Zum Inhalt springen
Inhalt

Absurde Praxis Geburtsfolgen für Mütter gelten bei Krankenkassen als Krankheit

Komplikationen bei Frauen werden bis acht Wochen nach Geburt bezahlt. Dann entfällt die Befreiung der Kostenbeteiligung.

Legende: Audio Absurde Praxis: Geburtsfolgen für Mütter gelten als Krankheit abspielen. Laufzeit 06:24 Minuten.
06:24 min, aus Espresso vom 11.09.2018.

Die junge Mutter hatte nach der Geburt des zweiten Kindes Probleme mit der Gebärmutter. Es stellte sich heraus, dass sich noch Plazentareste darin befinden. Ihr Gynäkologe riet ihr erst einmal zu einer Behandlung mit Medikamenten. Diese lösen Wehen aus und durch die Kontraktionen werden die Plazentareste möglicherweise herausgelöst.

Nach der ersten Monatsblutung wieder Termin beim Frauenarzt: Leider befand sich noch immer ein Rest Plazenta in der Gebärmutter. Nun stellte sich die Frage: Eingriff unter Narkose im Spital oder noch einmal ein Zyklus abwarten?

In Übereinstimmung mit dem Arzt wollte ich der Natur noch eine Chance geben.
Autor: Patientin

Im Gespräch mit dem Frauenarzt wägte die junge Mutter ab: Eine Auskratzung der Gebärmutter unter Narkose oder noch einmal darauf hoffen, dass die Menstruation zum Erfolg führt und die Plazentareste herausspült? «Ich habe mich dafür entschieden, noch einmal abzuwarten, eine Narkose ist schliesslich nicht ohne», berichtete die junge Frau. Weitere vier Wochen später dann die enttäuschende Feststellung: Die Natur schafft es offenbar nicht ohne Hilfe, der Eingriff wurde nötig, denn diese Plazentareste bergen die Gefahr einer Infektion.

Grosse Überraschung bei der Rechnung

Die Frau erschrak kurz später, als sie die Rechnung für den Eingriff im Spital erhalten hatte. Die Behandlung kostete rund 2500 Franken, davon hätte sie mit ihrer hohen Franchise 1500 Franken selber zu berappen, hiess es. Sie konnte es kaum glauben: Schliesslich war das Ganze eine Folge der Geburt und für diesen Fall war sie doch von der Kostenbeteiligung befreit?

Ihre Krankenkasse, die Visana beschied ihr, dass dies nur bis und mit achte Woche nach der Geburt gelte und die Kosten somit für die Behandlung einer neuen Krankheit stehen würden. «Was soll das denn?», fragte sich die junge Mutter. «Schliesslich sind diese Plazentareste eindeutig die Folge der Geburt.» Hätte sie das gewusst, hätte sie den Eingriff wahrscheinlich noch in der Frist machen lassen.

Visana verweist auf KVG und an den Frauenarzt

Auch das Konsumentenmagazin «Espresso» von Radio SRF 1 fragt bei Visana nach. Schliesslich ist ja unbestritten, dass der Eingriff als Folge der Geburt nötig wurde.

Im Krankversicherungsgesetz steht, dass Mütter nur bis und mit achter Woche nach Geburt von den Gesundheitskosten befreit sind. Wenn ihre Schwangerschaft in den ersten drei Monaten ohne Komplikation verläuft, gilt diese Befreiung der Kostenbeteiligung ebenfalls.Anders bei einer Fehlgeburt in den ersten 12 Wochen: In einem solchen Fall müssen sich die Frauen an den Kosten beteiligen und die Fehlgeburt wird als Krankheit verrechnet.

Ob die Frauen dies alles auch wissen, ist eine andere Frage.

Wir geben den Versicherten keine explizite Info über die Kostenbeteiligung. Die Ärzte sind dazu verpflichtet, ihre Patienten über die Kostenübernahmen zu informieren.
Autor: Krankenkasse Visana

Wir fragen konkret nach, wie die Krankenkasse die werdenden Mütter informiert. Daraufhin schreibt uns Visana: «Wir machen die Versicherten auf das KVG aufmerksam, geben den Versicherten aber keine explizite Info über die Kostenbeteiligung, weder bei Mutterschaft noch bei anderen Erkrankungen.» Und im Übrigen seien die Ärzte dazu verpflichtet, ihre Patienten über die Kostenübernahmen zu informieren.

Frauenärzte sehen Kassen in der Pflicht und wollen aktiver informieren

Der Gynäkologe der betroffenen Frau, Dr. Thomas Paly, erklärt im Konsumentenmagazin «Espresso», dass ihm die Kostenfolge für die Patientin nicht bewusst war, als er ihr zur medikamentösen Behandlung riet: «Ich würde ihr wieder dieselbe Behandlung empfehlen, weil diese aus medizinischer Sicht korrekt war. Nur wegen dem Geld würde ich keine andere Therapie empfehlen.»

Krankenkassen sollten die Frauen auf diese besonderen Fristen aufmerksam machen.
Autor: Thomas EggimannSchweiz. Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

Genauso sieht es auch die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe SGGG. Und ihr Generalsekretär Thomas Eggimann sieht auch die Krankenkassen in der Verantwortung: «Ich bin der Meinung, dass Krankenkassen die Frauen auf diese besonderen Fristen aufmerksam machen sollten. Wir werden dazu nächstens auf unserer Internetseite für die Fachkreise aufs Thema aufmerksam machen.»

«Espresso» weiss, nicht alle Krankenkassen handhaben es so wie die Visana. Viele Kassen informieren werdende Mütter mit einem Merkblatt über die Besonderheiten während Schwangerschaft und Geburt.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beatrice Fiechter (thea)
    Die Versicherung sollte dankbar sein.So hat Arzt u.Patientin erst alle Möglichkeiten,die gesundheitlich sinnvoll u.sicher günstiger waren, vorher ausgeschöpft,bevor ein teurer Eingriff erfolgte.Das nenne ich verantwortungsbewusst. Es ist unverständlich von der Versicherung, einer laufenden Behandlung keine Unterstützung mehr zu gewähren. Wäre interessant zu erfahren, ob die Versicherung juristisch damit vor Gericht durchkommen würde.Mütter sollten vom Staat noch mehr geschützt werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Aurel Specker (Auspec)
    Also wenn es heisst "nach 3 Monaten ohne Komplikationen" ist die Sache sowieso erledigt. Schliesslich war die Komplikation bereits innerhalb der 3 Monate bekannt, lediglich die Behandlung dauerte länger. Deshalb müsste die Argumentation der KK hinfällig sein...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Yvette Nick (Lebenstreuhand)
    Die Kostendeckung im Fall einer Schwangerschaft ist in vielen Bereichen suspekt. So wird zum Beispiel der Abbruch und die Austragung einer unerwünschten Schwangerschaft von der Kasse bezahlt, die Verhütung derselben aber nicht. Auch bei den Gesundheitsleistungen der Schwangerschaft könnte man z.B. nur Selbstbehalt und Minimalfranchise verrechnen statt gar nichts.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen