Am 30. August 1965 verwandelte sich eine Baustelle im Saastal in ein Trümmerfeld: Massive Eismassen des Allalin-Gletschers stürzten ins Tal und begruben die Barackensiedlung am Mattmark-Stausee.
88 Arbeiter verloren ihr Leben – die meisten von ihnen waren italienische Saisonniers aus der Provinz Belluno. Es war das grösste Unglück auf einer Baustelle in der Schweiz.
Tagelang suchten Arbeiter, Soldaten und Rettungskräfte verzweifelt nach Überlebenden. Doch ihre Bemühungen blieben erfolglos. Die Katastrophe traf Familien in der Schweiz, Italien, Deutschland und Österreich. Für viele Hinterbliebene begann ein jahrzehntelanger Kampf um Anerkennung und Gerechtigkeit.
Warnungen ignoriert
Bereits vor dem Unglück gab es Warnsignale: Immer wieder brachen Eisstücke vom Gletscher ab. Experten hatten vor der Gefahr gewarnt – doch die Bauleitung entschied sich gegen ein Alarmsystem.
«Man hat die Baracken und die Werkskantine unter der Falllinie des Gletschers gebaut, weil das in Bezug auf die Nähe zum Staudamm der beste Platz war. Es hat Zeit und Geld gespart», erklärt die Historikerin Elisabeth Joris.
Es mangelte nicht an Hinweisen: «Es gab ständig kleinere Abbrüche, in der Woche vorher sogar in zunehmendem Mass. Am Vortag musste man eine Strasse sperren, weil es so viele Abbrüche gab.»
Ein Jahrhundertprozess – ohne Schuldige
Sieben Jahre später endete der Prozess gegen 17 Verantwortliche mit Freisprüchen. Die Richter erklärten die Katastrophe für «nicht vorhersehbar». In Italien löste dies Empörung aus: Viele empfanden das Urteil als kalt und ungerecht.
Familien, die klagten, mussten sogar die Hälfte der Prozesskosten tragen. Mentalität der 60er-Jahre: Für Joris spiegelt das Urteil die damalige Haltung wider: «Unterstützt wurde das Dogma von der religiös formulierten Argumentation vom Schicksal, von Gott bestimmt, halt nicht vorhersehbar.»
Politisch dominierte die CVP, und Bundesrat Roger Bonvin – einst selbst am Mattmark-Projekt beteiligt – hatte kein Interesse an Schuldzuweisungen. «Für ihn war es persönlich ein Anliegen, dass da niemand Schuld trägt.»
Folgen bis heute
Nach der Mattmark-Katastrophe verschärfte die Suva die Sicherheitskontrollen auf Baustellen. Gewerkschaften setzten sich stärker für ausländische Arbeiter ein. Doch die seelischen Wunden der Angehörigen sind bis heute nicht verheilt.
60 Jahre später erinnert eine Gedenkfeier an die Opfer – und daran, wie teuer die Missachtung von Warnungen sein kann.