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Initiative Grüne Wirtschaft Ökologischer Fussabdruck: heikler Massstab für grüne Wirtschaft

Die Initiative «Für eine Grüne Wirtschaft» verlangt, dass die Schweiz ihren ökologischen Fussabdruck verkleinert. Das Land soll nur noch so viele Ressourcen verbrauchen, wie ihm im weltweiten Durchschnitt zustehen. Klingt einleuchtend, doch als Indikator ist der ökologische Fussabdruck umstritten.

Ein hoher Turm von Schrottautos vor blauem Himmel.
Legende: Die Initiative, über die wir im September abstimmen, verlangt, dass wir weniger Rohstoffe verschwenden. Keystone

Die Schweiz ist darauf angewiesen, dass sie Rohstoffe importieren kann. Ohne Erdöl aus dem Ausland hätten wir kein Benzin und im Winter kein Heizöl. Und ohne den Import von Nahrungsmitteln hätten wir zu wenig zu essen. Klar ist: Ohne diese Importe könnten wir unseren Lebensstil nicht aufrechterhalten.

Umgekehrt exportieren wir – neben vielen Gütern – auch Abfälle und Abgase: Vor allem CO2, welches durch den Wind einfach weggeblasen wird. All dies verbraucht Landfläche im Ausland, sei es als Ackerland fürs Essen, oder auch als grosse Waldflächen, um das CO2 wieder aus der Luft zu fischen.

Schweizer Verbrauch ist dreimal zu hoch

Wie gross diese Flächen sind, lasse sich berechnen, sagt Mathis Wackernagel. Der ETH-Ingenieur ist der Miterfinder des sogenannten ökologischen Fussabdrucks. «Unsere Schätzungen zeigen, dass es drei Planeten bräuchte, wenn alle so lebten wie die Schweizer.»

Der Flächenbedarf der Schweizer Bevölkerung ist also massiv zu gross. Die Erde breche deshalb zwar nicht gleich zusammen. Obwohl die Menschheit als Ganzes weltweit gesehen seit Anfang der 1970er Jahre auf zu grossem Fuss lebt. «Die Schäden bauen sich langsam auf», erklärt Wackernagel. Zum Beispiel werden das Süsswasser knapper auf der Erde und das CO2 baut sich in der Atmosphäre auf. «Doch die Atmosphäre ist gross. Es baut sich relativ langsam, aber stetig auf.»

Bestechend einfaches Konzept, aber ungenau

Neben den langsamen und teilweise schwer vorhersagbaren ökologischen Problemen sieht Wackernagel aber auch ganz praktische, wirtschaftliche Schwierigkeiten: «Die Einkommen nehmen weltweit zu, schneller als in der Schweiz. Das heisst, der Wettbewerb um Ressourcen wird stärker. Langfristig gesehen wird es für die Schweiz schwieriger werden, die Ressourcen zu kaufen.»

Der Ingenieur hat das Konzept des ökologischen Fussabdrucks in den frühen 1990er Jahren im Rahmen seiner Doktorarbeit entwickelt. Die grosse Stärke des Fussabdrucks ist seine Einfachheit: Es leuchtet rasch ein, dass wir zu viel Fläche der Erde in Anspruch nehmen. Die Berechnungen dahinter sind allerdings komplex und beruhen auf zahlreichen Daten, die mit gewissen Unsicherheiten behaftet sind.

Das Endresultat, also der Flächenverbrauch, kann deshalb auch nicht präzise berechnet werden. Das weiss auch Wackernagel: «Wir werden kritisiert, dass unsere Zahlen falsch sind, aber meist, weil sie zu klein sind. Das sind alles UNO-Daten, die wir zusammenrechnen können.»

Streit um Messbarkeit der Ziele ist absehbar

Die Ungenauigkeit der Daten könnte dann zu einem Problem werden, wenn es in einigen Jahren darum gehen wird, ob das Ziel der Initiative erreicht wurde oder nicht. Der Streit ist programmiert, wenn im Jahr 2050, so wie es die Initiative fordert, unser ökologischer Fussabdruck der Erde angepasst sein soll, also auf eine reduziert.

Gemäss Wackernagels Berechnungen, die inzwischen auch der Bund anwendet, hiesse das insbesondere, dass der CO2-Ausstoss drastisch reduziert werden müsste. Denn dieser macht fast Dreiviertel des gesamten Fussabdrucks aus.

Experten wie Lucas Bretschger von der ETH Zürich kritisieren aber auch, dass mit dem Fussabdruck zu viel über einen Kamm geschert werde. Man könne nicht die ganze Umweltpolitik auf eine Zahl, auf den Flächenverbrauch reduzieren. Der Professor für Ressourcen-Ökonomie plädiert denn auch dafür, die Teilbereiche einzeln anzuschauen, etwa Klimapolitik, Biodiversität, Abfälle, Landverbrauch.

