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Wie gut ist die Schweiz auf Katastrophen vorbereitet?
Aus Echo der Zeit vom 29.05.2020.
abspielen. Laufzeit 04:52 Minuten.
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Anlagen in schlechtem Zustand Unterirdische Bunker ohne grossen Nutzen

Die Schweiz hat 50'000 Spitalbetten in Zivilschutzanlagen. Doch sie könnten im Katastrophenfall kaum benutzt werden.

Neben Israel ist die Schweiz das einzige Land, das für Kriege oder Katastrophen über sogenannte geschützte sanitätsdienstliche Anlagen verfügt. 248 geschützte Sanitätsstellen und 94 unterirdische Spitäler gibt es im ganzen Land. Die Eidgenössische Finanzkontrolle hat diese unter der Leitung von Laurent Cremieux genauer angeschaut.

«Die meisten dieser Anlagen, vor allem die Spitäler, sind nicht einsatzbereit», stellt Cremieux fest. Gebaut wurden die Anlagen im Kalten Krieg. Die meisten sind denn auch veraltet und feucht. Oftmals funktionieren die Abwasserleitungen nicht. Einzelne Anlagen werden auch schlicht für andere Zwecke gebraucht, als Lager etwa.

Was tun mit den alten Anlagen?

Die Probleme seien eigentlich bekannt, sagt Cremieux. Allerdings hätten die Behörden nicht darauf reagiert. Die Politik habe es verpasst, eine Strategie zu entwickeln, wie diese Anlagen aus dem Kalten Krieg heute gebraucht werden könnten. «Es gibt keinen Plan, um im Katastrophenfall die Patienten dort zu pflegen.»

Karg eingerichteter Operationsraum in einem Bunker.
Legende: Die unterirdischen Notspitäler genügen den heutigen medizinischen Anforderungen nicht mehr. Keystone

Paradoxerweise schreibt das Gesetz auch heute noch vor, dass die Kantone gegen 50'000 Betten in solchen Anlagen zur Verfügung stellen müssen – obschon der Kalte Krieg vorbei ist. So überweist der Bund den Kantonen jedes Jahr mehrere Millionen für Infrastrukturen, die grösstenteils unbrauchbar sind. Dabei sollten sie im Katastrophenfall benutzt werden können.

Notspitäler im Pandemiefall?

Die Kritik richtet sich an das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (VBS). Dort sagt Vizedirektor Christoph Flury: «In den letzten Jahren hat sich die Frage gestellt, wie man diese Anlagen bei einem Massenanfall von Patienten nutzen könnte.» Diese Frage werde jetzt konkreter angegangen. Mit dabei sei auch das Gesundheitswesen.

Wie einem Begleitschreiben des VBS zum Bericht der Finanzkontrolle zu entnehmen ist, überlegt man sich dabei auch, ob die unterschiedlichen Anlagen in einer nächsten Pandemie von Nutzen sein könnten. «Diese Frage muss man klären», sagt Flury. Vor allem das Gesundheitswesen müsse sagen, ob das sinnvoll sei, oder ob es andere Varianten gebe.

Für moderne Behandlungen nicht zu gebrauchen

Michael Jordi ist ein Vertreter des Gesundheitswesens. Er vertritt als Generalsekretär der Gesundheitsdirektorenkonferenz die Kantone, die solche Anlagen betreiben müssen. Für ihn sind das grösstenteils Anlagen, die mit der heutigen Medizin nicht mehr viel zu tun haben. «Die Schutzanlagen wurden zumeist im damaligen Zustand belassen.» Deshalb könnten sie für moderne Behandlungen kaum mehr gebraucht werden.

Das bedeute aber noch lange nicht, dass die Schweiz deshalb schlecht auf eine Katastrophe wie etwa ein Erdbeben vorbereitet sei, so Jordi. Im Katastrophenfall könne sich die Schweiz entsprechend dem Vorgehen während der Covid-19-Krise auf die vorhandenen Spitäler stützen und etwa nicht dringende Eingriffe zurückstellen. Das gebe Kapazitäten zur Katastrophenbewältigung frei.

In einem Krieg könnten die unterirdischen Anlagen vielleicht eine Rolle spielen. Gleichwohl ist es an der Zeit, diesen alten Zopf grundsätzlich zu überdenken.

SRF 4 News, Echo der Zeit vom 29.5.2020, 18.00 Uhr

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Hans König  (Hans König)
    Leider ist es so, dass diese - mit viel Geld - erstellten Objekte nicht mehr gewartet wurden. Es ist ein Skandal, dass die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden. In letzter Zeit hat die Gefahr einer atomaren Auseinandersetzung erheblich zugenommen. Sollte ein atomarer Krieg ausser Kontrolle geraten, wird nur ein Teil der Bevölkerung in geschützten Anlagen überleben.
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  • Kommentar von Alex Kramer  (Kaspar)
    "Für moderne Behandlungen nicht zu gebrauchen"
    mit einem Totschlagargument gewinnt man keine Krisen. Ganz egal, wer sowas rauslässt: In der Not operiert der Chirurg auch unterirdisch.
    Wir haben ein Luxusproblem im Gesundheitunwesen und während der Plandemie leerstehende Pflegestationen. Vielleicht hat man in diesen Bunkern doch noch Vorteile, da es dort wahrscheinlich noch keine Multiresistenzen gibt, die jedes Jahr tausende von Leben kosten. Da ist die CH Spitzenreiter in ihrer Modernität.
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    1. Antwort von Bert Kramer  (Bertkramer)
      Absolut richtig!
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  • Kommentar von Adriano Granello  (Adriano Granello)
    Die nationale Bauwirtschaft und die Ausrüstungsindustrie haben in der Zeit des Kalten Krieges prächtige Geschäfte gemacht aufgrund der Vorschriften zum Bau von privaten Schutzbunkern, riesigen Zivilschutzanlagen und eben solchen geschützten Operationsstellen. Einer Bewährungsprobe mussten sich die viele Milliarden teuren Anlagen nie stellen, und so ist zu bezweifeln, dass sie den Anforderungen der Realität jemals entsprochen hätten. Gleiches gilt übrigens für unsere tolle Schweizer Armee...
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    1. Antwort von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
      Aua lieber Herr Granello. Da müssen Sie ein bisschen nachholen: Jede präventive Einrichtung/Organisation erfüllt ihren Zweck wie eine Versicherung: Jeder von uns (in CH) hat eine Krankenkasse, zahlt sehr viel Prämien und hofft dennoch NIE, krank zu werden. Mit der Armee, Feuerwehr, Polizei,usw. ist es genau das Gleiche: Man investiert viel Geld und hofft diese NIE zu benötigen. Wenn notwendig sind sie aber da,um uns zu beschützen. Denken Sie an die Masken wegen Corona. Dies hat man man verpasst.
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