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Vor 50 Jahren wurde die Schwarzenbach-Initiative abgelehnt
Aus Tagesschau vom 06.06.2020.
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50 Jahre Schwarzenbach Als sich die Gewerkschafter vor den Gastarbeitern fürchteten

Am 7. Juni 1970 lehnten die Stimmbürger die Schwarzenbach-Initiative mit 54 Prozent ab. Sie richtete sich insbesondere gegen Gastarbeiter. Diese erhielten zu Beginn aber auch Gegenwind von linker Seite.

1969 reichte James Schwarzenbach seine Initiative ein. Ziel: Den Ausländeranteil in der Schweiz von 16 Prozent (heute: 25 Prozent) auf zehn Prozent zu reduzieren. Rund 300’000 Ausländer hätten die Schweiz verlassen müssen. Es war die zweite «Überfremdungs-Initiative», die in den 60er-Jahren lanciert worden war. Das Thema Zuwanderung hatte das Jahrzehnt politisch im Griff: Von 1960 bis 1970 stieg der Zahl der Ausländer in der Schweiz von 500’000 auf eine Million – das in einer Zeit, als noch kein Mensch das Wort Multikulti kannte und Ferienreisen nach Italien für die meisten Schweizer noch etwas Exotisches waren.

Aber die Schweizer Wirtschaft war auf die Arbeitskräfte aus dem Süden angewiesen – wie auch alle anderen mitteleuropäischen Staaten: Alle wollten und mussten ihre Infrastruktur neu hinstellen oder den modernen Erfordernissen (Schulhäuser, Autobahnen, Kläranlagen) anpassen.

James Schwarzenbach

James Schwarzenbach

James Schwarzenbach war der Sohn eines Textilindustriellen und entstammte dem Zürcher Grossbürgertum. Der promovierte Historiker war in den 30er- und 40er-Jahren Mitglied der Nationalen Front. Später war er publizistisch für verschiedene Blätter tätig. Von 1967 bis 1979 sass er für die Nationale Aktion (NA) und später für die Republikanische Bewegung im Nationalrat. Ende der 60er-Jahre lancierte er die nach ihm benannte Volksinitiative zur Beschränkung der Ausländerzahl in der Schweiz. Schwarzenbach starb 1994.

Nach dem Krieg fragte deshalb die Schweiz offiziell in anderen Ländern nach, ob sie Arbeitskräfte schicken wollten. Nach Berechnungen des Bundes fehlten in der Schweiz 100’000 Arbeiter. Aber Frankreich, Österreich und Deutschland lehnten ab, man brauchte jede arbeitsfähige Person selber. Nicht so Italien: Der Staat war froh, dass vor allem Italiener aus dem stark rückständigen Süden im Norden Arbeit erhalten sollten und so auch Geld nach Hause schicken konnten.

Gastarbeiter kamen – und blieben

Die ursprüngliche Idee war auf beiden Seiten, dass die jungen Leute nach einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurückkehren, daher kommt der Begriff Gastarbeiter. Und deshalb kamen anfänglich vor allem Unverheiratete. Aber es kam anders: Für Gastarbeiter gab es im Norden immer mehr Arbeit, der Wirtschaftsboom setzte ein, nur ganz wenige gingen nach Hause zurück und der Lohn in der Schweiz war schon damals höher als in Italien.

Italienische Gastarbeiter laden ihre Koffer in einen Zug.
Legende: Italienische Gastarbeiter machen sich im Dezember 1962 auf den Weg Richtung Süden. Keystone

Rechte aber hatten Ausländer hier wenige: Lange fanden sie nur in Arbeiterbaracken ein spärliches Zimmer, lange durften ihre Familien nicht in die Schweiz nachziehen. Andere europäische Staaten gewährten ihren Gastarbeitern in frühen internationalen Abkommen bessere Rechte.

