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Legende: Audio «Der Christchurch-Attentäter wusste, dass er ein Publikum finden würde» abspielen. Laufzeit 03:09 Minuten.
03:09 min, aus SRF 4 News aktuell vom 24.04.2019.
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Anschläge im Livestream Der Terror im Netz – und in unseren Köpfen

Politiker und Tech-Firmen wollen Terrorpropaganda aus dem Web verbannen. Doch zuerst sollten wir unseren Voyeurismus zügeln.

Am Morgen des 11. Septembers 2001 steuern islamistische Attentäter Passagiermaschinen in das World Trade Center und das Pentagon. Beim Angriff auf das Nervenzentrum der Supermacht USA sterben fast 3000 Menschen. Die Bilder der einstürzenden Zwillingstürme brennen sich, in Echtzeit verbreitet und in Endlosschlaufen wiederholt, ins kollektive Gedächtnis ein.

Screenshot CNN
Legende: «Exklusiv»-Berichterstattung von der Apokalypse? 9/11 bannte die Menschen vor die Bildschirme – ein gewaltiger Coup für die Terroristen. Heute wählen sie andere Kanäle, um ihren Terror in die Welt zu tragen. Screenshot CNN

18 Jahre später stürmt ein Rechtsterrorist im neuseeländischen Christchurch zwei Moscheen. 50 Menschen sterben. Der Attentäter filmt die Tat aus der Ego-Perspektive – und verbreitet die Bilder via Livestream auf Facebook. Der Terror erreicht eine neue, unwirkliche Unmittelbarkeit.

Der Attentäter wusste ganz genau, dass er ein Publikum für seinen Livestream finden würde – sowohl Konsumenten, als auch Medienhäuser.
Autor: Méline SieberSRF-Digitalredaktorin

Die perfide Logik der Terroristen geht auf. Die grauenvollen Bilder schüren Hass und Rachegedanken bei den Opfern und all jenen, die sich ihnen zugehörig fühlen. In der eigenen Szene erlangen sie Heldenstatus. Und liefern die Blaupause für diejenigen, die ihnen nacheifern.

IS-Kämpfer vor Flagge
Legende: Hochaufgelöster Terror: Auch der IS weiss um die Macht der Bilder. Er inszenierte barbarische Hinrichtungen und Selbstmordanschläge in der Ästhetik von Hollywood-Filmen. Reuters

Genug, findet eine internationale Initiative, angeführt von der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Ardern. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron unterstützt ihre Idee. Die beiden Politiker laden Mitte Mai zu einem Treffen von Regierungschefs und Vertretern von Internetkonzernen in Paris. Das Ziel der Initiative: Sie will den Terror aus dem Netz verbannen.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg forderte kürzlich in einem Gastbeitrag selbst eine stärkere Regulierung im Netz. In der Pflicht sah er aber vor allem den Gesetzgeber. Und er meldete Zweifel an, ob sich Terrorpropaganda wirklich wirksam unterbinden lässt: «Es ist unmöglich, alle schädlichen Inhalte aus dem Internet zu entfernen.»

Zuckerberg
Legende: Angesichts der Grösse von Netzwerken wie Facebook könne kaum gewährleistet werden, dass keine unerwünschten Inhalte «durchrutschen», sagt der CEO des Social-Media-Riesen. Reuters

Schiebt Zuckerberg die Verantwortung einfach ab? «Alles herauszufiltern ist ein aussichtsloses Unterfangen», sagt SRF-Digitalredaktorin Méline Sieber. Ein Beispiel: Die Videos des Attentäters von Christchurch kursieren weiter auf Facebook und anderen Internet-Plattformen.

Es sind schreckliche, aber auch starke Bilder – und damit unwiderstehlich für die Medien.
Autor: Méline SieberSRF-Digitalredaktorin

Terror mit technischen Hilfsmitteln herauszufiltern hält Sieber ebenfalls für illusorisch: «Entweder man filtert zu viel und damit auch Inhalte ohne terroristischen Hintergrund. Oder man filtert zu wenig. Dann ist ein Filter nutzlos.»

