Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Zittern bei den Kommunalwahlen Frankreichs grüne Welle auf dem Prüfstand

Vor sechs Jahren gewannen die Grünen mehrere grosse Städte. Doch viele der gewählten Bürgermeister könnten nun ihr Amt bei den Kommunalwahlen verlieren. Auch in der symbolisch wichtigen Stadt Lyon, wo die Grünen mit allen Mitteln um die Wiederwahl kämpfen.

Am Ufer der Rhône im Zentrum von Lyon treffen sich an einem milden Abend grüne Lokalpolitiker, Wahlkampfhelferinnen und linke Verbündete zu einem Wahlkampfspaziergang durch das dritte Arrondissement.

Erfolg der Grünen bei Frankreichs Kommunalwahlen 2020

Box aufklappen Box zuklappen

2020 sorgten die Grünen bei den Kommunalwahlen für eine Überraschung. Die Partei verteidigte Grenoble und gewann in mehreren Städten mit mehr als 50'000 Einwohnerinnen und Einwohnern das Bürgermeisteramt. In Lyon gewann Grégory Doucet an der Spitze einer gemeinsamen Liste mit anderen linken Parteien.

Sechs Jahre später dürfte es für die Grünen schwieriger werden, den Erfolg von 2020 zu verteidigen. Während 2020 der Umweltschutz noch an dritter Stelle der Sorgen der Franzosen und Französinnen stand, ist er laut Umfragen inzwischen auf den achten Platz zurückgefallen.

Insbesondere der Verlust von Lyon – der drittgrössten Stadt Frankreichs – wäre eine grosse Niederlage für die Partei.

Unter der Menschengruppe ist auch eine ältere Frau, die seit Jahren die Grünen unterstützt. «Man sagt viel Schlechtes über den Bürgermeister von Lyon», sagt sie, «aber er hat die Stadt verschönert».

Wahlkampfspaziergang der Grünen in Lyon

Tatsächlich hat sich das Stadtbild in den letzten Jahren verändert: mehr Velowege, Fussgängerzonen und Grünflächen, weniger Platz für Autos.

Stadtstrasse mit Fahrradweg und Richtungsschild zu Hôtel de Ville Terreaux.
Legende: In den letzten Jahren hat sich das Stadtbild von Lyon verändert: mehr Fussgängerzonen und Velowege, weniger Platz für Autos. Doch das kommt nicht nur gut an bei der Bevölkerung. SRF / Zoe Geissler

Marion Sessiecq, Vorsteherin des dritten Arrondissements, verteidigt diese Politik: «Wir sind stolz auf unsere Bilanz. Wir haben die Stadt wirklich umgestaltet.»

Prominenter Gegner

Doch genau diese Politik scheint nicht alle Lyoner und Lyonerinnen zu überzeugen. Das weiss auch Sessiecq, die um ihre Wiederwahl kämpft. Bei den letzten Wahlen habe das Thema Umweltschutz noch zu den Prioritäten der Wählenden gehört. Nun sei es schwieriger, die Menschen zu überzeugen, räumt sie ein.

Kommunalwahlen in Frankreich

Box aufklappen Box zuklappen

Am 15. und 22. März werden in rund 35'000 Gemeinden bei den Kommunalwahlen in Frankreich neue Bürgermeister und Bürgermeisterinnen und neue Gemeindevertreter gewählt. Die Wahl gilt auch als Stimmungstest für die Präsidentschaftswahl 2027.

Bestimmte Gemeinden stehen dabei besonders unter Beobachtung. Etwa Paris, wo die prominente sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo nach zwei Amtszeiten nicht mehr antritt. In der Hauptstadt zeichnet sich ein knappes Duell zwischen dem Sozialisten Emmanuel Grégoire und der ehemaligen Kulturministerin Rachida Dati ab.

In Marseille, der zweitgrössten Stadt Frankreichs, zeichnet sich ein äusserst knapper Zweikampf ab. Der amtierende Bürgermeister Benoît Payan (Divers Gauche) führt mit einem minimalen Vorsprung gegenüber dem Kandidaten der Rechtsaussenpartei Rassemblement National (RN) Franck Allisio.

«Vielleicht, weil in den letzten Jahren viele Bauarbeiten gleichzeitig stattgefunden haben. Und weil wir einen populären Gegner haben.» Gemeint ist: Jean-Michel Aulas.

