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Kantone Aargau und Solothurn haben Fälle von administrativ Versorgten untersucht.
Aus Regionaljournal Aargau Solothurn vom 18.11.2019.
abspielen. Laufzeit 10:35 Minuten.
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Menschen ausserhalb der Norm Vom Staat eingesperrt, gedemütigt und von Kindern getrennt

Es ist ein tragisches Kapital der Schweizer Geschichte: Bis in die 80er-Jahren haben die Behörden tausende Menschen in Heimen versorgt oder in Gefängnis gesteckt, ohne dass diese Personen etwas verbrochen hatten. Familien wurden auseinandergerissen. Kinder wurden verdingt, mussten bei Bauern arbeiten und wurden oft schlecht behandelt.

Dokumente in einem Gestell.
Legende: SRF

Die Opfer der sogenannten «Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» und Fremdplatzierungen haben ein Anrecht auf eine Entschädigung durch den Bund. Um ihre Geschichte zu dokumentieren und belegen, haben die Staatsarchive auf Anfrage Nachforschungen angestellt.

Alte Heftchen.
Legende: SRF

Die Kantone Solothurn und Aargau haben nun der Öffentlichkeit Einblicke in einige Fälle gewährt. Die Besucher konnten sich in den Staatsarchiven ein Bild davon machen, wie vor einigen Jahrzehnten mit Leuten umgegangen wurde, die sich nicht an die damaligen moralischen Vorstellungen hielten.

Blechschild "Departement des Armenwesens Kt. Solothurn"
Legende: SRF

Zwei Beispiele:

Opfer und nicht Täter wird bestraft

In den 20er-Jahren meldet sich eine junge, arme Frau aus dem Äussern Wasseramt bei den Behörden. Die Frau und auch Nachbarn sagen aus, dass sie in der Schule aber auch bei der Arbeit auf dem Feld missbraucht worden sei. Sie kommt danach in ein Heim und wird vom Anstaltsarzt untersucht. Die Bewertung fällt negativ aus. Darauf sind sich die Behörden einig, dass man die junge Frau in einer Besserungsanstalt für mehrere Jahre wegsperrt. Die junge Frau wird auch sterilisiert. Von den Tätern ist kaum oder nur am Rande die Rede.

Behörden lösen Familie auf

In den 50er-Jahren verlangt eine Frau aus Balsthal, dass ihr Mann weggesperrt wird. Er sei Alkoholiker und verbrauche das ganze Geld der Familie. Zudem habe er die Umgebung einem Karabiner in Angst und Schrecken versetzt. Falls der Mann nicht versorgt werde, lasse sie sich scheiden, so die Frau gegenüber den Behörden. Kurz darauf verliert die Familie verliert ihre Wohnung. Nun schreiten die Behörden ein, nehmen der Familie die Kinder weg und platzieren sie in einem Heim. Die Frau geht zu den Eltern zurück und verliert so ihre Kinder. Was mit dem Mann geschieht, ist unklar.

Solche und ähnliche Fälle haben das Solothurner und das Aargauer Staatsarchiv in den letzten Jahren aufgearbeitet. Etwa 300 Personen verlangten im Kanton Solothurn seit 2013 ihre Akten. Der Kanton Aargau bearbeitete rund 550 Gesuche.

Mann vor einer Bücherwand.
Legende: SRF

Neben den Akten zu rund 300 zusammengestellten Dossiers, lagern im Keller des Solothurner Staatsarchivs tausende weitere Unterlagen. Man verfüge über eine Liste mit 40'000 Namen, auf die man im Zuge der Nachforschungen gestossen sei, erklärt der Solothurner Staatsarchivar Andreas Fankhauser. Bei Bedarf liessen sich aus den verfügbaren Akten innerhalb kurzer Zeit einzelne Dossiers zusammenstellen.

Wunschzettel eines Mädchen an das Chriskind.
Legende: SRF

In den Akten fanden die Staatsarchive bei ihren Recherchen nicht nur Dokumente. Es tauchten auch Fotos auf, Briefe oder Kinderzeichnungen. Kinder, die seit ihrer Geburt in Heimen gelebt haben, könnten so einen Teil ihrer Geschichte nachvollziehen, sagt Dominic Egloff, der für das Aargauer Staatsarchiv die Nachforschungen angestellt hat.

Oft existierten keine Verwandten, welche den Betroffenen zu Ereignis aus ihrer Kindheit Auskunft geben können. Für viele Opfer von «Fürsorgerischen Zwangsmassnahmen» und Fremdplatzierungen stehe nicht die finanzielle Entschädigung durch den Bund an erster Stelle, sondern Informationen auf die eigene Geschichte.

Mann mit Bart vor Bücherregal.
Legende: SRF

Die Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der Schweizer Geschichte kommt also voran. Für viele Opfer kommt diese jedoch reichlich spät – sofern sie überhaupt noch leben.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Roger Ebischer  (RO.Ebi)
    Leider hat man heute nur teilweise gelernt.

    Jahrelang hatte man sehr strenge Gesetze oder starke Gerichtsentscheide durchgesetzt und dem Kind teilweise keine Chance gegeben sich sein Elternteil selbst auszusuchen. Es gibt immer noch eine grosse Dunkelziffer von Kindern die in einem geschiedenen Elternhaus geschlagen oder ausgenutzt warden, zum Profit eines Elternteils.
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  • Kommentar von Daniele Röthenmund  (Daniele Röthenmund)
    Herr Graber & Herr Wacek Danke für ihre Kommentare. Sie haben mir aus dem Herz gesprochen. Es tut gut mal hier was anderes zu lesen, als immer Unzufriedene die nur jede sau durchs Dorf hetzen, DANKE.
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  • Kommentar von Paul Graber  (PG)
    Es steckt in der Natur der Eidgenossen, alles was nicht ganz der Norm entspricht, zu isolieren und an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Wer glaubt, dass diese Dinge heute und jetzt nicht mehr geschehen ist naiv. Wir entschuldigen uns immerzu für die schlimmen Dinge der Vergangenheit - und machen dann auch gleich weiter. Nur lassen wir uns nicht mehr so leicht erwischen. Es wird einfach mittels der Justiz legal gemacht und alle sind glücklich...
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