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Grundeinkommen Eine Initiative soll unser Denken umkrempeln

Gut 120'000 Bürger sagen Ja zur Idee des bedingungslosen Grundeinkommens (BGE). Für sie ein Stück Gerechtigkeit, für die Gegner der Niedergang des Abendlands. Die Initianten möchten in erster Linie einen öffentlichen Diskurs entfachen. Ob ihre Rechnung aufgeht, darf indes bezweifelt werden.

Blick in eine kleine Giesserei. Männer sind eben daran, glühendes Eisen in eine Form zu giessen.
Legende: Gerade bei unliebsamen Arbeiten sind wir dazu übergegangen, sie in die Armenstuben der Welt zu exportieren. Keystone

2500 Franken für jedermann. Egal, ob er arbeitet oder in der Sonne liegt. Die Mütter und Väter der Volksinitiative , Link öffnet in einem neuen Fenster«Für ein bedingungsloses Grundeinkommen» möchten nicht mehr und nicht weniger als unsere Bereitschaft, über die Arbeitswelt in einer Weise nachzudenken, wie wir es noch nie getan haben.

Portrait des Arbeits- und Organisationspsychologen Prof. Dr. Theo Wehner.
Legende: Für den Arbeitspsychologen Theo Wehner ist klar: unsere Leistungsgesellschaft ist nicht der Weisheit letzter Schluss. grundeinkommen.ch

Lieber Sinn als Geld

Es geht ihnen also nicht um eine Entscheidung. Das werden sie zu betonen nicht müde. Es ist vielmehr die rational kommunikative Meinungsbildung, was die Initianten im Sinn haben. Nachdenken und reden. Über eine vollständig neue Form menschlichen Wirtschaftens.

Dass wir – bei allen praktischen Vorbehalten – mehr als guten Grund zum Nachdenken hätten, legt Professor Theo Wehner im Gespräch mit SRF News Online eindrücklich dar.

Für den Leiter des ETH-Zentrums für Arbeits- und Organisationspsychologie sind die ökonomischen Initiativen aus jüngster Zeit Ausdruck profunden Überdrusses. «Abzocker-Initiative, 1:12-Initiative, Mindestlohn und 6 Wochen Ferien, alle diese Vorstösse verdanken sich einer in breiten Teilen der Bevölkerung wahrgenommenen Verteilungsungerechtigkeit», sagt Wehner. Und legt gleich nach: «Als Arbeitswissenschaftler bin ich überzeugt, dass wir nicht nur dringend Instrumente brauchen, um diese Ungerechtigkeit auszuräumen, sondern auch welche, um unsere Arbeitsleistung mit Sinn zu erfüllen.»

Die Idee ist nicht neu. Bereits der humanistische Philosoph und Heilige Thomas Morus hat sie anfangs 16. Jahrhundert formuliert: die Trennung von Einkommen und Arbeit. In dieser Denkweise ist es nicht die Leistung, die Entlohnung möglich macht, sondern umgekehrt. Unser Einkommen ermöglicht die Arbeit, deren oberstes Ziel sich nicht in der Maximierung von Leistung erschöpft, sondern sich in der Erfüllung sinnstiftenden Handelns erschliesst. Wie entwaffnend diese Logik sein kann, verdeutlicht der Multimillionär und Sympathisant der Idee, Götz Werner, in einem Vortrag im Berner Forum Altenberg, Link öffnet in einem neuen Fenster anfangs Juni.

«Nicht Geld, sondern Sinn zu erlangen, das ist die neue Währung der «Generation Why», sagt auch Arbeitsforscher Theo Wehner. «Aber unsere aktuelle Arbeitswelt ist eine, die auf Wachstum, Leistungserbringung und Rationalisierung ausgelegt ist.»

«Die Vorstellung, dass es etwas anderes geben kann, als von Lebensnotwendigkeiten erzwungene Biographien, nehmen viele als Bedrohung wahr.»
Autor: Prof. Dr. Theo WehnerLeiter des ETH-Zentrums für Arbeits- und Organisationspsychologie

Soweit die Idee. Aber sind wir Schweizer überhaupt bereit für eine solche Diskussion, die die Paradigmen unserer Leistungsgesellschaft so leichtfüssig an die Wand fährt? Und ist eine Volksinitiative das geeignete Instrument, um das in Erfahrung zu bringen?

Theo Wehner zeigt gleichermassen Verständnis, wie er seine Zweifel hegt. «Ich finde das nicht besonders vielversprechend. Andererseits reden die Menschen seit 500 Jahren von dieser Idee, ohne dass sie gehört wurden.» Jetzt hätten sie halt diese Initiative lanciert und damit den Ball an die Politik weitergespielt.

Allein zwei entscheidende Steine liegen seiner Ansicht nach dem Ansinnen der Initianten im Weg. Der eine ist normativer Natur. Danach sind Volksinitiativen Instrumente zur Entscheidungsfindung. Die Vorstellung, sie könnten in ihrem Verlauf zu kollektiven Oasen visionären Denkens mutieren, ist angesichts der bereits im Vorfeld grassierenden Polemik wohl zu ambitioniert.

Das zweite Hindernis ist für Wehner psychologisch determiniert. Er hat zum Thema mit vielen Menschen gesprochen. Gerade auch mit solchen, von denen man annehmen dürfe, dass sie einem bedingungslosen Geldsegen nicht abgeneigt wären, erzählt Wehner. Aber sich vom Leistungsprimat zu verabschieden, fällt selbst diesen Personen schwer. «Die Vorstellung, dass es etwas anderes geben kann, als von Lebensnotwendigkeiten erzwungene Biographien, nehmen viele als Bedrohung wahr.»

