Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Warnstreik in Deutschland Geisterfahrten und anderes Glattes aus Berlin

Seit Tagen ringt Berlin mit der Kälte. Nun zwingt auch noch ein Streik im Nahverkehr die Menschen zu riskanten Manövern.

Die deutsche Politik stellt gerne etwas «vom Kopf auf die Füsse». Etwa die rekordmässig schlechte Deutsche Bahn: Man will sie vom Kopf auf die Füsse stellen, der ausufernde Sozialstaat gehöre ebenfalls vom Kopf auf die Füsse gestellt. Gerade läuft es auf Berlins Strassen allerdings umgekehrt – hier werden viele von den Füssen auf den Kopf gestellt.

Ratschlag: im Pinguin-Gang aufs Glatteis

Es ist seit Tagen eiskalt. Minus 9 Grad, gefühlte minus 16 Grad, sagt die Wetter-App am Montag. Es ist vielerorts spiegelglatt. Unterwegssein wird zum Hochrisiko. Mehr denn je Leute mit Handgelenkfrakturen und Gehirnerschütterungen landen im Spital.

Eine Sprecherin empfahl deshalb den Pinguin-Gang: Mit dem Oberkörper etwas nach vorne gebeugt und mit leicht gebeugten Knien über die Eisfläche – nun ja .... gehen. Ein paar wenige Velofahrer waren selbst letzte Woche auf Kamikazetour – vor allem die vielen Essenslieferdienste, die lieber ihren Hals als ihren Mini-Lohn riskieren. 

Charlottenburg.
Legende: Riskant: ein einsamer Spaziergänger im vereisten Schlosspark Charlottenburg zum Wochenstart. Keystone / DPA / BRITTA PEDERSEN

Das Eis hat Berlin im Griff und nicht umgekehrt. Das hat mit den Zuständigkeiten zu tun: Die Behörden sorgen für die Strassen, die Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer für die Trottoirs. Doch letztere unternehmen nichts. Die beauftragten Winterdienste sind überfordert, auch weil sie in den letzten Jahren reduziert wurden.

Die vielen Unfälle setzten die Regierungsparteien unter Druck: CDU und SPD verhakten sich in einem Streit über die rechtzeitige gesetzliche Erlaubnis von Streusalz. Reichlich spät erst verfügte der Bürgermeister dann dessen Einsatz.

Station
Legende: Verwaist: Die U-Bahn-Station Alexanderplatz am 2. Februar 2026. Reuters / Alexander Schmidt

Etwas neidisch könnte man da nach Bayern schauen, dorthin pflegen die Preussen seit jeher besonders frostige Beziehungen. Ein paar Gemeinden setzen dort Gurkenwasser einer Fabrik ein gegen das Eis. Ärgerlich, dass das den Berlinern nicht in den Sinn kam, wo doch die bekannteste Gurke Deutschlands, die Spreewaldgurke, praktisch vor den Toren Berlins wächst. Hier aber geht der Eiertanz ohne Gurkenwasser weiter.

Mit Geistertrams gegen vereiste Oberleitungen

Nun empfiehlt es sich in diesen Zeiten, statt zu laufen, den ÖV zu nehmen. Doch letzten Montag fielen sämtliche Trams aus; wegen eingefrorener Oberleitungen. Erst ab Samstagmittag waren sie wieder planmässig unterwegs.

Berlin
Legende: Die Berliner Verkehrsbetriebe fahren mit «Geistertrams». Die Fahrleitungen dürfen nicht einfrieren. SRF / Simone Fatzer

Und ausgerechnet jetzt kommt der landesweite Streik auch in Berlin. Die Trambetreiberin BVG hat sich mit der Gewerkschaft geeinigt: Sie fährt trotzdem, damit die Oberleitungen nicht wieder zufrieren. Nur: Es darf halt keiner einsteigen. Geisterfahrten sind angesagt. Das Verständnis hält sich bei vielen in Grenzen.

Spätestens der Frühling wird das Problem lösen, oder wie man hier sagt: Dann ist die Kuh vom Eis. Und im Spätsommer, wenn man mit dem verheilten Handgelenk mit kühlen Drinks auf die warme Zeit anstösst, empfiehlt sich diese Regierung aus CDU und SPD zur Wiederwahl. Sie trägt hier nicht die alleinige Schuld, macht aber eine schlechte Falle. Sie kümmert sich zu spät um ihre Bürgerinnen und Bürger. Aber bis zur Wahl ist das Schmelzwasser ja längst versickert.

Fast-Stillstand trifft Millionen im Pendlerverkehr

Box aufklappen Box zuklappen

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat am Montag in 150 Städten rund hunderttausend Bus- und Strassenbahnangestellte zum Ausstand aufgerufen. Verdi begründete den Warnstreik mit den fehlenden Angeboten der Arbeitgeber seit November 2025. In weiten Teilen des Landes brach der öffentliche Nahverkehr fast völlig zusammen. Der Bahn-Regionalverkehr sowie S-Bahnen blieben dagegen weitgehend in Betrieb. Niedersachsen war als einziges Bundesland nur indirekt betroffen, da dort noch Friedenspflicht herrscht.

Kern der Forderungen ist die Entlastung durch eine verkürzte Wochenarbeitszeit. Verlangt werden zudem deutlich längere Ruhepausen und höhere Zuschläge für Nacht- und Wochenendarbeit. Nur so lasse sich die hohe Fluktuation im Fahrdienst stoppen, erklärt Verdi. In fünf Bundesländern geht es zusätzlich um eine deutliche Lohnsteigerung.

Die Beschäftigten im ÖPNV seien an ihrer Belastungsgrenze, sagte Frank Michael Munkler, Verdi-Sprecher in Köln. Die Gewerkschaft fordert deshalb eine verbindliche Ruhezeit von mindestens elf Stunden zwischen den Schichten, auch wegen der teils langen Anfahrtswege. Es werde weitere Streiks geben, sollte bis zur zweiten Verhandlungsrunde Anfang März kein ernsthaftes Angebot der Arbeitgeber vorliegen, sagte der Gewerkschaftssprecher. Möglich seien längere Ausstände von bis zu 48 Stunden und Wellenstreiks, bei denen gezielt einzelne Betriebe bestreikt würden.

Rendez-vous, 2.2.2026, 12:30 Uhr; wilh

Meistgelesene Artikel