Zum Inhalt springen

Header

Audio
Massive Zunahme an Gewalttaten in Kolumbien
Aus SRF 4 News aktuell vom 11.08.2020.
abspielen. Laufzeit 07:49 Minuten.
Inhalt

Zunahme an Gewalttaten «In Kolumbien gibt es eine neue Form von Massakern»

Gewalttaten haben in Kolumbien stark zugenommen. Opfer sind oft politisch aktive Personen. Gemäss Zahlen des unabhängigen Instituts für Entwicklung und Frieden Indepaz sind in diesem Jahr bereits über 180 Aktivistinnen und Aktivisten ermordet worden. Die Gründe dafür seien vielschichtig, sagt die freie Journalistin Katharina Wojczenko, die in Bogota lebt. Mit ein Grund dafür sei die Coronakrise.

Katharina Wojczenko

Katharina Wojczenko

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Katharina Wojczenko, Link öffnet in einem neuen Fenster arbeitet als freie Journalistin in Mittel- und Südamerika. Sie lebt in Bogota, Kolumbien.

SRF News: Wieso ist die Gewalt in Kolumbien so stark angestiegen?

Der erste Grund ist, dass seit dem Friedensabkommen mit der Farc ein Machtvakuum entstanden ist. Die Farc-Guerilla hat bestimmte Gebiete im Land verlassen, und der kolumbianische Staat hat es nicht geschafft, sich dort zu etablieren. In diesem Machtvakuum kämpfen derzeit verschiedene bewaffnete Gruppen um die Vorherrschaft. In der Coronakrise verstärkt sich das Ganze noch zusätzlich. Ein Phänomen, das in den letzten zwei Wochen vermehrt vorgekommen ist, ist eine neue Form von Massakern.

Die Menschen werden geköpft, gevierteilt und ihre Körperteile werden auf dem ganzen Gelände verteilt, um möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten.

Was meinen Sie damit?

Die Massaker, die man aus der kolumbianischen Geschichte kennt, sind Massaker mit vielen Opfern, 30 getöteten Menschen. Neu ist nun, dass es viele kleine Massaker sind, mit zwei oder drei Toten, die auf besonders brutale Weise ermordet werden. Die Menschen werden geköpft, gevierteilt und ihre Körperteile werden auf dem ganzen Gelände verteilt, um möglichst viel Angst und Schrecken zu verbreiten. Das Ganze wird auch noch gefilmt und verbreitet.

Wer steckt hinter diesen Gewalttaten?

Das ist schwer zu sagen, weil die Staatsanwaltschaft offiziell noch ermittelt. Aber Menschenrechtsorganisationen und Stiftungen, die das Ganze seit Jahren beobachten, sagen, es seien vor allem Drogenbanden, paramilitärische Gruppen und Guerilla-Banden. Darunter fallen die dissidenten Gruppen der Farc. Es gibt solche, die die Waffen niemals niedergelegt haben und solche, die wieder zu den Waffen gegriffen haben und die ELN-Guerilla.

Wer sind die Opfer?

Vereinfacht gesagt sind es alle, die sich diesen Gruppen entgegenstellen. Das ist eine relativ breite Palette von Menschen. Das können Koka-Bauern sein, die kein Koka mehr anbauen, sondern sich an den Ersatzprogrammen der Regierung beteiligen und künftig legale Feldfrüchte anbauen wollen. Sie werden so unter Druck gesetzt, beim Koka-Anbau zu bleiben. Es können auch Umweltschützer oder Menschen sein, die sich für Landrechte einsetzen. Laut dem Global Witness Report ist Kolumbien führend bei den Morden an Umweltaktivisten.

In einem Drittel aller Regionen in Kolumbien bestimmen bewaffnete Gruppen die Corona-Massnahmen.

Welchen Einfluss hat die Coronakrise?

Die Coronakrise ist für die bewaffneten Gruppen eine Riesenchance. Zum einen sind die Aktivistinnen und Aktivisten deutlich einfacher zu orten, weil sie in Quarantäne sein sollen. Man weiss genau, wo sie sind, da können sie leichter ermordet werden. Zum anderen haben die bewaffneten Gruppen in dieser Zeit ihre Macht weiter ausgebreitet. Gemäss einem aktuellen Report von Human Rights Watch sind es in einem Drittel der Regionen in Kolumbien die bewaffneten Gruppen, welche die Ausgangssperren verhängen, die Quarantäne aufstellen und die Leute bedrohen oder sogar umbringen, wenn diese nicht folgen. Die Regeln dieser Gruppen sind sehr willkürlich. Zudem wird die Situation für die Menschen immer schwieriger, weil es zum Beispiel Leute gibt, die nicht mehr aus dem Haus dürfen, um zu fischen, und dann verhungern sie.

Das Gespräch führte Janis Fahrländer.

Video
Aus dem Archiv: In Kolumbien weisen rote Tücher auf Hungernde hin
Aus Tagesschau vom 02.05.2020.
abspielen

SRF 4 News, 11.08.2020; 06:46 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

14 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Nunzio DiResta  (Nunzio)
    Es ist mir unverständlich, wie beharrlich die Weltgemeinschaft ihren "Krieg gegen die Drogen" weiterführt, ihr grandios gescheitertes Konzept der Illegalität, das einigen wenigen Milliardengewinne beschert und der Allgemeinheit die horrenden Kosten dieses Versagens. Aber wahrscheinlich ist es genau das, weil die "richtigen" Leute daran verdienen, mobilisiert man die Bevölkerung über pathetische Floskeln, anstatt nachhaltige Lösungen zu kreieren.
    1. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      In Kolumbien geht es kaum um Drogen, sondern um ganz andere Dinge. Die Drogenproblematik ist nur ein Symptom für viel tiefer gehende Probleme. Die Vorstellung, dass eine Entkriminalisierung der Drogen diese Probleme lösen würde, ist gelinde gesagt naiv. Tatsache ist, dass es um Recht und Rechtssicherheit geht und um good governance im besten Sinne des Begriffs. Die FARC ua. gab es vor dem Drogenkrieg, so wie sie nach dem Drogenkrieg existieren wird, nur als Beispiel! Die Gründe sind andere!
  • Kommentar von Renée Alvarez  (rab)
    Als Meldung der andern Art aus dem Kolumbien : So hat der Oberste Gerichtshof Alvaro Uribe, den ehemaligen Präsidenten unter Hausarrest gestellt. Es sollte damit verhindert werden, dass er die Ermittlungen der Justiz behindert. Es wird ua wegen Bestechungsvorwürfen, seiner Nähe zu paramilitärischen Organisationen gegen ihn ermittelt. Ob dieser Hausarrest sich zu einem Hoffnungsschimmer entwickeln wird, wird sich zeigen.
  • Kommentar von Heinrich Müller  (Heinrich)
    Angst zu verbreiten, um die Bevölkerung zu unterdrücken, hat in Kolumbien immer funktioniert, ist aber vielmehr eine Massnahme der SIJIN und des Geheimdienstes. Die «falsos positivos» muss man zuerst verstehen oder in der organisierten Kriminalität mitgewirkt haben. Nicht-Kolumbianer sind mit der Komplexität schlicht überfordert. Mord im Freundeskreis und Sicarios für US-$ 200 gehören zum Alltag. Verrat und Betrug gehören zum alltäglichen Sport und sind dort mehr als nur Menschenrechte.