Bedingungslosigkeit ist entscheidend

In der Tat, es ist eben genau die Bedingungslosigkeit des Geldsegens, was diese Rezeptur für sinnerfüllte Arbeit so revolutionär erscheinen lässt.

Nicht zuletzt im Verantwortungs-Diskurs des deutsch-amerikanischen Philosophen Hans Jonas habe sich gezeigt, «...dass die Bedingungslosigkeit das ist, was die Eigenverantwortung für eine sinnbringende Biographie am meisten beflügelt», sagt Wehner. Gebe man dem Menschen hingegen Bedingungen vor, neige er dazu, sich ihnen unterzuordnen, anstatt seinen Bedürfnissen nach Sinnerfüllung.

Ein langer Weg, sagt Wehner, aber darüber nachzudenken lohne sich. Und Denken sei halt immer auch der Wille, Bestehendes zu überschreiten.

67 Kommentare

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  • Kommentar von T.Hofer, Rosshäusern
    Diese "Unterstellung" folgt wissenschaftlichen Erkenntnissen über das Verhalten von Lebewesen und entspricht gewissen Tendenzen die beim sozialen Ausbau immer wieder festzustellen sind. Ich kenne niemanden der das sofort tun würde, jedoch einige, die beim Bezug staatlicher Leistungen nicht zögern, sich selbst dem Gemeinwesen aber in keiner Weise verpflichtet fühlen. Und ich kenne viele, die sich in ihrer beruflichen Laufbahn weg von ungeliebten Tätigkeiten, hin zu dem was Ihnen liegt entwickeln.
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  • Kommentar von Max Hofer, Leuzingen
    Ein BGE würde nur die Faulheit im Menschen fördern. So liest und hört man oft. Ich frage mich, woher diese Unterstellung kommt. Wie viele Menschen kennen sie persönlich in ihrem Umfeld, die sofort alles liegen und stehen lassen würden und sich aufs breite Hinterteil setzen würden? Wäre es nicht viel eher so, dass viele Menschen ihre ungeliebten Tätigkeiten aufgeben und sich etwas ihnen Angenehmerem zuwenden würden? Nun, wir wissen es nicht! Aber wir sollten zustimmen, um zu sehen, was passiert.
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    1. Antwort von Beppie Hermann, Bern
      "sich etwas ihnen Angenehmerem zuwenden" Eben, dazu braucht man sich nicht zwingend "aufs breite Hinterteil zu setzen".Ich jedenfalls beobachte eine bedenkliche Abnahme des Niveaus in Schulen, Sprachkultur, berufl.Kompetenzen, Freizeitaktivitäten, Anlässen, TV-Programm usf. Eine grosse, oberflächliche, elektronisch gesteuerte Fun-+Wohlstandsgesellschaft, das macht mir Sorgen, läuft mE Richtung Volkverdummung in jeder Beziehung. Zu viele, und wohl nicht nur CHer, die ein BGE gerne nutzen würden.
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  • Kommentar von E.Waeden, H
    "Wenn die Bedürftigkeit abnimmt, nehmen die Bedürfnisse zu." Das bedinungslose Grundeinkommen für's Nichtstun, wird dann bald an die Bedingung geknüpft, dass es für's Nichtstun zu diesen CHF. 2500.- noch mehr geben muss, weil der Mensch neben seinem Nichtstun ja auch noch andere Bedürfnisse hat. :-)
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    1. Antwort von A.Käser, Zürich
      @E.Waeden/Es ist selten ratsam von sich selbst auf andere schliessen zu wollen.Noch weniger hilfreich ist,wenn hypothetisch und optional Unbekanntem,"Unproduktives"unterstellt wird.Hat mit Angst zu tun.Angst ist der Nährboden der Lieblosigkeit.Liebe ist frei,lässt frei und ist dadurch die stärkste und grösste Energie des ganzen Universums.GOETHE:"Liebe ist die Kraft,die die Welt in ihrem Innern zusammen hält."Fortschritt in Sachen Liebe,bedeutet Fortschritt in jeder Hinsicht.
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    2. Antwort von E.Waeden, H
      @A.Käser: Unlängst einen Jugendlichen gefragt, welchen Beruf er denn nach der Schule erlernen wolle gab's die prompte Antwort:" Weshalb eine Lehre machen & arbeiten, wenn's doch das Sozialamt gibt!" Deshalb ist's nicht als Lieblosigkeit meinerseits zu benennen, wenn mich die Vernunft die Dinge sehen lässt, wie sie eben leider sind!:-) So ist's auch nicht fehlende Nächstenliebe meinerseits, sondern zur Vernunft auch Lebenserfahrung die zur Ablehnung betr. BGE rät.
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    3. Antwort von A.Käser, Zürich
      @E.Waeden/Sie erwähnen es selbst.Sie haben EINEN Jugendlichen gefragt.Daraus lässt sich keine Berechnungsgrundlage aufstellen um zu ermitteln,wieviele Menschen sich zu einer oder keinerlei Tätigkeit entschliessen würden.Trotzdem sollte beachtet werden,dass der Mensch grundsätzlich gerne tätig ist(Kinder).Auch ist er ein soziales Wesen.In der menschlichen Gesellschaft wurden/werden immer Arbeiten verrichtet,die weder rationalisiert noch entlöhnt werden.Ungewollte Arbeitslose sind auch Realität.
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