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80. Jahrestag der Pogromnacht Der neue Hass weckt alte Ängste

Wenn in Pittsburgh Schüsse fallen, beunruhigt das auch Schweizer Juden – und seit Jahren steigen die Sicherheitskosten.

Legende: Audio Wie sicher fühlen sich Juden in der Schweiz? abspielen. Laufzeit 03:30 Minuten.
03:30 min, aus Rendez-vous vom 10.11.2018.

Herbert Winter ist in Zürich geboren, er lebt und arbeitet in der Stadt. Wenn man den 62-Jährigen heute fragt, geht er davon aus, dass er auch seinen Lebensabend in Zürich verbringen wird.

Zürich ist für den Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) Heimat. Eine Heimat, in er der sich auch im Jahr 2018 noch geborgen fühlt: «Ich persönlich fühle mich eigentlich sehr sicher.»

Attacken im Ausland beunruhigen Schweizer Juden

So wie ihm gehe es vielen Jüdinnen und Juden in der Schweiz, sagt Winter. Gleichzeitig gebe es auch Mitglieder, die sich zunehmend verängstigt fühlten – und Winter kann diese Emotionen nachvollziehen. «Ich verstehe, wenn sich Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft bei uns nicht mehr so sicher fühlen. Aufgrund dessen, was vor allem im Ausland passiert.»

Die Menschen überlegen sich zwei Mal, ob sie morgen in die Synagoge gehen oder ihre Kinder in die jüdische Schule schicken sollen.

Damit meint Winter unter anderem den jüngsten Anschlag auf eine Synagoge im amerikanischen Pittsburgh, bei welchem ein Antisemit vor wenigen Tagen elf Menschen erschossen hatte. Oder auch die regelmässigen Übergriffe auf Juden in Frankreich.

Solche Vorfälle hinterliessen Spuren, sagt Winter: «Solche Attacken verunsichern die Menschen. Sie überlegen sich zweimal, ob sie morgen in die Synagoge gehen oder ihre Kinder in die jüdische Schule schicken sollen.»

Trauernder am Grab der Opfer des Anschlags.
Legende: Am 27. Oktober stürmte ein antisemitischer Attentäter in eine Synagoge in Pittsburgh und tötete elf Menschen. Reuters

Generell sei die Gefahr von terroristischen Anschlägen in Europa in den letzten Jahren angestiegen, sagt Baschi Dürr, der Sicherheitsdirektor des Kantons Basel-Stadt: «In dieser erhöhten Gefahrenlage sind die jüdischen Gemeinden, die ohnehin einem grösseren Risiko ausgesetzt sind, entsprechend stärker bedroht.»

Mit der erhöhten Bedrohungslage steige das Bedürfnis nach mehr Sicherheit. Und dieses Bedürfnis stelle die jüdischen Gemeinden in der Schweiz vor grosse Herausforderungen, sagt SIG-Präsident Winter: «Sie haben alle sehr grosse Probleme, weil der Sicherheitskosten im Budget ein riesiger Posten sind. Dieses Geld würde man lieber für Sozial- und Jugendarbeit aufbringen.»

Stadt Basel beteiligt sich an Sicherheitskosten

In Basel beispielsweise ging der jüdischen Gemeinde das Geld aus, weil die Sicherheitskosten seit Jahren steigen. Vor wenigen Tagen entschied nun der Regierungsrat, vom Kantonsparlament mehr Geld für den Schutz der jüdischen Gemeinde zu beantragen.

Die Regierung will acht zusätzliche bewaffnete Sicherheitsassistenten anstellen, welche sich ausschliesslich um den Schutz der jüdischen Einrichtung in Basel kümmern. Kosten: Rund 750'000 Franken pro Jahr.

Basels historische Bindung zum Judentum

Für Dürr spielte bei dieser Entscheidung auch das historische Verhältnis der Juden und der Stadt Basel eine Rolle: «Das Judentum gehört seit Jahrhunderten zu Basel. Zudem wurde Israel quasi in Basel gegründet und ist sozusagen das ‹Rütli› der Israeli.»

Deswegen sei die Beziehung von Basel zur jüdischen Gemeinde eine besondere. Dass Bund oder Kantone die Juden bei der Finanzierung ihrer Sicherheitskosten unterstützen, das werde man in Zukunft wohl auch noch an anderen Orten sehen, sagt Herbert Winter. Diesen Sommer entschied der Bundesrat nämlich, künftig bei besonders gefährdeten Minderheiten einen Anteil der Sicherheitskosten zu übernehmen.

