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Die Notfallstation von Mülhausen war schon vor Corona ein Krisenfall
Aus Echo der Zeit vom 18.06.2020.
abspielen. Laufzeit 04:46 Minuten.
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Was bleibt nach dem Applaus? Frankreichs Pflegepersonal will Taten sehen

Ein runder Tisch soll die Weichen im französischen Gesundheitswesen neu stellen. Nicht eingeladen: Pflegefachpersonen.

Monatelang hat Frankreichs Bevölkerung dem Personal im Gesundheitswesen von den Balkonen und Dachterrassen aus applaudiert. Nun steht das Personal der Spitäler von Mülhausen zu Hunderten auf dem Hauptplatz im Zentrum in der Altstadt. Drängen sich auf dem Pflaster, sitzen auf der Treppe der Stefanskirche und schwenken Transparente.

Mauricette, kurze graue Haare, weisses Arbeitskleid, greift zum Megafon: «Wir geben nicht auf, das kommt nicht infrage – wir kämpfen bis zum Ende, die Regierung wird uns geben, was wir brauchen», ruft sie auf den Platz. «Wir brauchen zusätzliche Betten, wir brauchen genügend Arbeitsmaterial, wir brauchen bessere Löhne und mehr Personal.»

Mauricette weiss, wovon sie spricht. Sie arbeitet seit Jahren am Empfang der Notfallstation. Da passt vieles nicht zusammen, sagt sie. Während der Krise habe man die Bettenzahl in der Notfallstation erhöht und zusätzliches Personal aufgeboten. Doch nun würden diese Betten wieder abgebaut. Die Belegschaft wolle aber nicht, dass alles wieder sei wie früher.

Covid-19 hat das System gesprengt.
Autor: JoëlleAushilfe auf der Notfallstation während der Coronakrise

Die Psychiatrieschwester Joëlle wurde während der Krise auf der Notfallstation als Aushilfe eingesetzt. Sie hat die Zustände dort erlebt: «Es gab zu wenig Personal, zu wenig Betten, um die Patienten aufzunehmen. So mussten sie in den Korridoren warten. Material war auch nicht genügend da. Dies war schon vorher so – aber Covid-19 hat das System gesprengt.»

Seither habe sich nichts verbessert. Das ganze System sei zu hierarchisch und eine wuchernde Bürokratie verschlinge immer mehr Zeit, die dann für die Pflege fehle, sagt Joëlle. Darum fülle sie viele dieser Formulare gar nicht mehr aus. Auch kämen laufend neue Aufgaben hinzu, sagt ihre Kollegin Mercedes.

Autoreinigung auf die Pflegenden abgewälzt

Zum Beispiel müssten nach einem Krankenbesuch die Pflegerinnen ihr Auto schon seit längerem selbst waschen. Denn im Zuge der Sparmassnahmen habe die Spitalleitung das Personal für die Wartung der Betriebsfahrzeuge abgeschafft. «Im Zuge der sanitarischen Schutzmassnahmen sind die Prozeduren noch aufwändiger geworden. Aber die Kader finden das normal.»

Die Spitze der Hierarchie sei von der Basis weit entfernt, sagen die Pflegerinnen. Neben Funktionären aus dem Gesundheitsministerium und den Gewerkschaften sässen dort nur Ärzte. Vertreter der Krankenpflege habe man nicht einmal eingeladen. Leute, die die Bedürfnisse der Basis kennen und verstehen würden.

Und darum zweifeln die Pflegerinnen auch, dass der runde Tisch für das Gesundheitswesen wirklich zukunftsweisende Lösungen bringen wird. Aber nach dem Applaus der Coronakrise wollen sie Taten sehen und darum den Druck von der Basis her aufrecht halten.

Echo der Zeit vom 18.6.2020

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Das ist nicht nur in Frankreich so, sonder auch in der Schweiz. Echte Solidarität ist finanzielle Hilfe oder man hilft selbst in der Pflege aus. Nur zu klatschen zeigt nur wie wenig man diesen schon jahrelangen Konflikt ernst nimmt. Ich arbeite in der Pflege, also weiss ich von was ich rede.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Die Französinnen nageln es. Ihr werdet sehen. Einmal aufgebracht, fackeln sie nicht mehr lange.
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  • Kommentar von Kurt Lyner  (Kurt)
    die gröbsten und auffälligsten Probleme in Frankreich:
    1. der aufgeblähte, zentrale (alles in Paris) Verwaltungsapparat. Ist sehr teuer, unproduktive, weit weg von der Basis und den Regionen mit den individuellen Bedürfnissen.
    2. die uneingeschränkte Politik- und Verwaltungshirarchie. Demokratie ist davon weit entfernt.
    3. die Machtbefugnisse der Gewerkschaften ist natürlich auch komplett antidemokratisch und dem entsprechend nicht wirtschaftsfördernd.
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