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Superliga für Top-Klubs? «Die grossen Vereine bewegen sich seit Jahren an der Ekelgrenze»

Legende: Audio Fussball-Liga für die Superreichen abspielen. Laufzeit 05:29 Minuten.
05:29 min, aus Echo der Zeit vom 03.11.2018.

Wird im europäischen Klubfussball bald nichts mehr so sein, wie es einmal war? Gemäss Recherchen des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» sind die Pläne für eine europäische Superliga konkreter als bisher angenommen.

Wie aus Dokumenten des Enthüllungsportals Football Leaks hervorgeht, gibt es konkrete Pläne von Topklubs wie Real Madrid oder Bayern München, eine geschlossene Liga zu gründen.

Wie würde so eine Liga die Fussballwelt verändern? Fussballjournalist Mämä Sykora sieht in dem Projekt auch Chancen für die nationalen Ligen.

Mämä Sykora

Mämä Sykora

Chefredaktor Fussballmagazin «Zwölf»

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Sykora ist Chefredaktor des Schweizer Fussballmagazins «Zwölf».

SRF News: Mämä Sykora, überraschen Sie diese Enthüllungen?

Mämä Sykora: Überhaupt nicht. Das ist eine Überlegung, die sich die grossen europäischen Klubs schon seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten überlegen. Sie wollen lieber unter sich spielen und haben mit diesem Druckmittel erreicht, dass die Champions League stets zu ihren Gunsten verändert wurde: Sie bekamen mehr Geld und die Planungssicherheit haben sie nun auch: Aus den grossen Ländern spielen jeweils vier Mannschaften in der Champions League. Doch dass diese Superliga jetzt plötzlich kein Thema mehr wäre, überrascht eigentlich niemanden.

Wie realistisch ist es, dass es diese Liga einmal geben wird?

Einerseits befürchte ich, dass das wirklich einmal Realität werden wird. Andererseits warte ich eigentlich auch schon länger drauf. Mit diesem Druckmittel im Hintergrund wurde alles immer zugunsten der grossen Klubs entschieden, weil man Angst hatte, sie zu verlieren. Das hat dazu geführt, dass die Grossen extrem dominant in den eigenen Ligen sind. Die Ligen haben so aber auch an Spannung verloren. Darum könnte es auch eine Erlösung sein, wenn diese grossen Klubs endlich unter sich spielen würden und die restlichen Teams aufatmen können, weil die Spannung zurück ist.

Das Projekt «Superliga»

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Gemäss den von den Journalisten von «Football Leaks» gefundenen und vom «Spiegel» veröffentlichten Plänen wird die halb geschlossene Liga 16 Klubs umfassen.

Elf davon haben als «Gründer» einen fixen Platz auf 20 Jahre hinaus. Es sind dies Real Madrid, Barcelona, Manchester United, Manchester City, Chelsea, Arsenal, Liverpool, Bayern München, Paris Saint-Germain, Juventus Turin und Milan. Die verbleibenden fünf Plätze sollen «Gäste» einnehmen, die allenfalls in eine zweite Super League absteigen könnten. Zu Beginn sollen dies Atlético Madrid, Borussia Dortmund, Olympique Marseille, Inter Mailand und AS Roma sein.

Gemäss dem «Spiegel» hat sich Real Madrid im Oktober dieses Jahres von einer Beraterfirma Pläne für die Super League vorlegen lassen. Bekannt ist auch, dass Bayern München in der Person seines Chefjustiziars Michael Gerlinger von einer Anwaltskanzlei prüfen liess, ob Bayern aus den herkömmlichen europäischen Wettbewerben wie auch aus der Bundesliga aussteigen könnte. Dieses Vorhaben wurde sistiert, als die grössten Ligen und die grössten Vereine in einer Revision der Champions League mehr fixe Startplätze respektive mehr Geld aus dem Verteiler zugesprochen bekamen.

Noch in diesem Monat sollen die Mitglieder der Grossklub-Vereinigung ECA eine Absichtserklärung für die Gründung der europäischen Super League unterzeichnen. Es versteht sich, dass beispielsweise Bayern München als Marktführer innerhalb des Co-Marktführers Deutschland in alle Vorgänge rund um die Super League involviert ist. Trotzdem sagte Bayerns Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge, mit den Recherchen konfrontiert, er wisse von nichts. Die Münchner liessen verlauten, neuerliche Pläne für die neue Liga seien dem Verein weder bekannt noch habe man an Verhandlungen hierzu teilgenommen.

Würden dann alle anderen Klubs nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken?