Vorteile für langjährige Saisonniers

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Immerhin: Wer zehn oder später fünf Jahre regelmässig während einer Arbeitssaison (Saisonniers) in die Schweiz kam, der durfte sich als Ausländer «niederlassen» und auch seine Familie in die Schweiz holen. Dieses Recht wurde stetig ausgebaut – auch auf Druck von Italien – und Ende der 60er-Jahre lebten 40 Prozent der Gastarbeiter seit mehr als fünf Jahren in der Schweiz.

Gewerkschaften reklamieren als erste

Schon seit den 50er-Jahren opponierten die Gewerkschaften gegen die Gastarbeiterzuwanderung. Bereits 1953 forderte ein SP-Nationalrat, neue ausländische Arbeitskräfte nicht mehr zuzulassen. 1962 verlangte der spätere SP-Bundesrat Willy Ritschard, dass die Zahl der anwesenden Ausländer zurückgehe. Und der Schweizerische Gewerkschaftsbund schlug eine jährliche Höchstzahl für zuwandernde Arbeiter vor.

Die Gewerkschaften argumentierten vor allem wirtschaftspolitisch gegen die steigende Zuwanderung: Man hatte Angst um Jobs der Schweizer, befürchtete, dass auch die Löhne nicht mehr steigen würden.

Unbegründete Angst

Die Angst der Gewerkschafter aber war unbegründet: Dank dem einmaligen Wirtschaftswachstum gab es damals jedes Jahr mehr Jobs, die Löhne stiegen wie nie mehr danach. Und viele Schweizer konnten ihre Stellung verbessern, weil Italiener ihre Arbeit übernahmen.

Doch Anfang der 60er-Jahre mischten immer mehr neue Gruppierungen von Rechts die Diskussion um die Ausländer auf, die Auseinandersetzung wurde gehässiger – während noch bis 1965 in manchen Jahren 100’000 Ausländer neu in die Schweiz einreisten. Der Bundesrat musste handeln.

50 Jahre «Schwarzenbach-Initiative»

Dies ist der erste Teil einer Artikelserie zur «Überfremdungsinitiative» von James Schwarzenbach. Im zweiten Teil geht es darum, wie die «Italiener-Frage» die Schweiz in zwei Lager spaltete.

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Gegen das Fremde – Der lange Schatten des James Schwarzenbach
Aus DOK vom 16.10.2014.
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Tagesschau, 06.06.2020, 13:00 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Die Mainstream-Medien waren damals und bis heute Partei und führten mit allen Offiziellen des Landes –Gewerkschaften,Wirtschaftsverbänden,Kirchenvertretern, Parteien,den kant. und eidg. Behörden– einen leidenschaftlichen Kampf gegen die Initiative.Für die Nachgeborenen mag James Schwarzenbach heute als plumper Ausländerfeind erscheinen.Mit Hilfe der direkten Demokratie erzwang er aber eine Kurskorrektur in der Einwanderungspolitik–sein historischer Verdienst.“(altNR B. Hess in PIKOM INFO 2/20)
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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    "Am 7. Juni 1970 lehnten die Stimmbürger die Schwarzenbach-Initiative mit 54 Prozent ab". Danke für den Bericht, sehr interessant. Mag mich noch gut erinnern. War mit 16 Jahren zwar nicht stimmberechtigt, aber mein Vater als Landwirt hat für die Initiative gestimmt. Jedoch nicht weil er gegen die Italiener oder andere Ausländer war,sondern aus Sorge wegen der Kulturlandvernichtung (Autobahnbau) durch die Einwanderung. Aus dieser Sicht war mein Vater fortschrittlich. Das Thema besteht immer noch!
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  • Kommentar von Nelly Bolt  (Nelly Bolt)
    Das schöne Bild mit dem alten SBB-Wagen symbolisiert diese Epoche ausgezeichnet. Damals hatte ich leider noch kein Stimmrecht. Zum Glück haben die Männer diese Initiative abgelehnt.
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