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37 Kommentare

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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Heute noch werden Hunderthausende wegen ihrer Religion verfolgt, geschaendet und getoetet...Der Holocaust hat ueberhaupt keinen Einfluss darauf... Die ganze Menschheit muss beginnen, gefuehrt von den Religionsoberen, sich gegenseitig zu akzeptieren... oder einfach tolerieren. Keine Religion sollte Anspruch erheben duerfen die einzig Richtige zu sein... und siehe es wurde Friede..
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    1. Antwort von Charles Dupond (Egalite)
      Insbesondere die Buchtheokratien sollten - wie von 1789 bis 1940 in Frankreich und 1918 bis Erdogan in der Tuerkei - wieder von allen staatlichen Privilegien bis hin zur Steuerhoheit entbunden und wie (andere) Vereine behandelt und kandariert werden. Waehrend der obligatorischen Schulpflicht sollten religioese Schulen verboten und in anderen religioesen Schulen nur cand Theologen verpflichtet werden duerfen, auch Religionsstunden zu besuchen, bei Schliessung statt Toleranz von Missbreuchen..
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    2. Antwort von Theres Schmid (Theres Schmid)
      @ Franz NANNI Es gehört zum Wesen der Religion den Anspruch auf die alleinige Warheit zu haben.
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  • Kommentar von Rolf Bolliger (jolanda)
    Um eine Tragödie ehrlich, sachlich und gesamthaft zu analysieren, gibt und braucht es immer zwei "Seiten": Vor 80 Jahren gab es Millionen von Menschen, die hatten nichts (keine Arbeit, kein Einkommen und oft kein Brot auf dem Tisch!) Dann gab es noch eine kleine Gruppe Menschen, die hatten alles, waren reich und rissen alles an sich! Dann kam ein diktatorischer Tyrann, hob den Arm nach vorn, veranlasste Arbeit und Einkommen, um Brot zu kaufen! Dieser Diktatur entwickelte sich dann zur "Bestie"!
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    1. Antwort von Andrew Simon (A. Simon)
      Wollen sie damit sagen, die kleine, reiche Gruppe waren die Juden und die rissen alles an sich? Habe ich da was falsch verstanden oder leben sie wirklich mit dieser Vorstellung?
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    2. Antwort von Hans Zaugg (Hans Zaugg)
      Und was wollen Sie damit sagen???
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    3. Antwort von M. Kaiser (Klarsicht)
      Herr Bolliger, Frage an Sie : Sind wir Heute nicht in der selben Situation in vielen Staaten - hohe Arbeitslosigkeit - niedere Löhne - Und das Gefährlichste , einige Wenige -sie sagen dazu eine kleine Gruppe Menschen, die Alles haben ? Ja 10% der Menschheit besitzt in der Tat soviel der90% Rest. Es hat auch heute viele Tyrannen an der Macht - aber was niemals wieder einkehren darf, ist Hass gegen andere Kulturen, andere Hautfarben, andere Ansichten und Religionen .
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    4. Antwort von Rolf Bolliger (jolanda)
      Wer die Entstehungs-Geschichte des 2. Welkrieges und all die damaligen Realitäten realistisch verfolgt hat (die Geschichtsbücher ohne einseitige Ideologie gelesen hat!) weis nicht nur, wer "die kleine Gruppe Menschen" waren, sondern weis auch, dass auf beiden Seiten der kriegsführenden Grossmächten Millionen von Menschen umgebracht oder im Kriegsgewirr getötet wurden! Die seit Jahren einseitigen Gedenkfeiern und ewigen "Beschuldigungen", können die ganze Tragödie nicht leugnen und verdrängen!
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    5. Antwort von Rolf Bolliger (jolanda)
      Ihren letzten Satz (um 14:42 h) kann ich und sollten alle toleranten Mitmenschen mittragen und so handeln! Nur, Herr Kaiser, was passiert heute alles durch die militanten und extremen Islamisten? Schon Tausende "Ungläubige" wurden (und werden) durch solche Extremisten hin gemetzelt, ermordet oder verstümmelt! Frauen in vielen muslimischen Länder haben immer noch keine Rechte! Ihre Männer zwingen sie zur "Vollverschleierung"! Warum gibt es dazu keine Gedenkfeiern oder Warnungen gegen Hass?
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  • Kommentar von marlene Zelger (Marlene Zelger)
    Anlässlich unseres Aufenthaltes über Ostern 1976 in Prag besuchten wir mit dem Vater einer geflüchteten Bekannten auch das KZ in Theresienstadt. Wir standen vor der noch mit Blutspuren beschmierten Mauer, an der die Häftlinge erschossen wurden. Wir sahen die Gasöfen der Gaskammern. Wir sahen auch die "Löcher", worin die Häftlinge einzeln eingesperrt waren, Jeder antisemitisch denkende sollte mal durch die Überreste eines KZ gehen. Dann würde er hoffentlich seine Gesinnung ändern.
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