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Legende: Audio Mehr als die Hälfte der Kinder in staatlicher Fürsorge sind Maori abspielen. Laufzeit 05:27 Minuten.
Aus SRF 4 News aktuell vom 31.07.2019.
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Wegen staatlicher Fürsorge Maori klagen über «moderne Kolonialpolitik»

Die indigenen Maori werfen Neuseelands Regierung vor, ihnen die Kinder aus rassistischen Motiven wegzunehmen.

Was ist passiert? Tausende Maori haben in der neuseeländischen Hauptstadt Wellington gegen die Regierung protestiert. Kritikpunkt ist die Umsetzung der Praxis, gefährdete Kinder den Eltern wegzunehmen: Mehr als die Hälfte der Kinder in staatlicher Fürsorge sind Maori. Die indigene Gruppe macht aber nur 15 Prozent der Bevölkerung in Neuseeland aus.

Hunderte Maori-Demonstranten vor dem Parlament
Legende: «Hände weg von unseren Tamariki» lautete eine Parole am Dienstag. Tamariki steht in der Sprache der Maori für Kinder. Reuters

Wie lauten die Vorwürfe? Die Maori werfen der Regierung Rassismus und Kolonialpolitik vor. «Das ist etwas überspitzt», sagt SRF-Mitarbeiter Urs Wälterlin, der in Australien lebt. «Neuseeland hat ein grundsätzliches Problem mit Kindern.» Kindesmissbrauch und die Verwahrlosung von Kindern seien weit verbreitet. Eine Studie von 2018 zeigte, dass von 55'000 Kindern in Neuseeland jedes vierte unter Misshandlung oder Verwahrlosung litt.

Urs Wälterlin

Urs Wälterlin

SRF-Mitarbeiter in Australien

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Der gebürtige Basler Urs Wälterlin, Link öffnet in einem neuen Fenster lebt seit 1992 in der Nähe der australischen Hauptstadt Canberra. Er berichtet von dort für SRF über Australien, Neuseeland und Ozeanien.

Wo liegt das Problem? Unter den Maori sei Armut ein grosses Problem, das Vernachlässigung begünstigen könne, sagt Wälterlin. Kommt Missbrauch hinzu, spiele auch die Tatsache, es aus der eigenen Kindheit nicht anders zu kennen, eine Rolle. Die Studie kommt zum Schluss, dass es generell an Erziehungsprogrammen fehlt.

Andererseits seien kulturelle Unterschiede nicht zu unterschätzen, so Wälterlin: Wenn Maori-Kinder im tiefsten Winter barfuss und in kurzen Hosen zur Schule gehen, ist das ein irritierendes Bild. «Die Wahrnehmung für grundsätzliche Bedürfnisse wie Wärme, Schutz und gesunde Nahrung ist zwischen Menschen verschiedener Kulturen anders – wahrscheinlich nicht nur in Neuseeland.»

Maori-Mädchen
Legende: Die Maori halten stark an ihrer Kultur und ihren Gewohnheiten fest. Manche mögen für die westliche Welt irritierend wirken. Im Bild: Ein Maori-Mädchen am Waitangi Day, dem Nationalfeiertag in Neuseeland. Getty Images/Archiv

Was unternimmt die Premierministerin? Diese strukturellen Herausforderungen existieren seit Jahrzehnten. «Seit ihrer Wahl 2017 stehen soziale Probleme ganz oben auf Jacinda Arderns Prioritätenliste», sagt der Journalist. Der im Mai veröffentlichte Haushaltsplan – «der erste seiner Art in der westlichen Welt», so Wälterlin – hat das Wohlbefinden der Bevölkerung als oberstes Ziel.

Milliarden sollen in die Bekämpfung von psychischen Krankheiten, Armut und häuslicher Gewalt fliessen. Ein Fokus ist auch der Kampf gegen Kindesmissbrauch. Weil die Sitze der Maori für Arderns Labour-Partei wichtig sind, könne sie sich ein Nichtstun vor den Wahlen 2020 nicht leisten, sagt Wälterlin; der Schutz von Kindern sei der Mutter aber auch ein persönliches Anliegen.

Gibt es konkrete Massnahmen? Wälterlin vermutet, dass sich die Regierung nun die Kinderwohlfahrtsbehörde Oranga Tamariki vornehmen wird. «Ehemalige Mitarbeiterinnen klagen seit langem über eine toxische Unternehmenskultur». Die Behörde sei personell völlig unterversorgt: Ein Fürsorgebeamter sei für 60 Fälle zuständig. Von den Maori wird der Behördenchefin vorgeworfen, dass sie ihre Kultur nicht verstehe, weil sie nicht aus Neuseeland stamme.

Wird sich jetzt etwas ändern? Veränderung sei gewiss, so Wälterlin. «Aber es ist ein langer und langwieriger Prozess. Man kann keine Wunder erwarten.»

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Margot Helmers  (Margot Helmers)
    Ich bereiste New Zealnd vor ca. 30 und 25 Jahren 10 Monate und einmal 6 Wochen in einem Camper. Dort gibt es nicht den "tiefsten Winter" in unserem Sinn; dort ist es im Winter kühl und regnerisch, aber kein Schnee und Eiseskälte.
    Die Maori haben i.d.R. keine Arbeit auf Führungsebene, sondern sind meist als Hilfskräfte auf unterster Stufe angestellt. Deswegen leben sie in herunter gekommenen Gegenden und bestärken sich gegenseitig mit den Problemen / Alkohol.
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  • Kommentar von Hans Haller  (panasawan)
    Nur so nebenbei bemerkt. Im tiefsten Winter ist dort eigentlich das, was wir bei uns Sommer nennen. / Wenn Maori-Kinder im tiefsten Winter barfuss und in kurzen Hosen zur Schule gehen..., sieht das zwar für uns ungewöhnlich aus, aber die sind es oftmals auch so gewohnt. Man würde denen die Schuhe ja auch geben, nur so nebenbei bemerkt. Da lassen sich die Kiwi's nicht lumpen.
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  • Kommentar von Ursula Keller  (Note)
    Ich finde den Kommentar von Manuela eigentlich nicht so schlecht, er umfasst aber nicht den wichtigsten Punkt. Die "Fürsorge" ist eben immer bereits das Armutszeugnis, damit verhindert man ja gerade die Selbständigkeit. Man hält sie in einer ähnlichen Abhängigkeits-Schlaufe wie Langzeitarbeitslose. Und wie bei denen ist es natürlich die Schuld der Empfänger, weil diese ja das System managen und nicht etwa die Regierung von NZL. Und die gesellschaftl. Konsequenzen? Genau die gleichen!
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    1. Antwort von Hans Haller  (panasawan)
      Bildungsprogramme sind auch da vorhanden, vielleicht bedarf es sogar der besonderen Programme im Bereich der Bildung für Maoris, das kann sein. Aber all das steht und fällt damit auch, ob es angenommen wird. - Sich einfach einer Lebensweise widmen, wo es quasi für Maori exklusive ein "Non-Stop-Bedingungsloses-Einkommen" auf Nummer sicher gibt, mag ja schön sein, aber nicht wirklich sinnvoll und zukunftsorientiert. Leben wie damals (zu Entdeckers Zeiten, James Cook) geht nun mal nicht mehr.
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