Zum Inhalt springen

Header

Audio
Hochwasserschutz für Venedig
Aus Echo der Zeit vom 19.11.2019.
abspielen. Laufzeit 05:47 Minuten.
Inhalt

Immer öfter überschwemmt «Man muss die Lagune opfern, um Venedig zu retten»

Immer öfter wird Venedig überschwemmt – dabei sollte ein aufklappbarer, milliardenteurer Schutzwall aus Stahl die Lagunenstadt vor Hochwasser schützen. Doch auch die Barriere wird dereinst bloss für einige Jahrzehnte Schutz bieten. Es bleiben aber andere Möglichkeiten, Venedig vor dem Untergang zu retten, wie der Ozeanograph Georg Umgiesser weiss.

Georg Umgiesser

Georg Umgiesser

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Der Ozeanograph Georg Umgiesser , Link öffnet in einem neuen Fensterarbeitet am Nationalen Forschungsinstitut für Meereswissenschaften in Venedig. Er ist dort unter anderem für die Vorhersagen der Hochwasser zuständig.

SRF News: Hätte Mose, so heisst der sich im Bau befindliche stählerne Schutzwall, Venedig vor den neusten Wassermassen schützen können, falls er fertig gebaut gewesen wäre?

Georg Umgiesser: Auf jeden Fall. Und wenn Mose die Überschwemmung verhindert hätte, würde auch niemand mehr nach der Höhe der Kosten des Projekts fragen. Leider ist Mose noch nicht fertig, deshalb diskutieren jetzt alle darüber, dass er viel zu teuer sei und nicht funktioniere.

Gelbe Sperrelemente im Wasser neben Vergnügungsbooten.
Legende: Mit der Wassersperre «Mose» soll Venedig vor Hochwasser geschützt werden. Reuters

Wird Mose Venedig ewig vor Hochwasser schützen können?

Nein, sicher nicht. Derzeit müsste man die Lagune wohl etwa zehnmal pro Jahr mit Mose abriegeln – und er würde Venedig gut vor Hochwasser schützen. Doch mit dem erwarteten Anstieg des Meeresspiegels wird man ihn immer öfter aktivieren müssen.

Im Jahr 2100 wird man Mose jeden Tag aktivieren müssen.

Im Jahr 2100, wenn der Meeresspiegel rund 50 Zentimeter angestiegen sein wird, wird man Mose im Durchschnitt jeden Tag einmal schliessen. Das wird nicht mehr praktikabel sein.

Welche andere Möglichkeit hat Venedig derzeit, sich vor Hochwasser zu schützen?

Keine. Deshalb muss Mose so schnell wie möglich fertiggestellt werden. Das soll 2021 der Fall sein. Allerdings gibt es weitere Ideen für die Zeit, wenn Mose dereinst in Betrieb ist. So könnte man Wasser tief in den Untergrund pumpen und so das ganze Stadtgebiet um bis zu 30 Zentimeter anheben.

Frau mit Regenschirm im Hochwasser auf dem Markusplatz.
Legende: Die Altstadt von Venedig droht immer öfter überschwemmt zu werden. Reuters

Gibt es dabei auch Risiken für Venedig?

Man müsste es so machen, dass nicht bloss gewisse Teile von Venedig hochgehoben würden und andere nicht. Sonst drohten beispielsweise die Kirchtürme einzustürzen. Angeblich hat man die Methode aber recht gut im Griff.

Man könnte Wasser in 700 Meter Tiefe pumpen und Venedig so anheben.

In den 1950er-Jahren hat man Grundwasser in 250 Metern Tiefe entnommen, was zu einem gleichmässigen Absinken ganz Venedigs geführt hat. Jetzt würde man das Wasser zur Sicherheit in eine Tiefe von 700 Metern pumpen, was eine gleichmässige Anhebung bewirken sollte.

Der Meeresspiegel steigt weiter an – hat Venedig langfristig eine Überlebenschance?

Da stellt sich die Frage, über welches «Venedig» wir sprechen. Die Lagune könnte man mit der Einbringung der Flüsse und von Sedimenten als Ökosystem retten, auch wenn der Wasserstand etwas höher ist. Doch dann würde man die Stadt Venedig aufgeben müssen. Oder man rettet die Stadt Venedig – dann müsste man aber die Lagune aufgeben: Man könnte die Lagune ganz vom Meer abschotten und einen Süsswassersee daraus machen.

Die Stadt Venedig ist einzigartig – Lagunen gibt es viele im Mittelmeer.

Allerdings würden die Kanäle ohne Gezeiten nicht mehr durchgespült. Deshalb dürfte kein Dreckwasser mehr in den See eingebracht werden – heute läuft das Abwasser teilweise noch ungeklärt in die Kanäle. Zudem müssten der Industrie- und der Passagierhafen vor die Lagune verlegt werden. Wenn ich mich für eines der beiden entscheiden müsste, würde ich mich für die Stadt entscheiden. Denn die ist einzigartig. Lagunen gibt es noch viele im Mittelmeer.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

13 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von marlene Zelger  (Marlene Zelger)
    Dann sollen sie jetzt wenigstens mit dem Mose fertig machen, damit noch Schlimmeres verhindert werden kann Es wäre schade, sollte diese wunderbare Stadt dem Untergang geweiht sein. Avanti popolo!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Tom Maier  (MaTo)
    solche Fragestellungen werden immer mehr auftauchen, wir sollten uns daran gewöhnen. In der CH haben wir noch Glück mit dem Wasserstand, allerdings werden immer mehr Täler zu Gefährdungsgebiet für Steinschlag/Schlammlawinen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von W. Pip  (W. Pip)
      ... und solche Fragestellungen bieten wunderbare Gelegenheiten, die Lösungsansätze zu zerreden und rechtlich zu torpedieren, bis es definitiv zu spät ist. Sozusagen der Windräder-Effekt, einfach zunehmend bei existenziellen Fragen. Deshalb: Die Chancen auf ein Arrangieren der Menschheit mit der Klimasituation sind: null. Der letzte macht das Licht aus, bitte.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Patrik Müller  (P.Müller)
      @Pip: Oder im Fall von Venedig: Er zieht den Stöpsel. Aber im Ernst: Haben Sie den Bericht genau gelesen? Da stehen ganz konkrete Dinger drin und auch erschreckende die gerade mal gar nichts mit dem Klima zu tun habwen (Kloake ohne Kläranlage...Grundwasser abpumpen... Eigentlich sollten die Leute diese Stadt meiden, bis die Italiener das ganze auf Vordermann gebracht haben!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    "Man könnte Wasser in 700m Tiefe pumpen u.Venedig so anheben" Habe Mühe, mir das ohne Komplikationen vorzustellen, zumal eh bis heute laufend Grundwasser abgepumpt wird. Hier unerwähnt bleibt das Problem mit der eingeschleppten Venusmuschel, die angeblich den wirtschaftlichen Motor der Stadt beflügelt. Muschelmänner graben in grossem Umfang ihre Fangkörbe in den Lagunenboden, reissen damit den Pflanzenbewuchs samt Wurzelwerken auf und verschärfen damit den Materialverlust in der Lagune.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen