorker», die Reportagen hat sie später im Buch «Eichmann in Jerusalem» veröffentlicht. Eichmanns Unwille, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, dieses fehlende Gefühl für Unrecht, schreibt Arendt, das sei viel erschreckender gewesen als all die Gräuel zusammen.

Sassen-Interview und Eichmanns Memoiren

Hannah Arendts Einschätzung von Eichmann hat die Forschung jahrzehntelang beeinflusst. Eine entscheidende Quelle kannte sie aber nicht: Eichmanns Schriften «Meine Memoiren» und «Götzen», die er im Gefängnis in Israel ab 1960 geschrieben hat. Die Historikerin Irmtrud Wojak, heute stellvertretende Leiterin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt am Main, hat darüber ein Buch geschrieben: «Eichmanns Memoiren» (2001).

Der Prozess gegen Adolf Eichmann

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Das Hauptverfahren im Prozess gegen Adolf Eichmann begann am 11. April 1961 im Haus des Volkes im Zentrum Jerusalems. Vorsitzender Richter war Moshe Landau, die weiteren Richter Benjamin Halevi und Yitzhak Raveh. Geschworene gab es keine.

Hauptankläger war der Generalstaatsanwalt Gideon Hausner. Grundlage der Anklage und der Verurteilung Eichmanns war das 1950 in Israel veröffentlichte Gesetz zur Bestrafung von Nazis und Nazihelfern. Nach neunmonatigen Ermittlungen wurde die Anklage gegen Eichmann in 15 Punkten beim zuständigen Bezirksgericht in Jerusalem erhoben: wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation.

1600 Dokumente legte die Anklage vor, vor allem sichergestellte Akten aus dem damaligen Auswärtigen Amt in Berlin bei Kriegsende. Weitere Beweise lieferten die rund 100 Zeuginnen und Zeugen, die meisten Überlebende des Holocausts. Ausserdem wurden diverse eidesstattlich versicherte Zeugenaussagen verlesen von Zeugen, die nicht persönlich erschienen waren aus Sorge, sie könnten in Israel ebenfalls strafrechtlich belangt werden.

Die Verteidigung von Adolf Eichmann übernahm im Juni 1960 auf Wunsch seiner Familie der Kölner Rechtsanwalt Robert Servatius, der bereits mehrere Angeklagte in den Nürnberger Prozessen verteidigt hatte.

Die Urteilsverkündigung erfolgte am 121. Sitzungstag, am 15. Dezember 1961, mit dem Ausspruch der Todesstrafe. Das Gericht kam zum Schluss, dass Adolf Eichmann eine führende Rolle bei der Planung, Organisation, Ausführung und Überwachung des Holocausts zukomme, eine treibende Kraft bei der «Endlösung der Judenfrage» war.

Eichmann und sein Anwalt legten am 17. Dezember Berufung ein, doch das Urteil wurde vom Obersten Gericht in Israel bestätigt. Ein Gnadengesuch wurde abgelehnt.

In der Nacht zum 1. Juni 1962 wurde Eichmann durch den Strang hingerichtet. Eichmanns Leichnam wurde verbrannt, seine Asche im Mittelmeer ausserhalb der israelischen Hoheitsgewässer ins Mittelmeer zerstreut. Es sollte verhindert werden, dass sein Grab zur Gedenkstätte würde.

Wirklich aufschlussreich seien die Memoiren nur, wenn man sie dem «Sassen-Interview» gegenüberstelle. Einem umfassenden Interview, das Eichmann ab 1956 dem ehemaligen SS-Mann Willem Sassen in Argentinien gab. Hier habe er «noch frei von der Leber gesprochen» und kein Interesse gehabt, den «Ertrag» seiner Arbeit zu schmälern. Anders in den Memoiren aus der Haft: Da habe Eichmann sich als kleines Rädchen im NS-Regime dargestellt, er wollte verschleiern, welche ungeheure Macht er in der Verwaltung hatte, dass er «buchstäblich Herr über Leben und Tod war.»

Ein «Überzeugungstäter»

Eichmann habe seine Aufgaben in bedingungslosem «Kadavergehorsam» erfüllt, sagt Irmtrud Wojak. Aber er koordinierte eben nicht nur aufwendige Fahrpläne, operierte nicht ausschliesslich vom Schreibtisch aus. Darum geht die deutsche Historikerin teils auf Distanz zu Arendt: Ihre These von der Banalität des Bösen beziehe sich zu sehr auf den willigen Vollstrecker, Eichmann aber sei bis zum Schluss ein Nationalist und Antisemit geblieben, ein Überzeugungstäter. Diese Kombination aus Beflissenheit, Ehrgeiz und einem glühenden Antisemitismus habe ihn «zu einer perfekten Resonanzfläche für das NS-Regime» gemacht.

Acht Monate dauerte der Prozess. Eichmann sollte trotz der Schwere seiner Verbrechen einen fairen Prozess bekommen. Gerechtigkeit, nicht Rache lautete der Grundsatz am Jerusalemer Bezirksgericht. Am 15. Dezember 1961 wird Adolf Eichmann in allen fünfzehn Anklagepunkten schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Am 1. Juni 1962 wird er hingerichtet durch den Strang. Adolf Eichmann ist bis heute der einzige, der jemals von der israelischen Justiz zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde.

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Prozess gegen Eichmann vor 60 Jahren – Schweizer erinnern sich
Aus 10 vor 10 vom 08.04.2021.
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Zeitblende, 3.4.21

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Ernesto Asher Meng  (Ashi Ernesto)
    Danke SRF für den kurzen Bericht. Bei ARD Alpha läuft zur Zeit eine ganze Serie über Mörder Adolf Eichmann.Auch sind die Gericht Verhandlungen zum Teil zu sehen. Gegen das Vergessen und damit dies nie mehr passiert, sind solche Beiträge wichtig. Die Zahlreichen Anhänger von rechtem Denken, sind erschreckend. Nie wieder ist wichtig. Es leben immer noch Zeitzeugen aus dieser Zeit.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Ich finde das Erinnern wichtig. Das Erinnern auch an den Mechanismus, weshalb so etwas möglich wurde.Die Not in D war gross, aber nie hätte einem einzigen Potentaten demokratisch eine solche Macht übergeben werden dürfen.Das Denken wurde A.H. und seinen "Trupps" abgegeben. Aber solche Trends sind heute wieder am Kommen:Man gibt zunehmend Rechtsaussen-Kräften das eigene Denken ab:USA, Polen,Ungarn, bisweilen auch in der CH 1992 (EWR). Rechtsnationalismus und Rassismus sind nie eine gute Lösung.
  • Kommentar von Maria Müller  (Mmueller)
    Eigentlich zeigt dieses "ungeschoren davonkommen" (Mengele et al.) doch eines: Die (divergier.) PARTIKULARINTERESSEN von Grossmächten.

    Die US wollten nach dem Krieg Stützpunkte/Verbündete in EUR erhalten im (kalten) Kampf gegen UdSSR. Da schaute man dann halt nicht so genau hin, wen man sich ins Boot holte.

    (Dito übrigens DDR: Auch dort war man nach dem Krieg recht schnell auf "alte Kader" zum Aufbau eines neuen Staates angewiesen. Also schaute man dann halt auch nicht so genau hin.)
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Es ist klar, dass man nicht Millionen Parteimitglieder für die Mitgliedschaft in einer faschistischen Partei bestrafen konnte. In der DDR wurde für ehemalige Nazis die NDPD gegründet. In dieser Partei wurden die Nazis "entnazifiziert", d. h. für den Kommunismus umgeschaltet. In der BRD gab es in allen grossen Parteien ehemalige Nazis. Mit Hans Filbinger bekleidete ein solcher sogar das Ministerpräsidentenamt von Baden-Württemberg.