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Legende: Audio Ungarns Kampf gegen Bevölkerungsschwund abspielen. Laufzeit 05:23 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 07.05.2019.
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Weil das Land schrumpft Ungarn belohnt das Kinderkriegen

Ungarische Familien sollen gefördert werden. Doch das Programm bevorzuge die Mittel- und Oberschicht, sagen Kritiker.

Die ungarische Bevölkerung schrumpft, mittlerweile auf unter 10 Millionen. Weil die Regierung von Viktor Orban keine Zuwanderung will, sollen ungarische Frauen mehr Kinder bekommen. Die Regierung bietet Frauen bis 40, die zum ersten Mal heiraten, günstige Kredite. Familien bekommen billige Hypotheken, Grossfamilien einen Zustupf ans neue Auto. Mütter von vier Kindern und mehr müssen für den Rest ihres Lebens keine Einkommenssteuern bezahlen.

2.1 Kinder soll die Durchschnittsungarin künftig zur Welt bringen, zurzeit sind es im Schnitt 1.5 Kinder. Zilia Bender würde gerne mithelfen, die 2.1 zu erreichen. Auf einem Spielplatz in Budapest schaukelt sie ihre zweijährige Tochter Philomena. Im Arm trägt sie die fünf Monate alte Lisabetta. Ihr Mann hätte gern noch einen Jungen.

Frau mit Kind.
Legende: Zilia Bender befürwortet das Programm der Regierung. Sie wünscht sich ein drittes Kind. SRF/Roman Fillinger

Die neue Familienpolitik in Ungarn ist ganz auf ihrer Linie. Die 33-jährige Soziologin hat zu Familienfragen geforscht: Sie sagt, das Geld der Regierung ändere nichts daran, ob eine Frau sich ein Kind wünsche oder nicht, aber es ermögliche vielen, rascher ein weiteres Kind zu haben, auch ihr selbst: «Bevor Orban das neue Programm ankündigte, dachten wir, wir müssten Geld sparen, um uns zuerst ein Haus und dann ein drittes Kind leisten zu können.»

Das sei nun anders: Mit dem neuen Programm bekommen sie und ihr Mann eine günstige Hypothek. «Die neue Familienpolitik der Regierung belohnt jene, die nicht nur Kinder auf die Welt stellen, sondern sich auch überlegten, wie sie diese Kinder finanzieren», sagt die Fidesz-Anhängerin.

Orban mit seiner Famile.
Legende: Viktor Orban mit seinen fünf Kindern. Seine Frau muss mit dem neuen Gesetz auch keine Einkommenssteuer mehr zahlen. Reuters/Archiv

Auf einem anderen Kinderspielplatz in Budapester sitzt die Politologin Eszter Kovats. Sie arbeitet für eine sozialdemokratische Stiftung und findet, dass die neuen Kredite, Zustüpfe und Steuererlasse unfair seien: «Sie sind sehr auf die Mittel- und Oberschicht ausgerichtet. Die Leute in benachteiligten Regionen, die Schichtarbeiter, die Mindestlohnverdiener, sie alle können von diesen tollen Versprechen nicht profitieren.»

Leute in Fussballstadion.
Legende: Die Regierung um Viktor Orban möchte die Bevölkerungszahl in Ungarn erhöhen. Reuters

Denn die Wenigverdiener haben trotz Familienförderung zu wenig Geld, um eine Hypothek zu bekommen. Sie können sich trotz staatlichem Zustupf kein grosses Auto leisten. Und eine Mutter von vier Kindern, die schlecht verdient, hat wenig davon, wenn ihr die Einkommenssteuer erlassen wird.

Eszter Kovats bezweifelt, dass mehr Kinder zur Welt kommen werden. «Es geht nicht darum, dass wir keine Kinder wollen. Ein Gehalt reicht nicht für eine Familie. Und da schlägt sich die Regierung nicht auf die Seite der Familien, sondern auf die Seite der Arbeitgeber.»

Leute am protestieren.
Legende: Das neue Arbeitsgesetz ist umstritten. Es erlaubt Firmen, bis zu 400 Überstunden im Jahr anzuordnen. Reuters

Das jüngste Beispiel für die familienunfreundliche Wirtschaftspolitik der ungarischen Regierung sei das neue Arbeitsgesetz. Es erlaubt Firmen, bis zu 400 Überstunden im Jahr anzuordnen.

«Wenn Orban mehr ungarische Kinder und gleichzeitig mehr Frauen auf dem Arbeitsmarkt will, dann müssen die Löhne steigen; die Arbeitszeiten müssen familienfreundlicher werden – und es braucht mehr Plätze in Alters- und Pflegeheimen», so Kovats.