Das denke ich nicht. Blickt man beispielsweise in die schwedische Liga, sieht das ganz anders aus: Im europäischen Vergleich sind die Klubs dort sehr schlecht, doch die Zuschauerzahlen sind so hoch wie noch nie. Die Zuschauer goutieren die Spannung und stellen sie über den sportlichen Wert der Liga. Ein altes Bonmot besagt, dass die Leute zum Fussball gehen, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Wenn die Gelder aber so ungerecht verteilt sind, ist dies je länger immer weniger der Fall.

Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeness.
Legende: Auch Bayern München soll in der Superliga mitmischen. Die Münchner dementierten jedoch Kenntnisse über konkrete Pläne. Keystone

Auch Fifa-Präsident Gianni Infantino ist Teil dieser Enthüllungen. Er soll in seiner Zeit als Uefa-Generalsekretär den Klubs Paris St. Germain und Manchester City zu Millionen-Investitionen durch Scheichs aus Golfstaaten verholfen haben, indem er die Regeln des Financial Fairplay ausgehebelt habe. Wie schätzen Sie diese Vorwürfe ein?

Das Financial Fairplay ist eine gute Idee. Es ist unter dem Druck entstanden, dass man da jetzt endlich etwas unternehmen müsse. Aber es ist ein zahnloses Monster geworden. Es sind Mannschaften für Vergehen bestraft worden. Das sind aber alles sehr kleine Mannschaften aus der Ukraine, Polen oder Griechenland. Diese Teams wurden ausgeschlossen.

Dass andere Teams wie Paris St. Germain, die Milliarden-Investitionen getätigt haben, die sie nie im Leben einspielen können, nach den gleichen Regeln bewertet werden, glaubt niemand. Es ist also nicht überraschend, dass hier nicht mit gleichen Ellen gemessen wird.

Die grossen Vereine testen aus, was sie den Fans zutrauen können: Es kann schon passieren, dass das Ganze irgendwann mal kippt.

Viele Fans werden diese Enthüllungen nicht überraschen. Und trotzdem werden die meisten wieder ins Stadion gehen. Ändern wird sich also wenig.

Man muss da sehr deutlich unterscheiden: Die Machenschaften, die hinter den Kulissen laufen, betreffen vor allem diese grossen Klubs. Es ist was anderes, wenn man die Schweizer Liga anschaut. Hier werden solche Sachen nicht gemacht, weil es sich nicht lohnt. Aber es besteht die Gefahr, dass Leute, die nicht so nah dran sind das vermischen und denken, der ganze Fussball ist korrupt. Aber das ist natürlich nicht der FC Thun oder GC. Langfristig schadet das dem Fussball natürlich sehr. Vor allem, wenn man diese Sachen zu vermischen beginnt.

Kann denn das ganze System mal kippen? Verliert der Fussball seine ganze Magie und die Mächtigen denken um?

Ich bin nicht so kulturkritisch, dass ich das jetzt so sehen würde. Es ist seit Jahren so, dass die grossen Vereine und Ligen sich an die Ekelgrenze herantasten. Sie testen, was sie den Fans zutrauen können: Es kann schon passieren, dass das Ganze irgendwann mal kippt. Wenn dann in England die Ticketpreise 200 Pfund kosten und nur noch asiatische Touristen im Stadion sind, weiss ich nicht, ob der Fussball beispielsweise in Liverpool immer noch die gleiche Bedeutung haben wird wie heute.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

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18 Kommentare

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  • Kommentar von martin blättler (bruggegumper)
    Die Riesensummen,die hier bewegt werden,können unmöglich alle aus sauberen Geschäften stammen.Dann sollten die Steuerverwaltungen mal die Bücher unter die Lupe nehmen und die Clubs,oder besser AGs sollten die Steuern auch bezahlen müssen. Da sind unerlaubte Subventionen mit im Spiel.Bei Airbus dreht die EU durch,beim Fussball,wohl aus Angst vor Revolution,wird geschwiegen.FIFA und UEFA endlich den Vereinsstatus entziehen und Steuern eintreiben.
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  • Kommentar von Danny Kinda (Kinda)
    Ich finde die Vorstellung auch seltsam. Andererseits haben diese Klubs Jahrelang ihre Ligen dominiert. Alle anderen spielen eigentlich nur um die hinteren Plätze. Von dem her gesehen macht es wie Sinn diese Klubs ihr eigenes Ding machen zu lassen obwohl auch das auf lange Sicht keine Lösung ist.
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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    Die Idee ist sehr gut. Die Frage wird einfach sein, wie man in diese Liga auf und absteigt
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