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«Wir kämpfen um jede Person.»
Aus Regionaljournal Bern Freiburg Wallis vom 10.09.2021.
abspielen. Laufzeit 09:33 Minuten.
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Abwanderung im Bergdorf Wie Guttannen mit voller Kraft gegen das Aussterben kämpft

Guttannen im Berner Oberland sucht krampfhaft junge Bürgerinnen und Bürger – eine Familie ist bereits zugezogen.

Im Berner Oberland, kurz vor dem Grimselpass, liegt Guttannen. 270 Menschen leben hier am gefühlten Ende der Welt. Seit Jahren ziehen die Menschen weg. Zurück bleiben vor allem die Älteren – das Dorf droht auszusterben.

Die abgelegene Lage ist nicht das einzige Problem von Guttannen, sondern auch die Überalterung. Jede dritte Person in Guttannen ist älter als 65 Jahre. «Die Generation von 30 bis 45 fehlt uns praktisch komplett», sagt Gemeindepräsident Werner Schläppi. Es brauche unbedingt Familien, um das Weiterbestehen des Dorfes zu sichern.

Die Schulschliessung war ein Weckruf

Vor zwei Jahren hat der Kanton Bern die Schule in Guttannen geschlossen – es hatte schlicht zu wenig Kinder. Die Gemeinde wurde aktiv und fand mit der NMS Bern eine Privatschule, welche in die Bresche sprang. Der Schulbetrieb ist bis nächstes Jahr gesichert. Danach bräuchte es aber mehr Schülerinnen und Schüler.

Deshalb will Guttannen nun junge Familien mit günstigem Wohnraum anlocken. Zu diesem Zweck kaufte die Gemeinde vier Chalet ähnliche Doppelhäuser. Sie gehörten der Kraftwerke Oberhasli AG. Kaufpreis: Zwei Millionen Franken. Guttannen musste sich verschulden.

Das Risiko hat sich bereits gelohnt. Vor zwei Monaten ist eine siebenköpfige Familie in eines der Häuser gezogen. Sieben Personen auf einmal – das ist in Guttannen in den letzten Jahrzehnten nicht mehr passiert.

Die zugezogene Familie Weber kam dank eines Facebook-Inserats der Gemeinde auf die Idee, sich Guttannen anzuschauen. Das Dorf habe sie sofort begeistert, sagt Rita Weber: «Es hat irgendwie etwas Magisches hier oben. Es gibt eine angenehme Ruhe. Wir fühlen uns sehr wohl.» Auch die Schule mit ihren Projekten habe sie beeindruckt.

Es hat irgendwie etwas Magisches hier oben.
Autor: Rita Weber Neuzuzügerin

Neben dem günstigen Wohnraum will Guttannen mit verschiedenen Projekten auf sich aufmerksam machen. Vor einigen Tagen wurde zum Beispiel der Themenpfad «Das Wetter und Wir» eröffnet. Guttannerinnen und Guttanner erzählen in Hörbeiträgen über ihre Erfahrungen mit Naturgewalten. Man will den Besucherinnen und Besuchern etwas bieten und bei ihnen Emotionen für das Dorf wecken.

Werbung von US-Youtuber

Mitten im Dorf steht ausserdem seit einem Jahr ein einzigartiges Mikrohotel. Die Ecocapsule. Auf kleinstem Raum können die Gäste hier schlafen, kochen und duschen. 80'000 Franken hat das Mikrohotel gekostet. Der Verein dahinter wurde von der Gemeinde mit einem Darlehen unterstützt.

Die Ecocapsule ist europaweit einzigartig und lockt Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt an. Der amerikanische Youtuber Bobby Briskey besuchte die Kapsel in Guttannen und veröffentlichte vor gut zwei Wochen ein Video davon. Darin gibt er seinen über zwei Millionen Abonnenten einen Einblick in das winzige Hotel.

Grosse Bühne für kleines Dorf
Legende: Grosse Bühne für kleines Dorf Millionen Klicks für die Kapsel in Guttannen. Youtube

Wenn schon nur eine Person wegen dieses Videos nach Guttannen ziehe, wäre das ein Erfolg, sagt der Mitinitiator der Wohnkapsel Urs Zuberbühler. Er selber ist vor Jahren hergezogen. «Die Leute sollen hier eine gute Zeit verbringen, mit den Leuten reden und merken, dass hier nicht das Ende der Welt ist.»

Die Leute sollen merken, dass hier nicht das Ende der Welt ist.
Autor: Urs Zuberbühler Mitinitiator der Ecocapsule

Es brauche alle diese Massnahmen. Die Schule, der Wohnraum, das Mikrohotel und auch das Youtube-Video. «Wir müssen um jede Person kämpfen», sagt Gemeindepräsident Werner Schläppi. Sein Ziel: In vier Jahren sollen in Guttannen 300 Personen leben – 30 mehr als heute.

SRF 1, Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 09.09.2021, 17:30 Uhr;

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Es gibt immer noch einen Rest Hoffnung, dass die Bewohner von Mitholz bleiben können (besseres Verfahren zur Sanierung der Munition wird diskutiert). Sollte das nicht gelingen, wäre dann Guttannen eventuell ein Ort wo es Platz gibt für diese Menschen?
  • Kommentar von Pa Graf  (pagraf)
    Ein schöner Ort. Wenn nur der ganze Töfflärm nicht wäre...
  • Kommentar von Alex Schneider  (Alex Schneider)
    Muss jedes Bergtal optimal erschlossen und entwickelt werden?

    Bei den hohen Subventionen, welche die Bergkantone beziehen, darf man schon fragen, ob wirklich jedes Bergtal optimal erschlossen und entwickelt werden soll. Die Bergkantone sollten sich einmal konzeptionell Gedanken machen, welche Täler über eine geordnete Abwanderung „passiv saniert“ werden könnten.
    1. Antwort von harald keller  (pragmatiker)
      Das denk ich auch immer. Ist es so schlimm, wenn Guttannen (stellvertretend für andere Bergdörfer) "stirbt". Man kann nicht gegen die Zersiedelung, Verbetonierung jammern und nachher Orte, an denen es "aufhört", die niemand mehr besiedeln will, die Abseits von irgendwas liegen künstlich "aufrüsten" und am Leben erhalten.
    2. Antwort von Mark R. Koller  (Mareko)
      An A. Schneider: Meinen Sie mit Ihrem Kommentar, Lebensqualität gibt es vorallem in der Stadt bzw. in der Agglomeration? Es werden voraussichtlich einige Bergdörfer durch die Klimaveränderung aus Sicherheitsgründen aufgegeben werden müssen, doch dort wo dies nicht der Fall ist, finde ich, sollten wir uns vielmehr freuen, dass auch etwas entlegene Dörfer sich für ihre Zukunft engagieren. Eine glückliche Kindheit auf dem Land ist einfach unvergleichlich mit einer in der Enge in den Zentren.
    3. Antwort von harald keller  (pragmatiker)
      Herr Koller: Bin im engen Zentrum aufgewachsen und sehr glücklich, erinnere mich echt gerne an die Kindheit. Kann mir aber gut vorstellen, dass man auch auf dem Land glücklich wird - sie offenbar nicht... vielleicht ist das ein Unterschied, dass ein Stadtkind eben vielfältiger denkt?
    4. Antwort von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
      Herr Schneider, "Muss jedes Bergtal optimal erschlossen und entwickelt werden?" Was meinen Sie damit? Guttannen ist erschlossen/entwickelt, es liegt an einer Passstrasse. In dem Dorf leben Menschen, wollen Sie diese Umsiedeln und die Häuser verrotten lassen? Es gibt auch im Unterland Ortschaften, die nicht grösser sind. In denen um die Schule gekämpft wurde/wird, ja nicht mal mehr einen Dorfladen mit Postagentur oder Restaurant haben. Da kam auch niemand auf die Idee das Dorf passiv zu sanieren.