Wädenswil: der Kanton Zürich im Kleinformat

Egal, ob Ärztedichte, Wähleranteile der Parteien oder Anzahl Angestellte in der Landwirtschaft: Die Zahlen von Wädenswil und dem kantonalen Durchschnitt unterscheiden sich oft nur durch einige Prozentpunkte.

Die Möwen lassen sich durch die Kälte nicht beeindrucken und schaukeln im Wasser des Zürichsees, das viel wärmer ist als die Luft. Gleich gegenüber dem See und den Möwen beginnt Wädenswil. Seit 1974 ist der Ort eine Stadt, und doch: Für Annelies Gantner, die mit ihrem Mann eine kleine Bäckerei und Konditorei betreibt, ist der Ort auch ein Dorf: «Es ist ein bisschen Land und ein bisschen Stadt – man hat einfach beides, grüsst und kennt sich», sagt sie.

Stadt und Land zu gleichen Teilen

Wädenswil ist Stadt und Dorf zugleich: Fachwerkhäuser stehen im ehemaligen Dorfkern, die Gassen sind eng und zahlreiche Firmen sind im Erdgeschoss von Wohnhäusern untergebracht. Auch das Stadthaus befindet sich in einer ehemaligen Spinnerei, ein Zeugnis der früheren Industriestadt Wädenswil. Dass die Gemeinde Wädenswil sowohl Stadt als auch Land ist, bestätigt auch Stadtpräsident Philipp Kutter: «Der ländliche Teil von Wädenswil ist etwa gleich gross wie der städtische – das ist offenbar auch das Verhältnis, das im Kanton Zürich zu finden ist.» Vielleicht sei das auch der Grund, weshalb gerade hier der Kanton im Kleinformat zu finden ist.

Einer der wenigen Ausreisser in der Statistik ist im verarbeitenden Gewerbe zu finden, im Sekundärsektor der Wirtschaft: In Wädenswil arbeiten deutlich mehr Leute in diesem Sektor als im kantonalen Durchschnitt. Ein Überbleibsel des historischen Wädenswils, das bis zum zweiten Weltkrieg ein wichtiges Zentrum für die Textilproduktion war.

Wädi-Brau-Huus und Rota AG

Auch hier mag sich der Kanton Zürich im Kleinformat finden: Zahlreiche ansässige Firmen sind eng mit Wädenswil verbunden und ziehen doch eine Kundschaft an, die über Wädenswil hinausgeht. Etwa die Kleinbrauerei der Wädi-Brau-Huus AG: Die Geschichte des Brauhauses geht ins 19. Jahrhundert zurück, doch 1992 entstand die Brauerei in heutiger Form und machte von Anfang an mit Innovationen von sich reden. Hier wurde das erste Bio-Bier der Schweiz gebraut und unter grossem medialen Echo das erste Hanfbier hergestellt.

Ähnlich stark mit Wädenswil verwurzelt ist auch die Rota AG: Der Handwerksbetrieb verlegt Naturstein- und Keramikplatten und existiert seit 1922. Heute wird er in dritter Generation von den Brüdern Michael, Stephan und Paul Rota geführt. Auch ihre Kundschaft spiegelt bis zu einem gewissen Grad die Bevölkerung von Wädenswil und damit auch den Kanton Zürich: Sie kommt aus allen Schichten, aus allen Bereichen, egal ob aus der Privatwirtschaft, der Hotellerie oder der Industrie.