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Kampf um Mossul Zivilisten könnten zwischen die Fronten geraten

Der irakischen Armee steht in West-Mossul ein harter Kampf bevor. Vor allem die Altstadt wird gefährlich.

Legende: Audio «Der schwierige Kampf im Westen von Mossul» abspielen. Laufzeit 6:41 Minuten.
6:41 min, aus HeuteMorgen vom 20.02.2017.

Seit Sonntagmorgen tobt die Schlacht um West-Mossul – die letzte Hochburg der Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) im Irak. Nachdem die irakische Armee vor einem Monat schon den Osten der Stadt erobert hat, soll der IS jetzt auch aus dem Westteil vertrieben werden. Die Journalistin Birgit Svensson beobachtet die Lage in Mossul aus der irakischen Hauptstadt Bagdad.

Eine Karte von Mossul
Legende: Geteilte Stadt: Den Westen von Mossul besetzt der IS, den Osten hat die irakische Armee erobert. liveuamap

SRF News: Welchen Eindruck haben Sie von der Schlacht um Mossul?

Birgit Svensson: Man hört, dass wirklich heftig gekämpft wird. Im irakischen Fernsehen laufen Frontbilder in Schleife. Das erste Ziel der Armee ist es wohl, den Flughafen zurückzuerobern.

Der IS hat sich aber auch in der Altstadt verschanzt. Wie ist die Lage dort?

In der Altstadt gibt es enge Gassen und verschlungene Winkel. Die Militärfahrzeuge kommen dort nicht gut durch. Deshalb sieht es so aus, als müsste man die Altstadt im Häuserkampf erobern.

Wie können bei einem solchen Gefecht die Zivilisten geschützt werden?

In West-Mossul leben sehr viele Zivilisten. Das ist die grosse Sorge der UNO und der anwesenden Hilfsorganisationen. Die irakische Armee hat gestern Flugblätter abgeworfen, auf denen sie die Leute dazu aufruft, in den Häusern zu bleiben. Das ist vielleicht die einzige Chance auf Schutz für die Zivilbevölkerung.

Wieso sollen die Zivilisten nicht aus ihren Häusern gehen?

Es gibt viele Scharfschützen vom IS. Die würden wahllos auf die Zivilisten schiessen oder sie als Schutzschilde benützen. Zivile Opfer können sicher nicht ganz verhindert werden, weil die IS-Kämpfer in die Häuser eindringen und sich dort verschanzen. Das wissen aber die Soldaten der irakischen Armee auch. Sie können zumindest probieren, die Opfer zu limitieren.

Bis heute sind rund 200'000 Menschen geflüchtet, die UNO ist am Anschlag. Wohin können die zusätzlich vertriebenen Menschen gehen?

Eine eingezäunte Zeltstadt
Legende: Eines der Flüchtlingslager im Süden von Mossul. Reuters

In den letzten Wochen wurden Camps im Süden von Mossul errichtet. Ich weiss nicht genau, wie viel Kapazität die haben, aber sie sind riesig. Die UNO geht davon aus, dass heute bis zu 750'000 Menschen in West-Mossul leben. Diese Zahl ist während den Kämpfen sogar gestiegen, weil der IS im Kampf um den Osten von Mossul Zivilisten in den Westen verschleppt hat. Man befürchtet jetzt, dass Zivilisten bei den Kämpfen zu Schaden kommen könnten.

Wie genau wollen die irakischen Regierungstruppen West-Mossul befreien?

Die genaue Strategie kenne ich nicht, die kommuniziert die Armee auch nicht. Ich war aber schon öfter in Mossul und klar ist, dass kein Panzer und kein Humvee durch diese schmalen Gassen kommt. Ich denke, dass die irakische Armee sich Haus für Haus und Strasse für Strasse vorkämpfen wird. Das habe ich zuletzt in Ramadi beobachtet. Es war ein unglaublich mühseliger Kampf.

Wird der Kampf um den Westen von Mossul schwieriger als der um den Osten?

Ja, auf jeden Fall. Der Westen ist eine enorme Herausforderung. Schon der Kampf um den Osten und die Umgebung der Stadt dauerte vier Monate. Daraus kann man schliessen, wie lange diese Schlacht noch dauern könnte.

Irakische Männer sitzen in der Wüste.
Legende: Laut der UNO sind bis heute rund 200'000 Menschen aus der umkämpften Stadt geflüchtet. Keystone

Der Osten von Mossul ist seit knapp einem Monat befreit. Wie sieht es dort aus?

Im irakischen Fernsehen werden Propagandabilder von Kindern beim Fussballspielen gezeigt, um Erfolge vorzuweisen. Mehrere Hilfsorganisationen berichten aber auch, dass die Leute wieder zurückgehen und ihre Häuser inspizieren. Die Bereitschaft, nach Mossul zurückzukehren, ist also relativ gross.

Wann können die Bewohner von West-Mossul in ihre Häuser zurückkehren?

Da wage ich keine Prognose. Das kommt darauf an, wie es mit den Zivilisten geht. Ich habe ein Interview mit einem General der irakischen Armee gehört, der wirklich strikte Anweisungen hatte, die Zivilisten zu schonen. Entsprechend vorsichtig werden die Soldaten vorgehen. Gestern war noch die Rede von einem Korridor, den man aus der Kampfzone schaffen will. Das hat man aber auch schon in Falludscha gemacht, mit dem Resultat, dass viele IS-Kämpfer durch den Korridor geflohen sind. Das will man jetzt vermeiden. Die irakische Armee will die IS-Kämpfer wirklich erwischen und vernichten.

Das Gespräch führte Claudia Weber

Birgit Svensson

Die deutsche Journalistin berichtet seit dem Sturz von Saddam Hussein aus dem Irak. Sie arbeitet für die «Zeit», Deutschlandradio, die Deutsche Welle und für SRF.

4 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Die Situation in Mossul ist tragisch und wird noch viel Leid verursachen. Was ich jedoch vermisse, sind Augenzeugenberichte von "White Helmers" oder ähnlichen Samaritern, die unter Missachtung der Gefahr für ihr eigenes Leben Opfer von Gewalt im umkämpften Teil von Mossul versorgen. Manchmal haben Täuschungen eine kurze Verfallszeit.
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  • Kommentar von D. Schmidel (D. Schmidel)
    Wir können es hier ruhig unterlassen, den Moralapostel spielen zu wollen.
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris (zombie1969)
    Die religiösen und ethnischen Aufhänger des Konfliktes in Syrien/Irak, und anderer Konflikte vor allem in Afrika, sind Nebelgranaten, um den wahren Ursachen des Mordens nicht ins Auge sehen zu müssen.Das Bevölkerungswachstum hat ein Ausmass erreicht, das die Menschen in Konflikte treibt.Nur eine rigorose Bevölkerungspolitik könnte das bremsen. Was allerdings illusorisch ist. Also werden das Sterben und die Flüchtlingsfluten sich ebenso beschleunigen wie das Bevölkerungswachstum auf dieser Erde.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Das Bevölkerungswachstum hat jetzt wirklich rein gar nichts mit diesem Konflikt zu tun. Sie steigern sich da in etwas hinein das es gar nicht gibt. Gewisse Gebiete in Südostasien sind mehrfach dichter besiedelt ohne dass es zu solchen Auswüchsen kommt.
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