Bhutan misst das Bruttonationalglück

Ein wichtiges Argument bei der Ecopop-Initiative ist das Schweizer Wirtschaftswachstum. Doch ist die kontinuierliche Zunahme des Bruttoinlandprodukts das Mass aller Dinge? Zumindest nicht für Bhutan. Das asiatische Königreich misst das Bruttonationalglück.

Schülen schauen lachend aus den Fenstern eines Klassenzimmers Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auch die Schulen werden auf das Bruttonationalglück ausgerichtet. Reuters/archiv

Eine Begrenzung der Zuwanderung, wie sie die Ecopop-Initiative fordert, füge der Schweizer Wirtschaft grossen Schaden zu und bringe den Wohlstand in Gefahr. Davor warnen die Gegner der Initiative.

Der Wohlstand des Einzelnen – ausgedrückt als Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf – sei seit Einführung der vollständigen Personenfreizügigkeit nicht mehr substantiell gewachsen, halten die Befürworter entgegen. Zudem spielten für die Lebensqualität nebst dem Wirtschaftswachstum auch andere Faktoren wie eine intakte Umwelt und genügend Freiräume eine Rolle.

Über zu wenig Platz kann sich Bhutan nicht beschweren. Das asiatische Land ist nur wenig kleiner als die Schweiz und hat gerade mal 1,2 Millionen Einwohner. Doch in Sachen Wohlstand ist das kleine Königreich nicht auf Rosen gebettet. Es gehört mit einem BIP von 2 Milliarden Franken zu den ärmsten Ländern der Welt.

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Bildlegende: Bhutan ist ein kleiner Staat zwischen Indien und China. SRF

Trotzdem – oder gerade deswegen? – hat Bhutan das Bruttonationalglück (Gross National Happiness, GNH) eingeführt. Denn der König von Bhutan war es leid, immer nur auf das BIP seines Landes reduziert zu werden.

Seit den 1970er-Jahren gilt der GNH als Erfolgsindikator für das buddhistische Land. Seit Beginn der parlamentarischen Demokratie im Jahr 2008 ist es eng mit der Politik des Landes verknüpft.

BIP misst keine Nachhaltigkeit

Eine GNH-Kommission achtet darauf, dass sämtliche nationale und kommunale Projekte mit den Werten des GNH in Einklang stehen: psychisches Wohlbefinden, Gesundheit, Bildung, Zeitnutzung, kulturelle Vielfalt, verantwortungsbewusste Politik, Vitalität der Gemeinden, ökologische Vielfalt, Lebensstandard.

So hat sich Bhutan für die Landwirtschaft vorgenommen, bis 2020 als erstes Land der Welt komplett auf Bio-Produktion umzustellen. Zudem will es klimaneutral werden. Mindestens 60 Prozent des Staatsgebietes sollen von Wald bedeckt bleiben – für die Abholzung gelten strenge Regeln. Der Staat erhebt in Umfragen sogar, wie viel seine Bevölkerung schläft und arbeitet – idealerweise sollte dies je ungefähr acht Stunden sein.

Auch beim Tourismus gilt eine restriktive Politik. Die 250 Dollar Gebühr pro Tourist und Tag fliessen in die Bereiche Bildung und Gesundheit, die für alle Bhutaner kostenfrei sind. Einmal im Monat ist Fussgängertag. Fahrzeuge bleiben in der Garage.

Die Politiker von Bhutan engagieren sich über die Landesgrenzen hinaus für den Wertewandel. «Wir müssen das BIP als das betrachten, was es ist: Ein Mass für wirtschaftliche Aktivitäten», sagt Karma Tshiteen, Präsident der GNH-Kommission, in einem «Arte»-Dokumentarfilm. «Und wir müssen dem andere Masseinheiten hinzufügen, die Fortschritt und Nachhaltigkeit messen können.» Das BIP könne niemals ein Massstab für Nachhaltigkeit sein.

«  Das BIP misst alles – bis auf das, was für das Wohlergehen des Individuums und die menschliche Gesellschaft wirklich wichtig ist. »

Jigmi Thinley
Ehemaliger Ministerpräsident Bhutans

«Wenn wir eine Entscheidung nur nach ökonomischen Gesichtspunkten treffen, wird das aus wirtschaftlicher Sicht wahrscheinlich eine gute Entscheidung sein», erläutert Tshiteen weiter. «Aber in sozialer und ökologischer Hinsicht vielleicht nicht. Wer den globalen Rahmen ausser Acht lässt, kann keine Güterabwägung vornehmen und trifft möglicherweise eine Entscheidung, die eine Menge unbeabsichtigter, negativer Konsequenzen hat.»

Modell als Post-Wachstums-Gesellschaft

Der ehemalige Ministerpräsident Bhutans, Jigmi Thinley, wiederholt, was der US-Senator einmal gesagt habe: «Das BIP misst alles – bis auf das, was für das Wohlergehen des Individuums und die menschliche Gesellschaft wirklich wichtig ist.»

Für die Vereinten Nationen ist Bhutan ein Vorzeige-Land für eine funktionierende Post-Wachstums-Gesellschaft. Es lieferte die Grundlage für eine UNO-Resolution, die von 67 Staaten unterschrieben wurde. 2013 hat Bhutan auf Bitten der UNO ein Papier vorgelegt: «Das Glück – ein neues Entwicklungsleitbild». Es wurde unter Mitarbeit von 60 internationalen Experten abgefasst, darunter William Rees aus Kanada, der Erfinder des ökologischen Fussabdrucks.

«  Wir kaufen und konsumieren mehr, als uns zusteht, auf Kosten ungeborener Generationen. »

Jigmi Thinley
Ehemaliger Ministerpräsident Bhutans

«Ein kleines Land hat erkannt, dass das BIP nicht mit menschlichen Wohlbefinden gleichzusetzen ist», erklärt Rees im Film. «Und dass wir, wenn wir die Menschen glücklich machen wollen, auf Dinge wert legen müssen, die nicht notwendigerweise auf der Optimierung der Kauflust beruhen.»

Das Konsumverhalten hat auch Jigmi Thinley an einem UNO-Treffen von 2008 heftig kritisiert. «Es ist ziemlich einfach festzustellen, dass die jüngsten Krisen durch die unbändige Konsumlust ausgelöst werden in einer Welt, deren Ressourcen begrenzt sind. Unser Leben dreht sich nur um die Angst, nicht genug zu haben, mehr zu wollen, mehr als der Nachbar und der Freund. Wir kaufen und konsumieren mehr, als uns zusteht, auf Kosten ungeborener Generationen, und schlittern damit unausweichlich in neue Krisen.» Leider sehe die Lösung derzeit so aus, als dass die Probleme auf die nächsten Generationen abgeschoben würden. Und diese könnten nicht einmal widersprechen.

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