«Die Kitaplätze und die ungarischen Babys werden kommen»

So unterschiedlich die Einstellungen auf den beiden Spielplätzen sind, in einem Punkt sind sich die linke Politologin und die Orban-treue Soziologin einig: Es ist eine gute Sache, dass die Regierung bis in drei Jahren über 20’000 neue Kita-Plätze schaffen will. Aber: «Auch wenn sie die Gebäude hinstellen, ich sehe nicht, wer dort arbeiten soll», so Bender. Die Löhne von Kita-Betreuerinnen seien miserabel. Im Büro von Viktor Orban heisst es auf Anfrage nur: «Die Kitaplätze und die ungarischen Babys werden schon kommen».

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Dupont  (udupont)
    Blanker Unsinn was Ungarn in Zeiten von Bevölkerungsexplosion und Ressourcenübernutzung macht. Sie würden besser eine erhöhte und kontrollierte Zuwanderung zulassen, was Oekologisch und oekonomisch mehr Sinn machen würde. Aber gut, wir in der Schweiz machen es ja mit unseren fragwürdigen Familiensubventionen nicht besser.
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    1. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Die Bevölkerungsexplosion findet in Afrika, arabischen und asiatischen Ländern statt. In Afrika gibt es in 12 Tagen einen Bevölkerungsüberschuss von einer Million Menschen.
      Soll Ungarn bei einer Geburtenrate von 1,5 Kindern aussterben, damit z.B. Afrikaner den Platz einnehmen können?
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    2. Antwort von Karl Kirchhoff  (Charly)
      @Helmers, wo finde ich die seriösen wissenschaftlichen Daten für ihre Aussage? Oder zitieren sie nur Björn Höcke, von der AfD?
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  • Kommentar von Markus Guggisberg  (gugmar)
    Genial was die Ungaren da machen. Sie haben gelernt für sich selbst zu schauen und Herr Orban hat einen guten Anteil daran. Ungarn ist in erster Linie verantwortlich für sich selbst und nicht für die anderen die sehr wohl für sich selbst verantwortlich sind. Eine einfache, klare und wahre Erkenntnis die leider heute mit den geopolitischen Illusionen nur schwer zu vereinbaren sind. Ja wollen denn Sie weiterhin Geld für Fata Morganas verschwenden oder Konkretes im eigenen Land verbessern ?
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    1. Antwort von Samuel Röthlisberger  (S.Roethlisberger)
      Ungarn wäre längst pleite und zusätzlich die Infrastruktur völlig veraltet, wenn sie nicht so viel Geld aus EU-Töpfen bekämen. So viel zu der Verantwortung, die sie für sich selbst übernehmen.
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    2. Antwort von Jürg Brauchli  (Rondra)
      @Röthlisberger:Warum sollten sie das Geld nicht nehmen, welches ihnen die EU anbietet? Der Fehler ist wohl eher bei der EU zu suchen, welche sich aus Machtrausch unbedingt schnell vergrössern will und halt nicht so genau hinschaut, ob ein Land die Kriterien bereits erfüllt.
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    3. Antwort von David Neuhaus  (Um Neutralität bemüht)
      Samuel Röthlisberger; Wie viel Geld aus den EU-Töpfen bekommt den Ungarn? Und wie viel Geld ist aus Ungarn in die EU-Töpfe zurückgeflossen in Form von billigen Arbeitskräften, Umsätze in EU-Konzerne, Zinsen? Oder denken einige hier tatsächlich die EU gebe ohne Eigennutz Gelder frei?
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  • Kommentar von Andreas Genfer  (Andreas Genfer)
    Einkind-Familien sollten belohnt werden in der heutigen Zeit der Ueberbevölkerung. Vor allem in westlichen Ländern wäre dies ja möglich. Ja vor hundert Jahren gab es kaum Verhütungsmittel aber die Natur regelte die Ueberbevölkerung mit einer hohen Kindersterblichkeit. Heute in der modernen, aufgeklärten Gesellschaft sollte die Vernunft im Vordergrund stehen und jeder sollte eigentlich wissen dass die Erdbevölkerung nicht ins uferlose wachsen kann.
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    1. Antwort von Phil Läubli  (Diplomatix92)
      Ungarn hat erkannt, dass die eigene Kultur und das eigene Volk einen Wert hat und setzt die Prioritäten richtig. Da die Geburtsrate schon heute bei nur 1.5 liegt, würde die Förderung einer Einkind-Familie verheerende Folgen haben für das ungarische Volk.
      Hasen soll man nicht allein halten, bei Kindern spielts keine Rolle, ob sie allein aufwachsen? Eigene Kinder sind eine nachhaltige Investition für die Stabilität der Gesellschaft, das wird beim kurzfristigen ökonomistischen Denken ausgeblendet.
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