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Legende: Video Ausbrecher-Paradies Schweiz abspielen. Laufzeit 05:15 Minuten.
Aus 10vor10 vom 02.04.2019.
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47 Länder im Vergleich Flucht aus dem Gefängnis: Schweiz führt europäische Rangliste an

Was negativ tönt, ist eigentlich positiv. Denn: «Die Rangliste bestraft die Guten», erklärt ein Kriminologie-Professor.

Auf den ersten Blick ist es nicht der Ranglisten-Platz, den man als Land anstrebt: ganz vorne, wenn’s um Gefängnisflucht geht. In keinem Land auf dem europäischen Kontinent flüchten mehr Gefängnis-Insassen als in der Schweiz. Dies zeigt der Space-Report, den der Lausanner Kriminologie-Professor Marcelo F. Aebi für den Europarat erstellt hat. Verglichen werden darin die Gefängnissysteme von 47 Ländern Europas.

Schweiz: 255 Häftlinge, Spanien: 2 Häftlinge

Konkret: Hochgerechnet auf 10'000 Häftlinge flüchteten in der Schweiz im Jahr 2017 rund 255 Häftlinge. In anderen Ländern sind es viel weniger: In Frankreich flüchteten rund 88 pro 10'000 Gefängnisinsassen. In Deutschland 61, in Österreich 30 und in Spanien gerade mal 2.

Ähnlich oft wie in der Schweiz türmten Häftlinge in den skandinavischen Ländern: In Finnland waren es im Jahr 2017 hochgerechnet 252, in Schweden 238.

Karte.
Legende: SRF

«Freiheit kann man nicht im Gefängnis lernen»

Die hohe Zahl der Gefängnisfluchten hängt gemäss Studienautor Aebi damit zusammen, dass die Schweiz – wie auch die skandinavischen Länder – stark auf den offenen und halboffenen Vollzug setzt, um die Leute am Ende der Haftzeit an die Freiheit zu gewöhnen. «Freiheit kann man nicht im Gefängnis lernen», sagt Aebi.

«Was aussieht wie ‹bad news›, sind in Wahrheit ‹good news›», betont Aebi. Denn: Länder, die stark auf offenen Vollzug Reintegration setzen, hätten in der Regel die niedrigsten Populationen an Gefängnisinsassen. Auch die Rückfallraten seien in Ländern mit offenen Strafvollzug-System geringer, die Resozialisierung gelinge besser.

«Länder, die ein sehr restriktives Gefängnissystem ohne offenen Vollzug kennen, haben langfristig im Schnitt eine Rückfallrate von rund 50 Prozent. Das heisst: Jeder zweite Häftling landet ein paar Jahre nach der Freilassung erneut im Gefängnis. In Ländern mit einem offenen Strafvollzug beträgt die Rückfallrate bei Erwachsenen – gemessen an erneuten Verurteilungen – gemäss Studien bei 38 Prozent», sagt Aebi.

Die Strafvollzugsbehörden in der Schweiz schauen heutzutage sehr genau, wen sie in den offenen Vollzug lassen.
Autor: Marcelo F. AebiKriminologe

Dass es auf dem Weg zu einer tieferen Rückfallquote gelegentlich zu der einen oder anderen Flucht eines Häftlings komme, sei der Preis, den man bezahle, um ein menschlicheres Gefängnissystem zu haben. «Die Strafvollzugsbehörden in der Schweiz schauen heutzutage sehr genau, wen sie in den offenen Vollzug lassen.»

Klassische Gefängnis-Ausbrüche rückläufig

Schaut man die Fluchtzahlen aus Schweizer Gefängnissen genau an, so stellt man fest, dass die klassischen Gefängnisausbrüche – also jene aus geschlossenen Haftanstalten – in der Schweiz stark rückläufig sind.

Diagramm.
Legende: SRF

2010 brachen 24 Häftlinge aus geschlossenen Anstalten aus, im letzten Jahr schweizweit nur noch 6. Die Flucht aus dem offenen Vollzug jedoch schwankt von Jahr zu Jahr stark. 2012 flüchteten beispielsweise 250 Häftlinge, 2017 waren es 170.

Diagramm.
Legende: SRF

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Armin Hug (Hugi)
    In der Schweiz wird auch im geschlossenen Vollzug darauf geachtet, dass dem Insassen der Eindruck vermittelt wird, er könnte, wenn er wollte, fliehen. Die verschiedenen nachgelagerten Absperrzonen sind dem Insassen nicht ersichtlich und tragen massgeblich zum verbesserten Wohlgefühl und Verhalten bei. In wie fern dieses System auch zu vermehrten Ausbruchversuchen führt, wäre interessant zu kennen.
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  • Kommentar von Adrian Flükiger (Ädu)
    Klassethema... -:). Die Überbeisser sind wieder mal in ihrem Element. Wir sollten vor allem für alle Steuerbetrüger drakonische Strafen einführen. Dies wäre mit den bestehenden Knastbetrieben aber nicht zu bewältigen. Es müssten dann ganz miese Löcher sein. Egal: der Schweizer Weg ist bedeutend besser als das, was die umliegenden Länder bieten. Teile die Sicht des Autors der Studie.
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  • Kommentar von Anna Niederhauser (AnNi)
    Gerne hätte ich den Begriff "Kuscheljustiz" mal erklärt bekommen. Kuscheln, da sich der persönliche Raum auf 12-13m2 beschränkt? ...mit den angeordneten Zeiten, die in Freiluft verbracht werden? ...in Hinsicht auf die lebenslängliche Arbeitspflicht?
    Wir könnenn uns darüber ärgern, dass das CH-Gesetz die Re-Integration zum Grundsatz hat. Diese ist im Geschlosseben nicht möglich - es fehlt die Selbstbestimmung und deren Konsequenzen. Freiheitsentzug eben.
    Gut, sind wir "Guten" frei von Fehlern.
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