Loses Geröll, kaum Schnee, Temperaturen über dem Gefrierpunkt: Die Hitze der vergangenen Wochen hinterlässt in den Bergen deutliche Spuren. «Die Ausaperung ist schon sehr weit fortgeschritten. Dadurch werden viele Hochtouren risikoreicher und technisch anspruchsvoller», so Rita Christen, Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands SBV. Mit Ausaperung meint sie das vollständige Abschmelzen einer Schnee- oder Eisdecke, wobei der Boden darunter zum Vorschein kommt.
Ein Beispiel: das Matterhorn. Der 4478 hohe Berg ist derzeit fast komplett schnee- und eisfrei. Was für Laien nach idealen Kletterbedingungen klingen mag, bereitet Fachleuten vor Ort Sorgen. Die hohen Temperaturen verschärfen die Steinschlaggefahr am Matterhorn.
Hitze verändert die Bedingungen am Berg
Normalerweise binden Schnee und Eis die losen Steine im oberen Bereich des Berges. Fällt dieser natürliche Halt weg, liegen Fels und Geröll frei. Das grösste Problem sind laut Robert Andenmatten, Rettungsspezialist bei der Air Zermatt, aber nicht spontane Felsabbrüche, sondern das Verhalten vieler Berggängerinnen und -gänger.
«Viele beherrschen das Gehen am kurzen Seil nicht. Sie lassen die Seile über 20 Meter weit durch das Gelände schleifen und lösen so Steine aus.» Da am Matterhorn oft zahlreiche Seilschaften unterwegs sind, können einzelne Steine schnell zur tödlichen Gefahr werden.
Wir haben hier keine spontanen Felsabbrüche. Das sind handgemachte Steinschläge, und das macht mich teilweise wütend.
Deutlicher wird Hüttenwartin Edith Lehner am Fuss des Matterhorns: «Wir haben hier keine spontanen Felsabbrüche. Das sind handgemachte Steinschläge, und das macht mich teilweise wütend.» Immer mehr Menschen würden den ikonischen Berg nur für die Klicks in den sozialen Medien besteigen, ohne den nötigen Respekt vor der Natur mitzubringen. «Wir haben nicht mehr nur Alpinisten am Berg, sondern Touristen. Aber das Matterhorn ist kein Disneyland.»
Bergführer ziehen Notbremse
Angesichts der prekären Situation haben die Zermatter Bergführerinnen und Bergführer reagiert: Sie vermitteln vorübergehend keine Touren mehr an ihnen unbekannte Gäste. Die NZZ am Sonntag hat als Erste darüber berichtet. Martin Lehner, Hüttenwart der Hörnlihütte und Bergführer, erklärt: «Wir wollen das Aufkommen am Berg reduzieren, um Unfälle zu minimieren.»
Momentan wäre es für uns ideal, wenn nicht zu viele Leute am Berg sind.
Viele einheimische Bergführerinnen und Bergführer verzichten derzeit weitgehend auf Besteigungen des Matterhorns. Steigen sie dennoch auf, dann nur mit langjährigen Privatgästen. So seien sie schnell genug unterwegs, um den grössten Andrang im oberen Teil des Berges zu vermeiden.
Ruf nach einer Obergrenze
Um das Problem der Überlastung langfristig in den Griff zu bekommen und die Gefahr im Gipfelbereich zu entschärfen, bringt Lehner auch eine Begrenzung der Besteigungen ins Spiel: «Momentan wäre es für uns ideal, wenn nicht zu viele Leute am Berg sind.»
Sein Vorschlag: «Wenn man die Zahl auf etwa 30 Personen begrenzen könnte – idealerweise auf gute Alpinistinnen und Alpinisten, die das Gehen am kurzen Seil beherrschen – würde das die Gefahr reduzieren.» Den Berg behördlich zu sperren, lehnen Lehner und seine Berufskollegen aber ab: «Die Berge sind offen für alle.»
Die Warnungen scheinen bereits Wirkung zu zeigen. Mehrere Bergsteiger berichten von einer deutlich geringeren Frequenz am Matterhorn.