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Legende: Audio Latenter Rassismus gegenüber Indigenen in Mexiko abspielen. Laufzeit 05:33 Minuten.
05:33 min, aus Rendez-vous vom 02.04.2019.
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«Yalitza-Effekt» in Mexiko «Die meisten merken gar nicht, wie rassistisch sie sind»

Ureinwohner gelten wenig in Mexikos Gesellschaft. Eine Mixtekin im Oscar-gekrönten Film «Roma» kratzt am weissen Weltbild.

Die Hausdienerin Cleo, gespielt von Yalitza Aparicio, putzt von früh bis spät, räumt auf und sorgt sich um die vier Kinder, während ihre Arbeitgeber in Eheschwierigkeiten stecken. Für diese Rolle wurde die indigene Schauspielerin bei den Oscars in Hollywood für die beste Hauptrolle nominiert. Im Film von Regisseur Alfonso Cuarón, der schliesslich drei Oscars abräumte.

«Verdammte Indianerin»

Die Nomination von Aparicio sorgte für einigen Wirbel in Mexiko. Der bekannte Telenovela-Schauspieler Sergio Goyri äusserte sich abschätzig über die indigene Schauspielerin: «Verdammte Indianerin, die musste ja nur sich selbst sein und bloss ‹Si, Senõra – No, Señora sagen›.» Diese Aussagen sorgten auf sozialen Medien und im Fernsehen für hitzige Debatten. Goyri musste sich schliesslich entschuldigen.

Seine ursprüngliche Reaktion sei typisch, sagt die Soziologieprofessorin Natividad Gutierrez, die an der Nationalen Autonomen Universität in Mexiko-Stadt lehrt. Die Aussagen Goyris zeigten, wie stark Vorurteile und Klischees gegenüber indigenen Frauen seien. Viele Mexikaner könnten sich gar nicht vorstellen, dass eine indigene Frau eine andere Tätigkeit ausüben kann, als in einem Haushalt zu dienen und herumkommandiert zu werden.

Einwohner von Aparicios Geburtsort Tlaxiaco protestieren in der Oscar-Nacht gegen Diskriminierung.
Legende: Einwohner von Aparicios Geburtsort Tlaxiaco protestieren in der Oscar-Nacht gegen Diskriminierung. Keystone/Archiv

Indigene gelten noch immer als zurückgeblieben, dumm, störrisch – und viele Mexikaner glauben, dass Indigene keine Ahnung haben von der Moderne, von Politik und Technologie, wie Gutierrez ausführt.

Von Geburt an im Nachteil

Bewerben sich Indigene auf Arbeitsstellen, hätten sie häufig keine Chance, wegen ihrer Hautfarbe, Sprache und sogar wegen ihrer Körpergrösse. Die meisten seien deshalb im sogenannt informellen Sektor beschäftigt, ohne Arbeitsvertrag oder Sozialleistungen – als Haushaltshilfen, auf Baustellen oder als Verkäuferinnen auf Märkten.

Indigene gelten als zurückgeblieben, dumm, störrisch – ohne Ahnung von Moderne, Politik und Technologie.
Autor: Natividad GutierrezUniversidad Nacional Autónoma de México

Trotzdem gebe es zahlreiche Indigene, die eine höhere Schulbildung absolvierten und den sozialen Aufstieg schafften. Aber diese verheimlichten später meist ihre indigene Herkunft, weil sie entweder Nachteile befürchteten oder sich schämten. Eine Ausnahme sei ihr Assistent, der dem Volk der Zapoteken entstamme.

Verspottet und ausgeschlossen

Diskriminierung gibt es laut den Worten von Gutierrez zum Beispiel auch im Gesundheitswesen. Es sind Fälle bekannt von indigenen Frauen, die ihre Kinder draussen vor den Toren von Spitälern gebären mussten, weil ihnen der Zutritt verweigert wurde. Mit der Begründung, Indigene seien schmutzig und sprächen eine Sprache, die sie nicht verstünden. «Die meisten Mexikaner sind sich gar nicht bewusst, wie rassistisch sie sind. Sich über Indigene lustig zu machen, ist für viele normal», so die Soziologin.

Kleine Lichtblicke – und ein roter Teppich

Seit einigen Jahren gibt es Bemühungen, die Situation von Indigenen zu verbessern. Zum Beispiel werden an Universitäten Stipendien an Indigene vergeben. Auch ist ein Gesetz in Vorbereitung, dass indigenen Haushaltshilfen mehr Schutz und eine bessere Bezahlung bringen soll.

Die meisten Mexikaner sind sich gar nicht bewusst, wie rassistisch sie sind.
Autor: Natividad GutierrezSoziologin, Universidad Nacional Autónoma de México
 Yalitza Aparicio
Legende: Yalitza Aparicio (25) feierte mit ihrer Rolle als Hausangestellte Cleo in «Roma» ihren ersten grossen Erfolg. Keystone/Archiv

Der Film «Roma» und die Oscar-Nomination für Yalitza Aparicio geben diesen Bemühungen Auftrieb. Vor allem aber habe der Film auf den Mittelstand gewirkt wie ein Elektroschock, denn er halte der mexikanischen Bevölkerung den Spiegel vor: «Yalitza Aparicio hat auf dem roten Teppich bewiesen, dass Indigene ebenso schön und erfolgreich sein können wie alle anderen Mexikanerinnen und Mexikaner.»

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Rassismus ist nur, solange man sich nicht kennt .... so aehnlich wie der Fluchtinstinkt.. und kann natuerlich kontrolliert werden.. wenn man will!
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  • Kommentar von Alex Baumann (GuterNutzername)
    Ich bin Mexikaner und kann euch sagen das dies so nicht stimmt. Mexikaner sind nur diskriminierend gegen über der Unterschicht. Es gibt viel Klassentrennung in Mexiko und viele die von dem Profitieren wollen das es so bleibt und meinen es sei Gut für das Land. Deswegen werden viele Gerüchte verbeitet um Menschen leise zu machen. Weil Indigine menschen meist aus armen Verhältnissen kommen behandelt man Sie auch dementsprechend. Es hat wenig mit der Herkunft zu tun sondern mit dem Status.
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    1. Antwort von Daniel Unedan (D. Unedan)
      Wenn die Gesellschaft automatisch davon ausgeht, dass indigene zur Unterschicht gehören ist das Rassismus. Und die Erklärung dass Mexikanert NUR gegen die Unterschicht diskriminierend sei, sollten sie mal überdenken... Dieses NUR verharmlost den ganzen Satz extrem. Schreiben Sie ihn doch bitte das nächste mal ohne dieses NUR.
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    2. Antwort von Mischa Veith (mischa)
      Und das macht es natürlich viiiiel besser...
      eben, wie schon angedeutet im Bericht: die meisten merken gar nicht, wie unglaublich rassistisch und menschenverachtend ihr Weltbild ist! Das zieht sich übrigens durch ganz Lateinamerika: je indigener oder schwarz, desto weniger wert!
      Traurig, aber wahr!
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    3. Antwort von Alex Baumann (GuterNutzername)
      Es macht es nicht besser, aber korrekter. Aber es gibt Unterschiede zwischen Kultureller Rassismus und Schichtentrennung. In Mexiko wenn in der „richtigen Schicht“ wird niemand aufgrund seines Aussehens oder Herkunft verfolgt. Bei Rassismus ist das nicht so.
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