Embryonen-Tests: Ausgang der Abstimmung ist offen

Sollen Embryos auf Krankheiten untersucht werden, bevor sie einer Frau eingesetzt werden? Diese Frage spaltet die Stimmbürger. In der ersten SRG-Umfrage ist eine leichte Mehrheit von 44 Prozent gegen die Vorlage, 40 Prozent sind dafür.

Heute ist es verboten, einen künstlich gezeugten Embryo im Labor auf Krankheiten zu untersuchen. Ist der Embryo einer Frau hingegen bereits eingepflanzt, sind entsprechende Tests möglich. Die Vorlage zur Präimplantationsdiagnostik (PID) will das ändern. Sie sieht vor, dass in Zukunft auch Embryos auf Krankheiten untersucht werden – bei einem negativen Resultat entscheiden die Eltern, was sie tun wollen.

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Eckwerte der SRG-Umfrage

Die Umfrage wurde im Auftrag der SRG SSR vom Forschungsinstitut gfs.bern zwischen dem 27. April und dem 2. Mai 2015 durchgeführt. Befragt wurden 1212 Personen. Mehr

Doch wie die erste SRG-Umfrage zeigt, ist ein Ja zur Vorlage alles andere als sicher. Wäre bereits Ende April über die PID abgestimmt worden, so wäre die Verfassungsänderung abgelehnt worden: 44 Prozent der Befragten sprachen sich gegen oder eher gegen die Vorlage aus; 40 Prozent dafür oder eher dafür.

Gleichzeitig hatten 16 Prozent der Umfrageteilnehmer keine Meinung zum Thema. Und auch von den Befragten waren sich insgesamt nur 46 Prozent sicher, dass sie Ja oder Nein stimmen würden. Das deutet darauf hin, dass sich viele Stimmbürger noch keine abschliessende Meinung zum Thema gemacht haben. «Der Ausgang der Abstimmung ist völlig offen», sagt denn auch Politikwissenschaftlerin Martina Imfeld vom Forschungsinstitut gfs.bern, das die Umfrage durchgeführt hat. Für eine Behördenvorlage sei die Zustimmung aber eher tief.

Traditionell gegen modern

Politisch gesehen, verläuft die Bruchlinie zwischen Wählern mit traditionellen und solchen mit modernen Werten. Das zeigt sich einerseits am Stadt-Land-Graben – auf dem Land sind die Befragten zu 56 Prozent gegen die Vorlage, in der Stadt zu 49 Prozent dafür – aber auch bei der Stimmabsicht nach Parteien.

So wollen die meisten SVP- und CVP-Wähler ein Nein einlegen, während Anhänger der Grünen, SP und FDP zu einem Ja tendieren. Bei jenen, die keiner Partei nahe stehen, spricht sich rund die Hälfte für, die andere Hälfte gegen die Verfassungsänderung aus.

Martina Imfeld über ein Paradox im Abstimmungskampf

0:54 min, vom 8.5.2015

Kampagne ist entscheidend

Gerade weil die Meinungen noch nicht gemacht sind, kommt dem Abstimmungskampf eine wichtige Rolle zu. «Die Kampagne ist der Hebel, der entscheidet, auf welche Seite die Abstimmung kippt», sagt Imfeld. Bislang seien vor allem die Gegner der Vorlage zu hören gewesen. Die Politikwissenschaftlerin erwartet, dass im Laufe der nächsten Wochen die Befürworter stärker auftreten werden.

Ein entscheidender Faktor für die Abstimmung vom 14. Juni wird die Mobilisierung derjenigen Bürger sein, die den Behörden misstrauen. Im Normalfall verteilen sich die Unentschiedenen bei einer Behördenvorlage auf beide Seiten, sagt gfs.bern-Leiter Claude Longchamp. «Alle paar Jahre kommt es aber zu einer Protestabstimmung, bei der die Bürger gegen die Regierung stimmen.» Falls die Protestwähler in grossen Zahlen an die Urne strömten, sei also ein Nein zur Vorlage durchaus möglich.

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Stimmabsicht

Gemäss der Trendumfrage Ende April würden 43 Prozent der Stimmberechtigten am 14. Juni abstimmen; ein mittlerer Wert. Trotz vier Abstimmungsvorlagen kann bislang nicht von einer besonders starken Mobilisierung gesprochen werden.

Ganz unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht. Wie die Umfrage zeigt, mobilisiert die Vorlage vor allem diejenigen Bürger, die dem Staat misstrauen. Von ihnen gaben 52 Prozent an, dass sie «bestimmt» abstimmen werden. Unter denjenigen Bürgern, die den Behörden Vertrauen schenken, gehen lediglich 38 Prozent mit Sicherheit an die Urne.

Aus dem Bauch heraus

Doch entschieden ist noch nichts. Denn obwohl zum jetzigen Zeitpunkt eine knappe Mehrheit der Befragten die Vorlage ablehnen würde, überzeugen gleichzeitig die Argumente der Befürworter eher als die der Gegner.

So sind die meisten Befragten – auch die Gegner der Vorlage – einverstanden mit der Aussage, dass es mehr Sinn mache, bereits eine Eizelle auf Krankheiten zu untersuchen, statt später eine Abtreibung vorzunehmen. Auch der Aussage, dass die Schweiz die Präimplantationsdiagnostik erlauben solle, damit betroffene Paare nicht zur Behandlung ins Ausland müssen, stimmen die Befragten deutlich zu.

Dazu kommt, dass bei vergleichbaren Abstimmungen, beispielsweise zur Stammzellenforschung (2004) oder zum Schwangerschaftsabbruch (2002) ebenfalls ein Ja resultierte.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Alles offen bei der Präimplantations-Diagnostik

    Aus Tagesschau vom 8.5.2015

    Sollen genetische Untersuchungen an künstlich erzeugten Embryonen möglich sein, bevor diese in die Gebärmutter eingesetzt werden? Die Abstimmung über die Verfassungsänderung zur Fortpflanzungsmedizin verspricht gemäss SRG-Trendbarometer viel Spannung.

  • Volksinitiative für Präimplantationsdiagnostik

    Aus Tagesschau vom 23.3.2015

    Das Parlament will die genetische Untersuchung von künstlich gezeugten, menschlichen Embryonen zulassen. Einem entsprechenden Verfassungsartikel hat das Parlament bereits zugestimmt. Im Juni soll das Volk über die Vorlage entscheiden.

  • Präimplantationsdiagnostik – was erlaubt der Ständerat?

    Aus Echo der Zeit vom 8.9.2014

    Künstlich erzeugte Embryos sollen auf bestimmte Krankheiten untersucht werden dürfen, bevor sie der Mutter eingepflanzt werden. Der Nationarat fordert, dass zu diesen Krankheiten auch Trisomie21 gehören soll. Der Ständerat war bisher dagegen, beugt sich nun aber nochmals über das Geschäft.

    Elisabeth Pestalozzi