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Die Macht der Burschenschaften
Aus Echo der Zeit vom 09.01.2020.
abspielen. Laufzeit 08:57 Minuten.
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Wie braun ist die FPÖ? «Die Burschenschaften sind heute viel stärker als unter Haider»

Mit einem Historikerbericht untersucht die FPÖ ihre braunen Verflechtungen. Etikettenschwindel, so unabhängige Forscher.

Einen Tag vor Heiligabend präsentierte die rechtsnationale Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) dicke Post: einen 670 Seiten starken Bericht zur Aufarbeitung der eigenen Parteigeschichte. Die nationalsozialistischen Verflechtungen sollten wissenschaftlich untersucht werden.

Inzwischen haben sich unabhängige Historiker damit befasst und die sagen: dicke Post – auch im übertragenen Sinn.

Haushistoriker attestieren Abgrenzung

Am Anfang standen Texte voller Judenhass in einem Liederbuch einer österreichischen Burschenschaft – diese Verbindungen sind tief vernetzt ins rechtsradikale Milieu und in die FPÖ, jener Partei also, die noch bis letzten Mai in der österreichischen Regierung sass.

Nach dieser Liederbuchaffäre kam die Partei massiv unter Druck und setzte eine Historikerkommission ein. An deren Bericht beteiligt war Thomas Grischany, ein FPÖ-Vertrauter.

Er betonte, die Nähe zum Nationalsozialismus sei kein Geheimnis, aber die FPÖ habe sich längst von der NSDAP gelöst: «Eine Erkenntnis des Berichtes ist, dass die FPÖ auf der inhaltlich-materiellen Ebene ein Eigenleben entwickelt hat – trotz personeller Verflechtungen.»

Die Partei sei also kein blosser «Wurmfortsatz eines Sammlungsbeckens der Ehemaligen», wie es Grischany ausdrückt.

In diesem Bericht fand nur am Rande eine wissenschaftliche Aufarbeitung statt.
Autor: Oliver RathkolbHistoriker an der Universität Wien

So tönte das vor Weihnachten. Inzwischen haben auch unabhängige Experten das umfangreiche Werk studiert. Oliver Rathkolb von der Uni Wien spricht von Etikettenschwindel: «In diesem Bericht fand nur am Rande eine wissenschaftliche Aufarbeitung statt.»

Lückenhaft und wissenschaftlich dürftig

Die über 660 Seiten könne man auf 60 bis 100 eindampfen – und selbst dort gebe es grosse Lücken: «Die schlagenden Burschenschaften und Traditionen voller Antisemitismus und Rassismus, die in die NS-Zeit und bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen – das alles wird nicht mal ansatzweise aufgenommen.» Und über die Geschichte der FPÖ erfahre nicht wirklich Neues.

Die Ära Haider

Die Ära Haider

Von 1986 bis 2000 war Jörg Haider Vorsitzender der FPÖ. Zudem war er von 1989 bis 1991 sowie von 1999 bis zu seinem Unfalltod 2008 Landeshauptmann von Kärnten. Unter Haider schaffte es die FPÖ in die Regierung in Wien – die Koalition der ÖVP mit der vielerorts als rechtsextrem eingestuften Partei führte zu einem Aufschrei, in und ausserhalb des Landes.

EU-Staaten erliessen Sanktionen gegen Österreich. Haiders fremdenfeindliche und antisemitische Äusserungen sorgten wiederholt für Empörung. Im Februar 2000 trat Haider überraschend von seinem Posten als FPÖ-Vorsitzender zurück, bestritt jedoch, sich damit den internationalen Protesten gebeugt zu haben.

Man hätte aus Datenschutzgründen nicht über die Archive der Burschenschaften gehen können, rechtfertigte sich Thomas Grischany: «Es steht der FPÖ als Partei nicht zu, von privatrechtlichen Vereinen Zugang zu den Archiven zu verlangen.»

Mitglieder von Burschenschaften verfolgen 1998 in der Wiener Hofburg eine des FPÖ-Landesobmanns Hilmer Kabas.
Legende: Mitglieder von Burschenschaften verfolgen 1998 in der Wiener Hofburg eine Rede des FPÖ-Landesobmanns Hilmer Kabas. Reuters

Man habe geliefert, so Grischany weiter, was im Bereich des Möglichen gelegen habe: Einen historischen Abriss über die Geschichte der Kooperationen und über das Liedgut.

Nicht genug, findet Oliver Rathkolb. Der Einblick in das Netzwerk der radikalen deutschnationalen Burschenschaften wäre wichtig, denn die dominierten die Partei: «Sie sind heute politisch innerhalb der Partei viel stärker als noch unter Jörg Haider. Die FPÖ konnte sich einfach nicht durchsetzen.»

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Udo Gerschler  (UG)
    Hier wird wiedereinmal Stimmung gemacht.Wenn es um die Strömungen der Linken und deren Verbrecherische,Menschenverachtende Vergangenheit geht gibt es nicht so ein populistisches Geschrei.Jede Partei oder Glauben hat seine Vergangenheit und es gilt für diese sich dem Rechten und Linken Hass und Terror in ihren Reihen zu stellen und nicht alle Mitglieder pauschal zu verurteilen.So ist es auch bei den Burschenschaften die einfach auch zu unserer Gesellschaft gehören.
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    1. Antwort von mahmut alane  (holundder)
      Einfach zu bedauern, wer so einem Verein Beitritt. Man hat ja gesehen was die so treiben (Kavanaugh). Und so etwas ist oberster Richter geworden... Zum heulen.
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  • Kommentar von Frank Henchler  (Die Wahrheit ist oft unbequem)
    Danke werter Herr Böhmermann und allen Involvierten im Strache Skandal. Ohne Sie würde wahrscheinlich die FPÖ anstatt der Grünen regieren. Für mich ein Highlight des vergangenen Jahres, weil es beispielhaft und schonungslos aufdeckt, was man mit Rechtsnationalisten verbindet. Korruption, Vetternwirtschaft, Verrat, Egoismus und natürlich als weitere Zutaten immer ein bisschen Hass und Diskriminierung.
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  • Kommentar von S. Borel  (Vidocq)
    Dass sich Österreich mit der Aufarbeitung seiner braunen Vergangenheit schwer tut ist nicht neu. Nur sollte man nicht vergessen, dass es hierzulande gewaltigen Druck insbesondere aus den USA brauchte, bis auch wir bereit waren, etwas genauer hinzuschauen. Auch glaube ich, dass mangelhafte Aufarbeitung nur einer der Gründe ist, weshalb das Braune heutzutage wieder salonfähig ist. Insofern ist dann eine Pseudoaufarbeitung wie durch die FPÖ geradezu eine Katastrophe, ein Skandal...
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