Teilbereiche besser separat anschauen

«All diese Dinge sollten von der Politik und der Wirtschaft zusammen in der Partnerschaft bewältigt werden», so Bretschger. «Aber ich glaube nicht, dass man die Dinge so zusammen sehen kann, dass man eine Zahl daraus ableiten kann.» Das Problem sei, dass am Schluss lediglich ein Durchschnitt angeschaut werde.

«Der Flussabdruck bezieht sich auf verschiedene Bereiche der Natur», erklärt der Experte. «Er erklärt uns, dass wenn wir im Schnitt verträglich sind mit der Umwelt, alles in Ordnung ist. Es könnte aber auch sein, dass wir in einem Bereich unterdurchschnittlich gut sind, einen kritischen Schwellenwert der Natur unterschreiten und dann die gesamten ökologischen Funktionen in Frage stellen.»

Politik braucht einfache Kennzahlen

Konkret: Klappt es nicht mit dem Klimaschutz, oder geht uns zum Beispiel das Wasser aus, so nützt uns auch eine nachhaltige Landwirtschaft nicht mehr viel. Bretschger gibt aber zu bedenken, dass die Politik oft aufgrund einfacher Kennzahlen entscheiden muss. Und nicht nur der ökologische Fussabdruck habe hier ein Defizit, sondern viele andere Zahlen auch. «Wir müssen fair sein, auch andere Indikatoren sind fehlerhaft.» Als Beispiel nennt er das Bruttoinlandprodukt.

«Wir müssen einerseits sehen, dass der Indikator fehlerhaft ist, aber andererseits auch, dass die gesamte Fragestellung doch eine sehr wichtige ist.» Und in diesem Punkt sind sich eigentlich auch alle einig: Es muss etwas getan werden.

Der ökologische Fussabdruck

Wackernagel
Legende: Keystone

Mit der vom Basler Mathis Wackernagel und Kanadier William Rees entwickelten Methode wird der Lebensstil eines Menschen oder eines Landes analysiert und danach berechnet, wie viel Fläche es bräuchte, um die Ressourcen, die in einem Jahr dafür verbraucht wurden, wieder herzustellen.

