Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Angst vor der Tigermücke als Gesellschaftsphänomen abspielen. Laufzeit 03:40 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 21.07.2019.
Inhalt

Lästig, aber ungefährlich Die unnötige Angst vor der Tigermücke

Die Blutsauger breiten sich immer weiter in Europa aus und lösen Beklemmung aus – weitgehend unbegründet.

Immer wieder sorgt die Tigermücke für Schlagzeilen wie «Kleine Mücken, grosse Gefahr». Denn die aus Asien stammende Mücke mit dem gestreiften Körper breitet sich ständig weiter in Europa aus. Auch in der Schweiz.

Die Präsenz der Tigermücke in den Medien und vor allem die Angstgefühle, die diese Mücke auslösen, zeigen wie unsere Gesellschaft tickt. Wir leben in einer stark verunsicherten Gesellschaft. Das sagt der Präsident der Tessiner Gesellschaft für Angststörungen, Michele Mattia. Dass gerade ein Psychiater aus dem Tessin diese Aussage macht, ist kein Zufall. Die Tigermücke gehört im Tessin zum Sommeralltag.

In der Schweiz ungefährlich

Die Tigermücken stechen anders als gewöhnliche Stechmücken auch am Tag und das mehrere Male. Zudem treten sie oft in Schwärmen auf. Sie sind also extrem lästig. Und sie können gefährliche Krankheiten wie das Denguefieber übertragen. Aber nicht in der Schweiz: Denn es gibt hierzulande kaum Menschen mit diesen Krankheiten, welche die Tigermücke weiterverbreiten könnte.

Die Angst bleibt aber gross, sagt Psychiater Michele Mattia. «Im Sommer sind es vor allem Insekten, die Angstgefühle auslösen, so eben auch die Tigermücke. Sie ist ein Insekt, das es hierzulande erst seit 15 Jahren gibt. Es ist grundsätzlich immer so, dass Neues, neue Entwicklungen bei den Menschen und besonders bei denen, die dafür anfällig sind, zu Angstgefühlen, ja gar Beklemmung führen.»

Auch ein Medienproblem

Hinzu komme: Die Medien, die grundsätzlich interessiert sind an neuen Entwicklungen, schürten mit ihren Zuspitzungen oder gar Falschinformationen diese Angstgefühle. Und zwar auch bei Menschen, die nicht grundsätzlich ängstlich sind.

Der Blick ins Internet gibt Mattia recht. Schnell findet man Schlagzeilen wie: «Viren-Alarm: Tigermücke breitet sich aus», «Gefährliche Tigermücke in Zürich gesichtet». Die Schlagzeile «Lästig, aber hierzulande ungefährlich» verkauft sich eben schlecht.

Es erstaunt auch nicht, dass es kaum Schlagzeilen gibt über den vorbildlichen Kampf des Kantons Tessin gegen die Mücken. Dem Südkanton ist es durch grosse Anstrengungen gelungen, die lästige Mückenplage einzudämmen. Die Bevölkerung wird in den Kampf gegen den Blutsauger eingebunden. Der Mensch ist der Mücke also keineswegs schutzlos ausgeliefert.

«Das Unkontrollierbare macht Angst»

Ein weiterer Grund für die starken Angstgefühle, die diese gestreiften Tiere auslösen können, sei die Tatsache, dass wir sie nicht gut sehen, sagt der Tessiner Psychiater.

«Wir können uns nicht vor ihr schützen, weil wir sie zu spät sehen. Sie sind klein und wendig. Und was wir nicht kontrollieren können, macht uns Angst. Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir uns gegenüber allem und allen absichern wollen. Gerade auch die Videoüberwachung suggeriert das. Umso mehr verunsichert uns, was wir nicht kontrollieren können.»

Konfrontation als Angstlöser

Diesem Gefühl der Verunsicherung, der Beklemmung, sei einfach zu begegnen: nämlich indem man sich an die Fakten halte. Die seien eindeutig.

«Am besten aber hilft gegen Ängste das natürlichste Medikament der Welt. Sich selbst mit seiner Angst konfrontieren. Das heisst also, in die Natur spazieren gehen und realisieren, dass nichts passiert, selbst wenn eine Tigermücke zusticht.»

Je näher die Menschen der Natur und damit auch den Insekten seien, desto weniger lösten diese Angst und Beklemmung aus. Weil aber immer mehr Menschen in scheinbar sterilen Agglomerationsumgebungen lebten, sei eben der ideale Nährboden gegeben für Verunsicherung oder gar Angstgefühle, so Mattia.

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

8 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Verena Schär  (Nachdenklich)
    Sie sind am Tag da und fliegen einem so offensichtlich an, dass man, wenn man will, diese einfach erschlagen kann. Wenn ich draussen sitze so zünde ich eben eine Spirale an und stelle sie in die Nähe. Gift scheint mir das falsche Mittel. Einfach kein Wasser für die Fortpflanzung stehen lassen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Denise Casagrande  (begulide)
    Panik vor einer "Mücke"! Sukzessive, bewusste Vergiftung, Zerstörung der "Lebensgrundlage" (Ökosystem und Umwelt) der Menschen/Bevölkerung, scheint diese weniger zu ängstigen.....- ein Paradoxum!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hermann Zumstein  (Mänu49)
    Ich lebe im Ticino und wurde zig-male von diesen Mücken gestochen. Leider stechen diese Viecher auch am Tag aber es juckt nicht mehr als eine Bremse oder eine Standartmücke.
    Die Leute von heute leben zu viel vom „Alarmismo“.
    Idem diese WetterApps die sind immer präziser jedoch nicht genauer und der Wetteralarm kommt meistens gerechfertigt wenn es schon hagelt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Lothar Drack  (samSok)
      Scheint ebenfalls mir kein Zufall, dass ein Tessiner Psychiater sich quasi zu einem „Tick“ der Gesellschaft äussert. Was Sie als „alarmismo“ beschreiben, erlebe auch ich, seit fünf Jahren im Tessin lebend: ein mächtiges Bedürfnis nach Sicherheit, ein geradezu dominanter Raster beim Blick auf die Welt - „mettere in sicurezza“ (so etwa „in Sicherheit setzen“) als ultimatives Argument jeden menschlichen Tuns. Die Angst dahinter erscheint mir überproportional, findet aber immer wieder neues Futter.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen