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Labour-Partei suspendiert früheren Ex-Parteichef Jeremy Corbyn
Aus Echo der Zeit vom 29.10.2020.
abspielen. Laufzeit 03:28 Minuten.
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Vorwurf Antisemitismus Ein überraschender Rauswurf

Was für ein Knall: Jeremy Corbyn war noch vor einem Jahr umjubelter Parteichef, jetzt hat ihn Labour rausgeschmissen.

Der einstige Popstar der Partei wird vorderhand als Parteiunabhängiger im Unterhaus sitzen. Vorausgegangen war ein Bericht, der zum Schluss kommt, dass die Partei jahrelang antisemitische Tendenzen in den eigenen Reihen geduldet hat.

Überraschender Rauswurf

Der Untersuchungsbericht und dessen Ergebnisse waren keine Überraschung: jahrelanger Mangel bei der Bekämpfung von Antisemitismus und Einmischung der Parteizentrale bei Beschwerdeverfahren. Doch kaum jemand hatte damit gerechnet, dass der jetzige Parteichef Keir Starmer den Moment nutzt, um mit dem ehemaligen Parteichef Jeremy Corbyn ganz zu brechen.

Am Mittag hatte Corbyn als Reaktion auf den Bericht wiederholt, dass er Antisemitismus zwar verurteile, aber die angesprochenen Probleme als übertrieben und politisch motiviert einstufe. Starmer erklärte daraufhin in einer Pressekonferenz, wer die Untersuchungsresultate als übertrieben einstufe, habe in der Partei unter seiner Führung keinen Platz mehr. Nach dieser Äusserung wurde klar – Corbyn wird suspendiert.

Damit ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Corbyn-Anhänger kündigen auf Twitter bereits an, dass sie diesen Rauswurf nicht akzeptieren, denn dieser sei im Grunde genommen ein Angriff auf den linken Flügel der Partei. Die Parteileitung weist den Vorwurf zurück. Die Partei wird wohl so rasch nicht zur Ruhe kommen.

Corbyn gefeiert wie ein Popstar

Der Sozialist Corbyn hatte die Partei von 2015 bis 2020 stark nach links geführt, weg von der Mitte, wo einst Tony Blair stand. Besonders bei jungen Britinnen und Briten kamen seine Ideen sehr gut an, sie feierten ihn wie einen Popstar. Sehr engagiert war der 71-Jährige auch, wenn es um den palästinensischen Staat ging, mitunter bei diesem Thema wurde ihm Antisemitismus vorgeworfen.

Keir Starmer will sich nicht nur klar von Antisemitismus distanzieren, sondern seine Partei auch wieder mehr in die Mitte führen. Der heutige Entscheid zeigt: Der sonst bedächtig agierende Starmer schreckt dabei vor drastischen Schritten nicht zurück. Viele begrüssen dies und hoffen, die Partei räumt nun entschieden mit den Antisemitismus-Problemen auf.

Henriette Engbersen

Henriette Engbersen

Grossbritannien-Korrespondentin, SRF

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Engbersen ist seit Frühling 2017 Grossbritannien-Korrespondentin von SRF. Sie ist seit 2008 für das Schweizer Fernsehen tätig, zuerst als Ostschweiz-Korrespondentin und später als Redaktorin der «Tagesschau».

Echo der Zeit, 29.10.2020, 18:00 Uhr

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11 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Bühler  (Capten Demokratie)
    Da wollte wohl einer den Nahostplan von Trump nicht unterstützen!
    Wie kann mann nur für Palestinenser Argumentieren? Jeder der für Menschenrechte oder Völkerrecht für die Palestinenser ist, muss ein Antisemit sein. Denn für Palestinänser heisst automatisch gegen Israel zu sein. Und das geht nicht! Schliesslich ist das dass Auserwählte Volk nicht wahr?
    Während Palestinenser ja eigentlich alles Araber sind. So der Tenor.
    Nicht unbedingt Aufklärerisch Agenda. Dabei dachte ich wir sind weiter.
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    1. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Bei den von der Labour Kommission untersuchten 23 Vorfällen geht es aber mehr um Anweisungen aus dem Büro von Corbyn antisemitische Äusserungen nicht weiter zu verfolgen. Es scheint hier nicht um die Palis zu gehen, mehr um antisemitische Äusserungen gegenüber jüdischen Labourmitgliedern, die auf Weisung Corbins weder untersucht noch sonst wie weiterverfolgt wurden. Offensichtlich konnten jüdische Politiker mit Worten beschimpft werden, die bei uns der Antirassismusstrafnorm unterliegen!
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  • Kommentar von Thomas Schuetz  (Sürmel)
    Dieser Entscheid kann ja wohl kaum jemanden erstaunen, oder? Wobei, wenn man genau hinschauen würde, sind da auch noch andere europäische Linke Parteien, welche mit Jeremy Corbyns Aussagen sympathisieren.
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  • Kommentar von Paul Wagner  (päule)
    2/2 Das Perfide an der Geschichte ist: Dass es ein Antisemitismus-Problem gab, hat niemand bestritten, auch Corbyn nicht, fraglich war/ist nur das Ausmass des Problems und das kann ja kein Externer kennen - da muss man sich dann auf den Bericht verlassen. Ich verfolge UK-Politik schon lange und aus der Distanz würde ich eher Corbyn Recht geben, das ist stark politisch motiviert. So macht man das heute wenn man jemand loswerden will.
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