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Alex Bauert (A. Bauert)
    Die Bürgerlichen möchten noch 50 Jahre über die Genauigkeit der Zahlen diskutieren. Wir konsumieren hier in der Schweiz nicht nur die Energie, die hier anfällt, sondern auch noch die, die in den Produkten steckt, die importiert werden. Die Zahlen sind also in mehrfacher Hinsicht eher beschönigt als zu hoch. Trotzdem noch diskutieren bis es zu spät ist?
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  • Kommentar von Hans-Georg Kessler (Hans-Georg Kessler)
    Jetzt können wir noch wählen, wie wir unsere Wirtschaft und unser Leben so gestalten wollen, dass es auch mit weniger importierten Rohstoffen und Energieträgern lebbar ist. Irgendwann - vielleicht schneller als uns lieb ist - bleibt uns, resp. unseren Nachkommen, nichts anderes übrig. Ich wünschte uns Schweizern einfach mehr Mut für einen selbstbestimmten ökologischen Richtungswechsel. In Norwegen diskutiert die Regierung (!) über ein Verbot von Benzin- und Dieselfahrzeugen ab 2025. Und hier?
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    1. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Stimmt und das Bisschen was in der Schweiz in erneuerbare Energien investiert wird, wird über die Stromrechnung finanziert anstatt über die Brenn- und Treibstoffrechnung. Es wird nicht einmal an dieser Stelle ein sinnvoller Anreiz für die zwangsläufig notwendige Elektrifizierung der Wirtschaft geschaffen.
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    2. Antwort von F. Rudin (F. Rudin)
      @H. K: Danke, dies ist ein konkreter Vorschlag in einem überschaubaren Zeitrahmen über den man argumentieren kann. Leider sieht die GWI kein Kostendach bzw. Finanzierung vor, man geht davon aus, dass man beliebig Geld für entsprechende Forschung ausgeben kann (ohne Garantie auf Erfolg). Die GWI lässt auch keine Risikoabschätzung zu da nirgends konkret. @N.S: Auch ihr Vorschlag ist konkret und hätte mehr Chancen als die GWI, da konkret Nutzen/Risiko abgeschätzt werden kann.
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  • Kommentar von N. Schmid (Schmid)
    Herr Rudin - weil Sie die Grünen auf der Latte haben, wollen Sie die massive und teure Abhängigkeit der Schweiz von importierten Energieträgern bzw. kriegstreibenden Ölscheichen beibehalten und die Schaffung von nachhaltigen Schweizer Arbeitsplätzen verhindern? Das ist doch absurd, zumal Ölscheiche ohnehin nicht ewig fossile Brennstoffe liefern können werden, selbst wenn Sie zukünftig sämtliche Schweizer Kirchen durch Moscheen ersetzen, um sie zufriedenzustellen.
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    1. Antwort von F. Rudin (F. Rudin)
      @N. S: Zu einer guten Diskussionskultur gehört, dass man dort antwortet, wo die Antwort hingehört (irgendwo weit unten versteckt); es geht nicht um Likes und gesehen werden. Hier die Antwort: Die Grünen möchten sich wieder extrem Grün zeigen, werden aber eine Schlappe einfahren, da sie keine Lösung anbieten und sich nicht über die Kosten getrauen zu sprechen. Also eine dumme Rechtefertigungsinitiative: Wir sind doch grüner als grün. Dumm nur, dass einige Leute die hoffnungslose Heuchelei durchsc
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    2. Antwort von F. Rudin (F. Rudin)
      ... durchschauen. Und die Antwort ist Nein ich möchte nicht vom Ausland abhängig sein. Aber dazu muss die Anzahl Einwohner von 8 auf 5 Mio. gesenkt werden. In allen anderen Fällen bleiben wir abhängig! Diese Forderung als Initiative ist ebenfalls unrealistisch, aber Ecopop war auf dem richtigen Weg und m. E. verkraftbar. Überhaupt sollten die Politiker weltweit als oberstes Ziel haben die Zunahme der Erdbevölkerung zu senken. Sonst ist Krieg unumgänglich
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    3. Antwort von Walter Starnberger (Walter Starnberger)
      Herr Schmid, soweit ich das verstanden habe will linksgrün vor allem die AKW's durch erneuerbare Energien ersetzen. Bei gleichzeitig wachsender Bevölkerung. Abgesehen von Sparmassnahmen wird es noch Jahrzehnte dauern, bis wir anfangen können fossile Brennstoffe zu ersetzen. Alle anderen Behauptungen kommen aus theoretischen Rechenspielen, die für demagogische Zwecke missbraucht werden und in der Realität keinen Bestand haben.
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    4. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Herr Rudin. Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wir können aber gerne auch über Kosten sprechen: Die Schweiz hat z.B. 2013 33 Mrd Franken für Energie ausgegeben (welche zu über 80% importiert wurde) und demgegenüber nur 0.2 Mrd Franken für heimische, saubere, erneuerbare Energien mit Schweizer Arbeitsplätzen. Da klatscht sich doch der Ölscheich vor Freude glatt in die Hände ab den Schweizern, welche sich freiwillig ins eigene Knie schiessen. Finden Sie das auch so toll?
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    5. Antwort von F. Rudin (F. Rudin)
      @N. S: Die Initiative kann keine Kosten für die Umsetzung angeben, da sie keinen Lösungsansatz enthält. In Ihrem Beispiel-Fall wäre zum Beispiel mittels Einfuhrzöllen eine Regelung denkbar. Hier könnte man dann die Mehrkosten abschätzen, und jeder Haushalt und jede Firma könnte dann Ja oder Nein sagen, je nachdem, wieviel ihm die Umwelt wert ist, bzw. ob ihm das Budget die Mehrkosten erlaubt. Sollte eine andere Lösung keine Mehrkosten verursachen, so kann man sie einfach umsetzen ohne Abstimmung
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    6. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Während der erneuerbare Energieanteil in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten eher gesunken als gestiegen ist, hat er sich in Deutschland verfünffacht und das ganz ohne Einfuhrzölle. Deutschland zahlt jedes Jahr über 10 Mrd € weniger für Energieträgerimporte, hat hunderttausende neue Arbeitsplätze geschaffen, ist im Gegensatz zu Frankreich Exportweltmeister, welches im Übrigen eine Rekordarbeitslosigkeit aufweist.
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    7. Antwort von N. Schmid (Schmid)
      Herrn Starnberger. Im Initiativtext werden tatsächlich keine AKW erwähnt, sondern das der Ressourcenverbrauch allgemein reduziert werden soll. Z.B. können alte Ölbrenner durch Wärmepumpen ersetzt werden und das Heizölgeld fliesst an die Schweizer und Europäische Wirtschaft anstatt an Kriegstreiber. Langfristig gibt's ohnehin keine Alternative. Denn selbst wenn Sie sämtliche Kirchen durch Moscheen ersetzen, werden sie nichts daran ändern können, dass Ölscheiche nicht ewig liefern können werden.
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    8. Antwort von F. Rudin (F. Rudin)
      @N.S: Ich beziehe teureren Ökostrom. Ergo ist er teurer. In D werden Fördergelder via Steuern gebraucht um diese Differenz auszugleichen. Die Streitfrage dürfte sein wer bekommt Geld für was? Das kann nur an konkreten Projekten beurteilt werden. Die GWI hat aber keinen konkreten Lösungsansatz. Oder anders rum: Wie gross ist wohl das Geschrei der Linken/Grünen wenn das Kulturprojekt „Hafenkran“ (Kosten 600'000.00 für die Steuerzahler) abgelehnt würde wegen unnötiger Fussabdruck-Vergrösserung?
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