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Warum brauchen ausgerechnet die Emirate Atomstrom?
Aus Echo der Zeit vom 04.08.2020.
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Zurück in die Zukunft Die Emirate weihen ein neues Atomkraftwerk ein

Renaissance der Atomkraft am Persischen Golf: Die schwerreichen Emirate gewinnen den Wettlauf gegen die Saudis.

Als erster Staat im arabischen Raum haben die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ein Atomkraftwerk in Betrieb genommen. Das Land betreibe erfolgreich den «ersten friedlichen Kernreaktor in der arabischen Welt», teilte der emiratische Vizepräsident und Emir von Dubai mit, Scheich Mohammed bin Raschid Al Maktum.

Auf lange Sicht will das rund zehn Millionen Einwohner zählende Land ein Viertel seines Energiebedarfs mit dem Atomkraftwerk und dessen vier Reaktoren decken.

Hirte mit Kamel steht in der Wüste
Legende: Bilder, die zunehmend Folklore werden: Die Emirate zählen dank ihrer Einnahmen aus dem Geschäft mit Öl und Gas zu den reichsten Ländern der Welt. Keystone

Der Bau eines AKW erstaunt bei einem Land, das über riesige Öl- und Gasvorkommen verfügt und ideale Voraussetzungen für den Betrieb von Solaranlagen hat. «Das erscheint auf den ersten Blick tatsächlich paradox», bestätigt Tobias Zumbrägel, Experte für die Golfregion bei der deutschen Denkfabrik Carpo in Bonn.

Zurück in die Zukunft

«Die emiratische Regierung rechtfertigt den AKW-Bau aber mit energiepolitischen Erwägungen.» Diese seien angesichts des drastisch steigenden Energiebedarfs nicht ungerechtfertigt. «Zudem wird der Verkauf von Öl und Gas aufgrund von Marktschwankungen immer schwieriger und ist nicht mehr so rentabel wie früher.»

Deutliche Verringerung des CO2-Ausstosses

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Die Bauarbeiten für die vier Atommeiler begannen bereits im Jahr 2012, geführt vom südkoreanischen Staatskonzern KEPCO. Nach Angaben der Emirate umfasst der Vertrag im Umfang von 20 Milliarden Dollar (18.3 Mrd. Franken) neben dem Bau auch die Ausbildung von Mitarbeitern und den Betrieb der Anlage mit 1400 Megawatt Leistung.

Der erste Block wird nach Angaben des staatlichen Energiekonzerns ENEC in einigen Wochen für den Anschluss ans Stromnetz bereit sein, um dann Haushalte und Unternehmen zu versorgen. Pro Jahr wollen die Emirate damit 21 Millionen Tonnen weniger Kohlendioxid ausstossen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur WAM.

Mit der global anrollenden grünen Welle wollen sich auch die Emirate für die Zukunft rüsten – und vor der eigenen Haustüre damit anfangen: «Was man noch an Öl und Gas verkaufen kann, will man loswerden. Hier sind vor allem asiatische Länder, allen voran China, gute Abnehmer», erklärt Zumbrägel.

Die neu eingeweihte Atomanlage
Legende: Das Atomkraftwerk Baraka liegt im Westen der Emirate an der Küste des Persischen Golfs und unweit der Grenze zum Nachbarland Saudi-Arabien. Keystone

Die Energiewende soll auch mit erneuerbaren Energien gelingen. So nahm im Raum Abu Dhabi im vergangenen Sommer eine der grössten Solaranlagen der Welt den Betrieb auf. Der ökologische Aspekt habe für die Emirate also durchaus Bedeutung, so der Golf-Experte: «Sie sehen sich gerne als federführend im Umweltschutz.»

Der Bau eines neuen AKW mag diesem Leitgedanken widersprechen. «Es geht aber auch um die strategische Bedeutung, als erste arabische Nation einen Nuklearreaktor erbaut zu haben», sagt Zumbrägel. Die Emirate begannen ihr Programm im Jahr 2009. Auch das benachbarte Saudi-Arabien treibt den Ausbau von Atomkraft voran. Diesen Wettlauf haben die Emirate nun gewonnen.

Start der Marsmission im Juli
Legende: Hochfliegende Pläne: Das erste arabische AKW folgt auf die erste arabische Marsmission. Der «Mikrostaat» wolle mit den Prestigeprojekten ein Rollenmodell für Fortschritt und Innovation darstellen, so Zumbrägel. Reuters

Zudem sei staatlich kontrollierte Atomkraft ein wesentlicher Aspekt, um das autokratische System zu erhalten, weiss Zumbrägel. Denn die reichen Golfstaaten würden ihre politische Legitimität auch aus kostenloser Energie und anderen Wohlfahrtsgeschenken beziehen. «Damit stellen sie ihre Bürger quasi ruhig.»

VAE wollen kein Schurkenstaat sein

Dass die Atomenergie allein friedlichen Zwecken dienen soll, glaubt er den Emiraten. Zunächst sei der AKW-Bau in enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA erfolgt. Vor allem aber habe das wohlhabende und ambitionierte Land kaum Lust, dereinst als Schurkenstaat Schlagzeilen zu machen. «Sie sind in einer globalisierten Welt auf eine gute Reputation angewiesen.»

Burj Khalifa
Legende: Der Burj Khalifa, das mit 828 Metern höchste Gebäude der Welt: Der Hang zum Gigantismus zeigt sich auch in der Skyline von Dubai, der grössten Stadt der Emirate. Keystone

Anders sieht es mit der Sicherheitsfrage in einer konfliktbeladenen Region aus: 2017 drohten bereits die Houthi-Rebellen im benachbarten Jemen, die Nuklearanlage dereinst anzugreifen. Und auch der Konflikt der Golfstaaten mit Iran dürfte auf absehbare Zeit weiter schwelen. «Es ist eine besorgniserregende Entwicklung, wenn mehrere Staaten in einer sehr instabilen Region nuklear aufrüsten wollen», schliesst Zumbrägel.

Echo der Zeit vom 04.08.2020, 18 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Nach welcher Technologie, also welches Land hat diese AKW-Anlage gebaut? Wer, welche Fachleute, kontrollieren Baraka während seiner Betriebsdauer in den kommenden Jahrzehnten? Wohin gehen die Atomaren Abfälle? Eine vierte Frage wage ich nicht zu stellen, die nach den verdeckten Zahlungen. Hoffentlich ist die Anlage ausreichend gegen jedwelche Bombenangriffe gesichert, in dieser unruhigen Weltgegend, die sich mit weniger werdenden Einnahmen aus Öl und Gas auseinander zu setzen hat.
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  • Kommentar von Florian Blümm  (floc)
    "«Sie sehen sich gerne als federführend im Umweltschutz.»
    Der Bau eines neuen AKW mag diesem Leitgedanken widersprechen."

    Wo ist denn da der Widerspruch? Keine Luftverschmutzung, kleiner Ressourcenverbrauch, minimaler Flächenverbrauch, winzige Müllmengen. Keine andere Energiequelle kommt da mit.

    Noch deutlicher als beim Umweltschutz sind die Vorteile beim Klimaschutz. Laut Weltklimarat ist die Kernkraft die Stromquelle mit dem geringsten Ausstoß für versorgungssichere Energie.
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  • Kommentar von Hanspeter Burri  (HPABRRBU)
    Die VEA haben erkannt, dass man mit Solar und Windenergie alleine
    das Energieproblem nicht lösen kann. In einigen EU Staaten und auch
    der Schweiz wird die Kernenergie verteufelt. Diese verfolgte Strategie
    wird sich früher oder auch später als fataler Fehler erweisen.
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