Mann spricht in Mikrofone verschiedener Medien.
Legende: Er ist der wichtigste Herausforderer der Grünen: der 76-jährige Jean-Michel Aulas. Falls er gewählt wird, will er etwa einen Mega-Tunnel unter Lyon bauen, um den Verkehr zu entlasten. «Unfinanzierbar und unnötig», finden Aulas Gegner. REUTERS / Benoît Tessier

Der Unternehmer und ehemalige Präsident des Fussballclubs Olympique Lyonnais wird von den Konservativen und den Mitte-Rechts-Parteien unterstützt. Derzeit führt Aulas in Umfragen gegenüber dem amtierenden grünen Bürgermeister Grégory Doucet.

Wir werden die Umfragen in Lyon Lügen strafen.
Autor: Marine Tondelier Chefin der französischen Grünen

Trotzdem geben sich die Grünen kämpferisch. Der Tenor: Die Aufholjagd wird gelingen. Das glaubt auch die Chefin der französischen Grünen, Marine Tondelier, die extra für diesen Anlass angereist ist.

Die Grünen in Lyon bekommen prominente Unterstützung

In ihrer berühmten grünen Jacke spricht sie den Lokalpolitikern Mut zu: «Wir werden die Umfragen in Lyon Lügen strafen, denn wir haben nur positive Rückmeldungen erhalten.»

Kritik auf dem Markt

Am nächsten Morgen auf einem Markt im Zentrum von Lyon ist die Stimmung unter den Marktbesuchern und -besucherinnen kritischer. Ein älterer Mann findet heftige Worte zur grünen Politik: «Die Menschen haben sich mit einer Art ökologischer Diktatur konfrontiert gesehen. Die Veränderungen sind zu schnell und ohne Erklärung gekommen.»

Ähnlich sieht das ein anderer Mann. Viele Lyoner hätten den Eindruck, dass die Lebensqualität Vorrang habe, «auf Kosten der wirtschaftlichen Attraktivität».

Menschen auf einem belebten Wochenmarkt mit Blumen- und Obstständen.
Legende: Auch einige Marktverkäufer und -verkäuferinnen sind nicht zufrieden mit der grünen Politik. Der Zugang in die Stadt sei schwieriger geworden. SRF / Zoe Geissler

Anders sieht das eine Frau: «Lyon ist ruhiger und friedlicher geworden.» Die Grünen hätten hervorragende Arbeit geleistet.

Stadtregierung wird wegen Sicherheitsfragen kritisiert

Auch die Sicherheit wird auf dem Markt angesprochen. Ein Thema, das laut Umfragen zu den wichtigsten Sorgen der Wählerinnen und Wähler gehört. Ein Marktbesucher meint etwa: «Beim Thema Sicherheit waren sie nicht überzeugend. Es gab eine Art Relativismus.»

Das Thema Sicherheit in Lyon

Box aufklappen Box zuklappen

Der Wahlkampf in Lyon dreht sich auch um das Thema Sicherheit. Seit dem Amtsantritt von Grégory Doucet wurde er von der Opposition immer wieder dafür kritisiert, dass er Sicherheitsfragen vernachlässigt habe. So sorgte etwa in den Jahren 2021 und 2022 die Verschlechterung der Sicherheitslage im Stadtteil Guillotière für Schlagzeilen. Dazu kommt, dass sich die Zahl der registrierten Straftaten im Grossraum Lyon erhöht hat.

Die Zahlen müssten in Zusammenhang gestellt werden, findet die Stadtverwaltung. So sei etwa 2024 eine Onlineanzeige eingerichtet worden, die es den Opfern erleichtere, Anzeige zu erstatten. Der amtierende grüne Bürgermeister verteidigt sich gegen die anhaltende Kritik. Er habe sich vom ersten Tag an um die Sicherheit gekümmert, sagt er. Falls er wiedergewählt würde, hat Doucet angekündigt, die Zahl der Stadtpolizei und zusätzliche Überwachungskameras zu installieren.

Die Stadtregierung in Lyon wird immer wieder von Gegnern wegen Sicherheitsfragen kritisiert. Vor drei Wochen starb zudem ein rechtsextremer Aktivist nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen rechts- und linksextremen Gruppen.

Neben der grünen Umweltpolitik dürften die Grünen also auch am Thema Sicherheit gemessen werden.

Echo der Zeit, 13.3.2026, 18 Uhr; herb

Meistgelesene Artikel