Bekannt sei das Problem etwa von Filtern für pornographische Webseiten. Diese blockieren häufig auch Aufklärungs-Webseiten: «Zudem weichen die Leute, die terroristische Inhalte verbreiten wollen, einfach auf andere Plattformen aus.»

«The Call of Christchurch»

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«The Call of Christchurch»

«Es geht nicht darum, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Es geht ausschliesslich darum, diese extremen Akte des Terrors aus dem Netz zu verbannen», sagt Ardern zur gemeinsamen Initiative mit Emmanuel Macron. Die neuseeländische Premierministerin hat nach eigenen Angaben Gespräche mit Vertretern von Facebook, Twitter, Microsoft und Google geführt.

Unter dem Banner «Der Aufruf von Christchurch» will sie auch Staatschefs versammeln: «Kein Tech-Konzern und keine Regierung kann sich wünschen, dass Terror und Gewaltextremismus online stattfinden. Also haben wir einen Startpunkt, der uns vereint.»

Die Schuld einzig den Tech-Konzernen in die Schuhe zu schieben, greift für Sieber also zu kurz. Es handle sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Denn: «Der Attentäter von Christchurch wusste ganz genau, dass er ein Publikum für seinen Livestream finden würde – sowohl Konsumenten, als auch Medienhäuser.»

Sind wir Erfüllungsgehilfen der Terroristen?

Der Anschlag am anderen Ende der Welt habe auch deswegen solche Breitenwirkung erzielt, weil die Medien auf die Existenz des Videos hingewiesen hätten: «Es sind schreckliche, aber auch starke Bilder – und damit unwiderstehlich für die Medien.»

Die Medienhäuser müssten sich überlegen, wie sie mit solch krassen Bildern umgehen wollen: «Und ob sie Terroristen eine Plattform geben wollen.» Doch auch alle Konsumenten müssten ihre eigene voyeuristische Neugier hinterfragen. «Die Verbreitung terroristischer Inhalte zu stoppen, verlangt ein grösseres Umdenken», so Sieber.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Delmar Lose (DeLo)
    Die Schuld einzig den Tech-Konzernen zu zuschieben, ist falsch! Alle Medien sind Erfüllungsgehilfen der Terroristen, damit ist die Frage auch beantworted. "Terror" sollte nicht nur vom internet verngehalten werden sondern generell von Medien, den Ignorieren ist die beste Waffe gegen Terror! Ich würde es allerdings bevorzugen wen dies aus moralischen Gründen statfinden würde als auf Gesetzen basierend! Es ist ein enorm heikles Thema, gesetzte werden auch gerne missbraucht...
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  • Kommentar von Karl Kirchhoff (Charly)
    Je ängstlicher ein Mensch ist, umso grösser ist die Wirkung, welche Terror auf ihn ausübt.
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  • Kommentar von Paul Graber (PG)
    Ein sehr heikles Thema - denn ob die Medien es wollen oder nicht - sie machen sich mitschuldig. Denn die Medien verbreiten die Bilder und damit verbreiten sie Angst und Schrecken - genau das was der Terror will. Aber die Medien müssen ja auch informieren. Ein zweischneidiges Schwert. Ich für mich habe beschlossen bewusst Terrormeldungen zu ignorieren und dem Terror keine Möglichkeit zu geben mich zu beeindrucken - dann hat der Terror auch keine Wirkung auf mich.
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    1. Antwort von Tom Bachmann-Wittwer (Tom Bachmann-Wittwer)
      Ja genau so ist es richtig. Denn ich muss entscheiden was mich glücklich, zufrieden macht .
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    2. Antwort von Delmar Lose (DeLo)
      Medien müssen nicht informieren, sie dürfen ... ganu das machen sie ja auch. Und wie Wirtschaft und Geselschaft funktioniert wirt meistens das gebracht was A. von Loby und Politik verlangt wird direckt und indirekt ... mit Geld manipuliert oder auch nicht und B. was am meisten Konsumiert werden will, da ist dan wider das Geld der Faktor.
      Und wir Menschen haben eine Neigung dazu uns mit Drama und Schmerz anderer zu beschäftigen, ev. weil es uns von dem eigenem Schmerz und Verantwortung ablenkt.
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